„Das Versprechen einfacher Lösungen ist Gift für die Wissenschaft“

Die Stimmung ausgelassen, die Umstände angespannt: Feuerwerke repräsentieren nur das Außen-, nicht aber das Innenbild des Wissenschaftsbetriebs in Lindau. Bild: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings

Im politischen und gesellschaftlichen Ringkampf um die Wahrheit wird immer weniger auf die Schiedsrichter geschaut. Die Zeiten, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Autoritäten nicht nur der Information, sondern auch der Moral galten, sind vorbei. Futur drei hat sich mit der Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny und dem Mikrobiologen Ruairi Robertson über den Zustand der Wissenschaft im Jahr 2018 unterhalten. Die Community ist gefangen zwischen drei verschiedenen Fliehkräften.

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In Lindau treffen sich, das haben bereits zwei Artikel dieser Reihe beleuchtet, junge, aufstrebende Naturwissenschaftler mit solchen, die ihre Karriere mit dem Nobelpreis krönen konnten. In Friedrichshafen studieren seit fünfzehn Jahren Sozialwissenschaftler zwischen Disziplinen und über diese hinweg. Bevor die wenigen Gemeinsamkeiten dieser Institutionen überstrapaziert werden, lassen sich bereits die Grenzen dieser Orte des Austauschs abstecken: Sie liegen am Präfix der Wissenschaften. Natur- oder Sozial.

Helga Nowotny ist in der komfortablen Situation, nicht nur Sozial-, sondern auch ‚Wissenschaftswissenschaftlerin‘ zu sein. Nachdem Hegel mit seinem Tod die Stelle des Universalgelehrten frei ließ, ist eine solche Berufsbeschreibung heute wohl die Möglichkeit, sich über alle Disziplinen hinweg Anerkennung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu sichern. Nowotny war von 2010 bis 2013 Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC) und kennt das Fremdeln der Natur- mit den Sozialwissenschaftlern (und vice versa). „Es ist meine feste Überzeugung, dass wir für die Bewältigung der anstehenden Probleme eine weitaus stärkere Zusammenarbeit der Naturwissenschaften mit den Sozial- und Geisteswissenschaften benötigen“, sagt sie im Interview mit Futur drei. Auf der Nobelpreisträgerkonferenz werden die Anknüpfungspunkte immer wieder deutlich. „Wie Gesellschaft funktioniert, wenn es um den Klimawandel geht; welcher gesellschaftliche und kulturelle Kontext Kontroversen wie die um GVOs (gentechnisch veränderte Organismen, Anm. d. Red.) beeinflusst“, sind laut Nowotny nur zwei eindrückliche Beispiele dafür.

Es ist nur wünschenswert, dass die bestehenden Kooperationen ausgeweitet werden. Besonders unter jungen Forschern ist dies Konsens. Ruairi Robertson, Ernährungswissenschaftler und Mikrobiologe, berichtet uns im Interview davon, wie er beim Thema Unterernährung vermehrt mit Geographen und Psychologen forscht, um einen holistischen Zugang zu diesem Problem zu gewinnen. „Diese Art der Zusammenarbeit wird immer wichtiger“, sagt er.

Der Wissenschaftsbetrieb stünde im Falle einer umfassenden interdisziplinären Zusammenarbeit und (man lehne sich weit aus dem Fenster) Freundschaft mit breitem Rücken vor den aktuellen Herausforderungen. Diese zerren wie Fliehkräfte an einer fragmentierten Gemeinschaft, und lassen sich auf Basis der unzähligen Vorträge, Diskussionen und Zwiegespräche im kurzzeitigen Weltzentrum des Wissenschaftsdiskurses Lindau in drei Probleme einteilen:

  1. Die Versuchung von Einfachheit und Sensation
  2. Der Einfluss der Politik und der Kampf gegen deren Fake News
  3. Die Suche nach neuen Kommunikationsformen

