Weniger Vibration, mehr knistern: Beziehung und Handys | #TheOtherSide

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und schauen gebannt auf ihr Smartphone
Two Strangers | Photo by Anne Hoang, Unsplash

Smartphones, Laptops und WiFi erscheinen wie die Lebensgrundlage unserer Generation. Wir kommunizieren, lernen und arbeiten permanent, digital und mobil. Wir sind befreit von Ort und Zeit, können Medien konsumieren oder Beziehungen über tausende Kilometer Entfernung pflegen. Doch wie wirkt sich unser globaler Fokus in die Welt hinaus auf das Leben vor Ort aus? Welche Effekte hat diese digitale Allverbundenheit auf unsere analogen Freunde und Partner?

Der Wecker klingelt, ich wache auf. Mein Blick fällt auf das bimmelnde Handy. Egal, ob es nachts im Flugmodus oder auf lautlos war, direkt ab dem Aufstehen ist es mein fester Begleiter für den kommenden Tag. Alle zwanzig Minuten eine neue Pushnachricht: Tagesschau, Tinder, Facebook, YouTube. Mit dem ersten Augenaufschlag bin ich hyperconnected.

Unser Smartphone als Portal zur Welt

Durch seine Allgegenwärtigkeit ist das Smartphone zu unserer zentralen Nachrichtenquelle geworden: Auch wenn wir mit mobilem Internet aufgewachsen sind, ist die Technologie noch vergleichsweise jung. Für uns bedeutet dies, dass wir einen gesunden Umgang mit ihr lernen müssen. „Junge Nutzer kleben am Bildschirm“ – so formulierte es Deloitte in einer Studie aus dem Jahr 2018. Wer zwischen 18 und 24 Jahre alt ist, schaut im Schnitt 56 Mal am Tag auf das LCD-Display des Handys. Die Zahl scheint auf den ersten Blick im Rahmen zu sein – andererseits starren wir so 20.440 Mal im Jahr auf unser mobiles Endgerät. Im Durchschnitt.

Jeder von uns ist auch nach der Uni oder Arbeit erreichbar. Vielleicht nicht für unseren Chef, aber ganz sicher für unsere Freunde. Aus Langeweile checkt man mal eben kurz den Facebook-Feed oder verfolgt aus Neugierde die Insta-Storys von alten Schulfreunden. Selbst mit dem Vorsatz im hier und jetzt leben zu wollen ertappe ich mich regelmäßig dabei, wie ich doch mal eben 20 Minuten auf WhatsApp hängenbleibe. Doch was hat dies für Auswirkungen auf meine Beziehungen?

Partner vs. Smartphone

Es ist ein ganz normaler Abend, gegen 17.30 Uhr. Ich komme vom Einkaufen nach Hause, kurz darauf kommt meine Partnerin von der Arbeit. Der Rucksack landet in der Ecke, eine kurze Umarmung, dann setzt sie sich zu mir in die Küche. Beim Hacken der Zwiebeln versuche ich ein Gespräch zu beginnen – wir wechseln ein paar Worte –doch schnell kommt die Unterhaltung ins Stocken: sie muss ihr WhatsApp beantworten.

Nach ein paar Minuten bemühter Konversation gebe ich auf. Chrissi sitzt noch immer hinter mir auf dem Stuhl – mittlerweile hat sie sich dank In-Ear-Kopfhörer völlig von der Außenwelt abgeschottet. Weder die Abzugshaube noch meine Stimme dringen zu ihr durch. Gebannt starrt sie auf den kleinen Bildschirm und scheint völlig versunken. Sie wirft mir einen etwas überraschten Blick zu, als die Pizza gute 25 Minuten später vor ihr steht.

