Zwei Nächte in Benztown

wie ein bunt ausgeleuchtetes Parkhaus: das White Noise in Stuttgart (Foto: Antje Quiram, via raumkunst.de)

Feiertechnisch sieht’s in Friedrichshafen eher mau aus und Berlin ist einfach zu weit weg. Die Lösung? Stuttgart!

Seit einem Jahr studiere ich jetzt in Friedrichshafen und eine Sache war mir eigentlich schon von Anfang an klar: Feiertechnisch sieht das hier ganz mies aus. Dementsprechend entschied ich ziemlich bald, mich hier auf mein Studium zu konzentrieren und meine Feierwut dafür in Städten auszulassen, in denen es sich lohnt.  Dabei führt mich mein Weg immer wieder in das nahegelegene Stuttgart. Obwohl es sich hierbei um meine Heimatstadt handelt und meine Ansichten dementsprechend durchaus parteiisch gefärbt sein könnten, habe ich das Gefühl, dass die Kesselstadt zumindest was Feierkultur angeht sehr unterschätzt wird und nach Berlin und Frankfurt eine der interessantesten Elektroszenen Deutschlands vorzuweisen hat. Nur knapp zwei Stunden von See entfernt bietet sich hier die Möglichkeiten, auch abseits des Techno-Mekkas Berlin auf seine Kosten zu kommen. Um das zu beweisen, habe ich zwei Nächte in Stuttgart verbracht und meine Erlebnisse im White Noise und im Lehmann, zwei für die Szene der Stadt repräsentativen Clubs, niedergeschrieben.

 

White Noise
Eberhardtstraße 35
70173 Stuttgart

„Normalerweise wird’s erst ab 1 oder 2 Uhr voll“, versichert uns Noa auf dem Weg zum Club. Trotzdem erreichen uns bereits unterwegs panische Anrufe, die vor einer „übel lange Schlage“ warnen. Die Gerüchte stellen sich bei unserer Ankunft dann aber schnell als haltlos heraus: es verspricht, einen mittelvoller Abend mit einem ausgewogenen Crowd-Platz-Verhältnis zu werden.

Das White Noise ist ein relativ neues Etablissement in der Clublandschaft von Stuttgarts. Die Musik, die hier gespielt wird, ist zumeist elektronisch und tendenziell dem House-Gerne zuzuordnen, doch beinhaltet sie viele alternative und experimentelle Elemente. Das Line-Up orientiert sich eher an regionalen Künstlern und bietet wenig große Namen. Trotz des Fehlens internationaler Stars stimmt die Qualität des Sounds an den meisten Abenden. Heute hat uns eine Veranstaltung des Labels “Kitjen” her gelockt, die mit dem besonderen musikalischen Leckerbissen Igor Tipura aufwartet.  Der Club ist eingeteilt in zwei Hälften: Da gibt es einmal das „White“ eine Bar, in welcher zwar auch Musik gespielt wird, die aber eher an einen Chill-Out Bereich erinnert. An feierfreien Tagen bietet dieser Ort auch Platz für Live-Konzerte, Kinovorstellungen, Lesungen, Ausstellungen und andere Grenzgänge. Die zweite Hälfte ist das „Noise“, welches als Club konzipiert ist und durch eine große offene Fläche zum Tanzen einlädt. Getrennt werden die zwei Locations durch einen Innenhof.

Nachdem wir uns einen Stempel geholt haben, entschieden wir uns auf ein Bierchen ins „White“ zu gehen. Mit der offenen Bar und den als Holztribüne konzipierten Sitzgelegenheiten herrscht hier meist eine gewisse Wohnzimmeratmosphäre, bei der man man schnell ins Gespräch mit anderen Gästen kommt.  Wenn es auf der Tribüne zu voll wird und selbst die zwei Sitzecken unter der Holzkonstruktion (Geheimtipp!) belegt sind, bietet der Innenhof mit seinen vielen Tischen die Möglichkeit, das Barerlebnis mit einem Touch von Biergarten-Atmosphäre zu ergänzen. Heute überqueren wir diesen Platz zielstrebig, um zum Noise zu gelangen. Hier treffen wir auf die Türsteher – leicht einschüchternd, aber in den meisten Fällen harmlos. Beim Thema Dresscode scheint es hier keinerlei Restriktionen zu geben – allerdings herrscht gerüchteweise wie in den meisten Techno-Schuppen Stuttgarts eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Dirndln und Trachten.