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Die erste Fliehkraft ist wohl der Wissenschaft am meisten inhärent, neu ist sie zumindest nicht. Warum also die Aufregung und Listenplatz 1? Weil sich hier die Beziehungsprobleme zwischen Wissenschaft und Gesellschaft am deutlichsten offenbaren: Wie Elizabeth Blackburn es vergangene Woche sagte, ist die Wissenschaft in erster Linie daran interessiert, der Menschheit Gutes zu tun. Die Menschheit erwartet ob dieses Versprechens Antworten und Lösungen für die drängenden Probleme der Zeit und gibt sich immer weniger mit dem zufrieden, was sie vorgesetzt bekommt. Robertson unterstreicht dies beim Thema Ernährung: „Ernährung ist eigentlich sehr langweilig, da es keine geheime Antwort gibt. Die Antwort ist: Iss Obst und Gemüse, iss verschiedene Getreidesorten.“ Keine Superfoods, auch keine Grenzmauern, keine Marsmissionen. Die Antworten, die die Forschung der Allgemeinheit zur Verfügung stellen kann, sind genauso kleinteilig und technisch wie der Wissenschaftsprozess selbst. Damit sind Forschungsergebnisse oftmals die Antithese zu dem, was die Erwartungshaltung der Menschen symbolisiert. Wer fängt an, Zugeständnisse zu machen? „Die ‚scientific community’ muss den Prozess des Forschens selbst verständlicher machen und nicht so sehr das Endprodukt“, meint Helga Nowotny. „Dann kann viel besser vermittelt werden wie sie mit Ungewissheit, Wahrscheinlichkeiten und dem Zufall umgeht.“ Das klingt nach einem anderen Ansatz als die in Intellektuellenkreisen (wo auch sonst) verbreitete Ansicht, man bräuchte ein neues Elitenbewusstsein. Die Zeiten, in denen wissenschaftlichen Eliten blind vertraut wird, sind vorbei. Unter anderem deshalb ist Ruairi Robertson als „Nutridoctor“ auf Instagram und gibt einem kleinen Studentenmagazin Interviews. Es ist an den jungen Wissenschaftlern selbst, die Brücken zum „kleinen Mann“ wieder abzubauen und bestenfalls sogar die nervtötende Dichotomie von den Wissenschaftlern und den einfachen Leuten aufzuweichen.

Die Folgen des Die-da-oben-und-wir-hier-unten-Denkens bilden eine zweite Fliehkraft, die als sog. Fake News am stärksten in die der Wissenschaft entgegengesetzten Richtung wirkt. Wenn es so etwas wie einen ehrlichen Prototyp-Forscher gibt, dann kann dieser den Wunsch der Menschen nach einfachen Lösungen verstehen. Was er nicht verstehen kann, ist, dass seine Arbeit, die er frei nach Blackburn’s Aussage dem Menschenwohl verschreibt, von politischen Akteuren neu geframed wird. Der junge Robertson, der sich an einem solchen Idealbild orientiert, formuliert den Angriff auf das wissenschaftliche Arbeitsethos so: „Menschen mit politischen oder finanziellen Interessen versuchen, es [das Ethos, Anm. d. Red.] auszuhöhlen und sie erzählen, dass Fakten nicht mehr Fakten sind“. Es scheint viel am zum Buzzword verkommenen Begriff der Fakten zu hängen, deren Existenz von Links und Rechts bestritten wird. Unter anderem durch ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Konzept kann Nowotny diesen Streit semantisch etwas entschärfen: „Die ‚scientific community’ hat erprobte Mechanismen um wissenschaftlichen Konsens herzustellen. Kritik innerhalb der Wissenschaft ist ganz normal, aber man erreicht dann doch eine tragfähige Übereinstimmung.“

Lässt man den erkenntnistheoretischen Aspekt beiseite, bleibt der Eindruck, dass die Enttäuschung der Öffentlichkeit über die Wissenschaft von dieser erwidert wird. Jahrhundertelang praktizierte Techniken der Wissensgenerierung werden, für viele Forscher ohne erkennbaren Grund, zugunsten von freier Meinungsbildung beiseite gewischt. Der Schuldige ist für 80 Prozent der Lindauer Nobelpreisträgerkonferenz schnell ausgemacht: Donald Trump. Den anderen 20 Prozent pulsiert bei dieser Namensnennung die Schläfe, ob der damit zu Tage tretenden Unkenntnis der Elfenbeinturmgesellschaft über die Umstände in der echten Welt.

