Zwischen Weltpolitik und Inlandskrise: Monika Rios über Kolumbien

Dschungel und Großstadtdschungel - Kolumbiens Gegensätze werden zu politischen Gräben, das haben die Ereignisse rund um den FARC-Frieden gezeigt.

Am 02. Oktober ging ein Schock durch Kolumbien. Das von der Regierung über vier Jahre ausgehandelte Friedensabkommen mit den FARC Rebellen ist gescheitert. Eine äußerst knappe Mehrheit von 50,2 Prozent stimmten bei einem Referendum für “NO”. Noch schockierender: Die Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent.

Dies hat Futur Drei zum Anlass genommen, mit der an der ZU lehrenden Kolumbianerin Monika Rios über die Situation in ihrem Heimatland zu sprechen.

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Was ist Ihre Heimat? Kolumbien, Deutschland oder beides?

Das ist schwierig. Wenn man in vielen Orten gelebt hat, fühlt man keine enge Bindung zu einem speziellen. Ich komme zu gleichen Teilen aus den beiden größten Städten Kolumbiens: Medellín und Bogota. Ich bin aber in Deutschland geboren. Mein Verhältnis zu Kolumbien und auch zu Deutschland hat sich in meiner persönlichen Geschichte oft verändert. Meine Beziehung zu Kolumbien war immer eng aber ich bin auf eine deutsche Schule gegangen und identifiziere mich seitdem mit der deutschen Kultur. Nun lebe ich seit 12 Jahren in Deutschland.

Ich kenne viele Leute, die unzufrieden sind mit dem Land in dem sie leben. Es hängt immer davon ab, wie gut man sich als Person anpasst. Und in einem Land zu leben, dessen Kultur den eigenen Vorlieben entgegenkommt!

Durch ein bestimmtes Ereignis ist Kolumbien in den letzten Wochen in die Weltöffentlichkeit getreten: das Scheitern des Friedensabkommens. Verstehen Sie, dass viele Kolumbianer Probleme haben, Frieden mit Terroristen zu schließen?

 Man muss wissen, dass hinter dem Referendum ein politischer Machtkampf steckt. Die Opposition unter Ex-Präsident Alvaro Uribe hat eine öffentlichkeitswirksame Nein-Kampagne durchgeführt, deren Ziel es in erster Linie war, sich ein Mitspracherecht in den Verhandlungen zu erkämpfen. Ein innenpolitisches Machtspiel also.

Nun ist die Zukunft des Abkommens ungewiss. Die Gegner des Abkommens haben keinen klaren Plan, wie es weitergehen soll. Nach vier Jahren Verhandlungen ist der bestmögliche Kompromiss gescheitert.

Ist das kolumbianische Volk gegen einen Frieden mit FARC?

Nein! Es haben effektiv nur ein Fünftel der Kolumbianer gegen das Abkommen gestimmt. Dies lag daran, dass die Nein Kampagne viel aktiver war. Auch die Kirche stand zu großen Teilen hinter dem Nein, was in einem katholischen Land wie Kolumbien viel ausmacht. Viele Befürworter des Abkommens hätten nie gedacht, dass es scheitern könnte und sind nicht wählen gegangen.

In städtischen Gebieten wurde vermehrt für Nein gestimmt, auf dem Land eher für den Frieden, woran liegt das?

Die Leute, die bequem in ihren Großstadthäusern sitzen, haben keinen Kontakt zum Krieg. Die Landbevölkerung hingegen leidet immer noch unter dem Krieg und wünscht sich nichts sehnlicher als den Frieden. Für Sie ist ein Abkommen – sei es auch kein perfektes – wichtiger als alles andere.

Ein allgegenwärtiges Thema, das man mit Kolumbien assoziiert, ist der Drogenkrieg. Haben Sie die Netflix-Serie “Narcos” gesehen?

Ja, habe ich. Zu der Zeit, in der die Serie spielt, habe ich in Medellín gewohnt. In Kolumbien haben die Leute die Serie sehr aufmerksam verfolgt. Ich habe viel, was in der Serie thematisiert wird, miterlebt. Ich erinnere mich noch deutlich an das amerikanische Aufklärungsflugzeug, das nachts über uns kreiste. Man konnte es hören aber nie sehen.

Die Serie ist eine sehr gute Methode für Kolumbien, sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen und zu konfrontieren. In Medellín hat diese dunkle Zeit immer noch Auswirkungen. Viele Jugendliche jagen dem schnellen Geld nach und das Gesetz ist ihnen dabei egal.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Kolumbien ein?

Kaum besser. Es wirkt ruhiger als in der Zeit Escobars. Der Grund ist jedoch nur, dass sich die Narcos weniger auffälig verhalten. Die Statistiken sprechen eine andere Sprache: In Kolumbien wurde nie mehr Kokain produziert als in 2015.

Kolumbien ist von großer Ungleichheit geprägt. Soziale Mobilität ist kaum vorhanden. Solange das so bleibt, kann es keinen Frieden geben.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft Kolumbiens angeht?

Ich wäre es gerne. Es gibt viele positive Trends aber sie setzen sich bisher nicht durch. Alles in allem kann ich nicht wirklich optimistisch sein.

Zum Abschluss ein angenehmeres Thema. Können Sie unseren Lesern einen kolumbianischen Film empfehlen?

Ein Film, der die kolumbianische Lebensart sehr gut beschreibt ist “Die Strategie der Schnecke”. Ein sehr amüsanter Film, der den Krieg mit FARC auf eine komische Weise thematisiert ist “Golpe de estadio”.

Und wo muss man – als Tourist – in Kolumbien gewesen sein?

Definitiv an der Karibikküste. Cartagena ist eine Weltkulturstadt mit einem wunderschönen Strand. Außerdem die kolonialen Städte in der “Zona Cafetera”, in der Kolumbiens wichtigstes Exportgut hergestellt wird: Der Kaffee.

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Der Dialog mit Frau Rios hat viele Facetten der aktuellen Lage aufgezeigt. Nach einem längeren Gespräch war das Resümee eher pessimistisch. Das ist ernüchternd, aber entspricht der Wirklichkeit und der Sichtweise vieler Kolumbianer. Darüber kann auch die Verleihung des Friedensnobelpreises an den kolumbianischen Präsidenten nicht hinwegtäuschen.

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