Drinnen angekommen finden wir uns in einem Raum wieder, der das Gefühl von einem bunt ausgeleuchteten Parkhaus vermittelt. Das DJ-Pult, die Sitzgelegenheiten an den Seiten sowie die Bar bestehen aus massivem Beton, ein paar Neonröhren an der Decke dienen als einzige Lichtquelle.  Läuft man an der Bar vorbei, steht man vor einem Vorhang, der sehr an den eines Schlachthauses erinnert. Hinter diesem Vorhang befindet sich der gekachelte Raucherbereich, in dem erneut Stufenelemente als Sitzgelegenheiten dienen. Alles in allem gefällt mir der Stil des Noise. Das Verhältnis zwischen Tanzfläche und Sitzgelegenheiten stimmt, die Dekoration ist auf ein Minimum reduziert. Diese minimalistische Gestaltung des Clubs zieht meine Aufmerksamkeit ziemlich schnell auf das Wesentliche, nämlich die Crowd in der Mitte des Clubs.

Das Publikum ist ein bunter Mischmasch der verschieden Subkulturen der Stadt und lässt sich wohl am ehesten mit dem nichtsagenden Wort „Alternativ“ beschreiben. Hier feiern Menschen, die im Zweifel überdurchschnittlich oft „irgendwas mit Medien“ machen. Keiner versucht, den Coolen zu spielen, der Großteil ist hier, um eine gute Zeit zu haben und vor allem die Sau rauszulassen. Angesichts der doch sehr lockere Drogenpolitik des Clubs scheint die Selbstregulierung der Besucher gut zu funktionieren: anders als in vielen anderen Techno- Clubs nehme ich hier keine „Keta-Leichen“ oder „Beißer“ in unangenehmem Maße wahr. Beim Klobesuch sollte man dennoch ein wenig Zeit einplanen, da die Kabinen oft genug besetzt sind.

Das White Noise eignet sich sowohl für Veteranen der elektronischen Tanzmusik als auch für Neueinsteiger, da es in der Musikauswahl sehr variabel ist und man seinen DJs nur sehr selten den Vorwurf der Monotonie machen kann. Der Eintrittspreis liegt meist bei 10-15 Euro, was unter Berücksichtigung der Qualität von Club, Atmosphäre und Sound absolut vertretbar ist. Hier wird jeder glücklich, der nicht viel auf krasse Deko und Prunk gibt, sondern aufgrund des Sounds kommt.

Stiftung Malcolm Test sagt: sehr gut!

 

Lehmann
Untergeschoss des Bosch-Areals
Seidenstraße 20,
70174 Stuttgart

Das Lehmann ist für seine starke Anlage und sein hochkarätiges, internationales Line-Up bekannt. Wahrscheinlich kam in Stuttgart nur das legendäre (und mittlerweile leider geschlossene) Rocker 33 an die Bekanntheit dieser Technohochburg ran Ich hatte meine Gründe, warum ich den Club trotzdem mied, doch waren meine letzten Abenteuer schon etwas länger her und ich hatte auch schon viel zu lange keine dummen Entscheidungen mehr getroffen. Also beschloss ich, auch der Vollständigkeit dieser Kritik halber, dem Lehmann eine neue Chance zu geben.

Kaum stehen wir in der Schlage, schon dämmert mir wieder warum ich so lange kein Fuß ins Lehmann gesetzt hatte. Dafür reicht ein Blick auf die Türsteher. Deutlich zu viel Testosteron und (schätzungsweise) Kokain gehen hier eine schwer bekömmliche Mischung ein, gewürzt wird dieser Cocktail der Unannehmlichkeiten mit einem Humor, der einzig darauf abzielt, die Gäste zu provozieren. Dies macht es mir immer wieder schwer nachzuvollziehen, wie sich dieser Club so lange halten kann. Dank unserer Vorverkaufskarten für die heutige Veranstaltung mit DVS1 und Blawan kommen wir, mit ein paar dummen Kommentaren versehen, an ihnen vorbei. Gerade, wenn ein bekannter DJ auf dem Line-Up steht, empfiehlt sich der Kniff, sein Eintrittsticket für rund 15 Euro vorab online zu kaufen, damit die Worte „Heute nicht“ der Partynacht kein jähes Ende bereiten.

Die Lage des Clubs erscheint auf den ersten Blick sehr deplatziert und gar nicht wie man sich einen Technoclub vorstellt. So liegt das Lehmann im ersten Stock eines Kaufhauses inmitten von Bars und Biosupermärkten. Spätestens wenn man im Foyer des Clubs steht, verschwindet dieser Eindruck der  aber. Durch die schwarzen Decken und Wänden entsteht eine düstere Stimmung, welche von dem durch den ganzen Club wummernden Bässe untermalt und durch eine in Rottönen blendende und sehr Strobo-lastigen Lichtshow abgerundet wird. Kurz: Alles in diesem Club schreit: Techno!  Mit einer Anlage, die in Stuttgart ihresgleichen sucht, ist es keine Schande, wenn man den an der Bar angebotenen Ohrenschutz in Anspruch nimmt. Man hört auch damit noch genug und danach wahrscheinlich deutlich mehr als die Leute, die zu cool für diese Sicherheitsmaßnahmen sind.