Die Antwort in der Schuldfrage liegt wohl, wie immer, in der Mitte. Auch wenn die Wissenschaft erprobte Deliberationsmechanismen hat – sie sind nicht die gleichen wie die der Demokratie. Und auch wenn berechtigterweise Kritik hieran geübt werden kann – vielen Kritikern ist der Sinn für das eigene Unwissen abhandengekommen. Und somit ist die dritte Fliehkraft, die der Wissenschaft zusetzt, eine fatale Kommunikationskluft.

Da wäre auf der einen Seite der Bedarf nach einer positiven Kommunikation existenter Forschung durch die Forschenden. Die Angst vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kann zumindest zum Teil durch ein neues Vertrauen in die Bewältigung dieser aufgefangen werden. An diesem Punkt kommen selbstverständlich die Medien ins Spiel, die als (Achtung, Wortwitz) Mediator auftreten müssen. Diese Mediatorrolle wäre passiver als das, was momentan stattfindet. Helga Nowotny hat hier eine klare Meinung: „Die Medien müssen sich von der falschen Vorstellung verabschieden, sie müssten bei Kontroversen alle wissenschaftlichen Pro- und Kontrameinungen ausgeglichen wiedergeben“.

Auf der anderen Seite muss eine Antwort auf die Schnelligkeit von Kommunikation im digitalen Zeitalter gefunden werden. Die inkrementell und langsam erfolgende Arbeitsweise der meisten Wissenschaften, wird – ob zu Recht oder zu Unrecht – immer weiter unter Druck geraten. Ruairi Robertsons Ansatz, seine Mitmenschen auf Facebook, Instagram und co. mit kleinen Nebenprodukten und Weisheiten aus dem Wissenschaftsalltag abzuholen, könnte in dieser Drucksituation eine überraschend einfache Lösung oder nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein.

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So ganz sicher ist sich niemand in der Wissenschafts-Community, welche Strategie im Angesicht der Fliehkräfte die richtige ist. Es wird betont, dass das Finden und Überschreiben von Wahrheiten auch heute noch möglich ist, und dass Kommunikationsbereitschaft besteht. Das Treffen in Lindau ist das beste Beispiel. Doch muss man der Community vielleicht allein aufgrund ihrer privilegierten Position mehr abverlangen als der breiten Masse. Wenn also die jungen Wissenschaftlerinnen die neuen Fotos mit Nobelpreisträgern eingerahmt haben, müssen sie alle sich fragen: Wie bringen wir die Fakten unter die Leute? Und dann steht sie vor der Aufgabe, nicht der Versuchung der Mittel zu verfallen, die die Antagonisten vor ihren Twitter-Accounts verwenden. Denn, das weiß Nowotny als Vizepräsidentin des Lindauer Kuratoriums und das sollte jedes Kind im Sandkasten wissen: „Es wäre ein grober Fehler, genauso zu reagieren, wie dies diejenigen tun, die Fake News und die Verleugnung von wissenschaftlichen Tatsachen aggressiv verbreiten. Auf Emotionen darf man nicht mit Emotionen reagieren und das Versprechen einfacher Lösungen ist Gift für die Wissenschaft.“

 

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Futur drei @ LINO18

Bei der Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau diskutieren junge Wissenschaftler*innen mit ihren Idolen. Frieda und Phillip beleuchten in dieser Artikelreihe aus verschiedenen Perspektiven das Event und die Themen, die aktuell in der scientific community diskutiert werden.

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