Bei der Garderobe wird dann peinlichst genau aufgepasst, dass sich auch ja niemand vordrängelt. An sich eine gute Idee, wenn man sich hier bloß nicht schon wieder vom Personal vorgeführt und bevormundet vorkommen würde. Auf der Tanzfläche herrscht dann endlich eine gelöstere Stimmung, auch wenn ziemlich schnell deutlich wird, dass hier mit deutlich mehr Drogen als in einem „normalen“ Club nachgeholfen wurde. Zum Glück ist es so dunkel, dass man die anderen Partygäste nur schemenhaft im Strobolicht wahrnimmt und somit auch nicht genau mitkriegt, wie zugedröhnt die meisten Gäste sind. Den ernüchternden Moment, in dem das Licht angeht, sollte man sich dementsprechend auch am besten ersparen und den Club schon vorher verlassen. Nach 2 Stunden den Shufflern ausweichendem Tanzen (Ja, Stuttgart ist leider nach wie vor eine Shufflerhochburg) brauche ich erstmal eine Pause. Doch diese gestaltet sich, und darin liegt der Hauptnachteil im Konzept des Lehmanns, äußerst schwierig.

Zwar hat das Lehmann die Zeichen der Zeit gesehen und bietet seit vergangenem Sommer endlich kostenloses Wasser an, jedoch gibt es nahezu keine und schon gar keine bequemen Sitzgelegenheiten, um dieses Wasser oder auch andere Getränke zu genießen. Man muss sich stattdessen raus in die Kälte stellen und hat dort erneut das Gefühl der absoluten Deplatzierung. Auch in dieser augenscheinlich improvisierte Raucherecke gibt es keine Sitzgelegenheiten, bestenfalls kann man darauf hoffen, einen der bereitgestellten Bierkästen zu erwischen.

Die Musik des Clubs lässt sich auch auf ein Wort reduzieren: TECHNO! Das Lehmann ist seit Jahren dafür bekannt, dass es vor allem DJs einlädt, die es ordentlich scheppern und krachen lassen. Hier gibt’s harte Bässe mit krachende Beats, die allerdings zugegebenermaßen teilweise ein wenig monoton wirken können. So geben sich hier beispielsweise DJs der Labels „abstrakt“ und „Drumcore“ die Klinke in die Hand. Gespickt wird das Line Up mit den großen Namen der internationalen Technoszene: Dax J, Richie Hawtin und Sam Pagnaini. Die Kombination aus einer harten Musik und einer noch krasseren Anlage, welche oft bis zu Maximum ausgereizt wird, bescheren einem das Gefühl, das die Basswellen den Körper ganz ohne Zutun bewegen.

Das Lehmann-Publikum ist schwer einzuschätzen, da es aufgrund der fehlenden Rückzugsräume, der lauten Musik und dem geringen Licht zu nahezu keinem Kontakt kommt. Der Grundkonsens ist Ausrasten und wer beim Feiern nette Leute zum quatschen und networken treffen will, ist hier definitiv im falschen Club. Auch wenn ich bisher keinen expliziten Dresscode ausmachen konnte, ist der Hauptteil des Crowd passend zu ihrer Umgebung dunkel gekleidet. Böse Zungen würden den Publikumseindruck als Technoklischee beschreiben: viel nackte Haut, Tattoos, Tanktops und Sonnenbrillen.

Nach sieben Stunden fast durchgängigen Stehen und Tanzen machten wir uns erschöpft auf dem Heimweg und ich beschließe für mich, dass es gerne wieder zwei Jahre dauern kann, bis ich wieder ein Fuß über die Schwelle dieser des Lehmanns setze. So war die Musik zwar gut und auch im Punkto Atmosphäre bleibt wenig zu kritisieren, aber das vollkommene Fehlen von entspannten Chill-Out Bereichen und ein unsympathisches Personal an Tür, Garderobe und Bar machen den Besuch zu einem sehr stressigen Erlebnis. Ich würde diesen Club nur erfahren Ravern empfehlen, die nicht schockiert sind, wenn sie auf einige der verloren Seelen des Nachtlebens treffen. Hier wird jeder glücklich, der mal eine ganze Nacht ausrasten, durchtanzen und alles um sich herum vergessen will.

Stiftung Malcolm Test sagt: befriedigend –

 

Interesse geweckt?

Wer mehr über die Geschichte und den Status quo der elektronischen Musik in Stuttgart lernen will, findet hier eine ausführliche und differenzierte Doku zum Thema

 

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