Sie schaltet die Kopfhörer aus, das YouTube Video läuft jetzt laut weiter – „nur noch fünf Minuten“. Später beim Gespräch scheint das Vibrieren ihres Handys mich mehr abzulenken als sie. Ich bin genervt. Und mit meinem Gefühl nicht allein: die bloße Anwesenheit eines Smartphones kann Gespräche negativ beeinflussen. Es lenkt ab. Für sie ist es einfach Teil ihres Lifestyles, auf mich wirkt es, als sei es Teil von Ihr. Amputationserfahrung und Phantomschmerzen bei nicht-auffinden des mobilen Endgerätes inklusive.

Unsere Aufmerksamkeit ist für uns kostenlos – für alle anderen ein knappes Gut.

Für mich fühlt es sich an, als stünde ich im konstanten Wettbewerb mit einem Ding oder ein paar Zeilen Code. Doch das ist nicht war. In Wahrheit verliere ich gegen hunderte von Entwicklern, die ausgeklügelte digitale Drogen zusammenprogrammieren. Jede App ist darauf ausgelegt, uns so lange wie möglich im System zu halten. Dafür appellieren die Funktionen an unser Belohnungszentrum: Ganz automatisch wollen wir immer mehr Likes, mehr Aufmerksamkeit und Informationen – im Gegenzug schenken wir den Apps unser wichtigstes Gut: Lebenszeit.

Damit das System funktioniert, werden Apps schon lange nicht mehr nur von IT-Spezialisten, sondern auch von Psychologen designt. Unternehmen wie Facebook und Co wollen uns damit nicht per se schaden, sondern agieren aus schlichtem Überlebenstrieb im Wettkampf um unsere Aufmerksamkeit. Sie kostet uns nichts, für Unternehmen, Politiker oder Influencer ist sie aber umso wertvoller: Für sie bedeutet unser Fokus Einnahmen, Kundenbindung oder Wählerstimmen.

Der Flaschenhals liegt nicht mehr im Zugang zu Medien, sondern im Zugang zu Konsumenten. Wir sind zum knappen Gut geworden, das es zu halten gilt. Die Wirtschaftswissenschaftler unter euch kennen das als Aufmerksamkeitsökonomie. Wer damit nicht so viel anfangen kann, für den hat Jan Böhmermann ein kleines Erklärvideo parat. Beispiel: Rechte Politik in Deutschland.

Digital Detox oder die Flucht aus der Realität?

Chrissi will nach der Arbeit einfach nur in Ruhe abschalten. Die meisten Menschen teilen dieses Bedürfnis: Denken ist anstrengend, genauso wie eine Unterhaltung am Laufen zu halten – zumindest dann, wenn man körperlich oder geistig KO ist. Zur Regeneration wollen wir einfach ein wenig Zeit totschlagen und das geht mit dem Smartphone erfahrungsgemäß gut.

Gegen bewussten Konsum ist, wie so oft, nichts einzuwenden. Ein Problem entsteht dann, wenn der digitale Raum zum Fluchtpunkt wird. Gerade wenn man einen Streit hat oder eine schwierige Phase in der Beziehung durchläuft, sollte man sich nicht in die eigene digitale Höhle verkriechen. Doch eine Forsa-Studie im Auftrag der DAK (2017) zeigt, dass ein gutes Drittel der Zwölf- bis Siebzehnjährigen eben genau das tun. Sie nutzten Social Media, um Problemen zu entfliehen oder Unangenehmes auszublenden. Doch gerade diese Phase der persönlichen Emanzipation ist dazu dar, den konstruktiven Umgang mit Problemen und unangenehmen Situationen zu lernen. Nur so können wir später als Erwachsene Kritik aushalten und zwischenmenschliche Probleme lösen.

Wer sich einen digitalen Detox vornimmt, hat zumindest gute Aussichten auf Erfolg. Laut der Deloitte-Umfrage schaffen es rund 36 Prozent ihr Vorhaben umzusetzen. Im Verlauf der letzten hundert Jahre wurde vor Radio und Fernseher gewarnt; im 19. Jahrhundert war die Lesesucht der beschworene Gefährder der Jugend. Man hatte Angst vor vereinsamenden Jugendlichen, welche sich in Phantasiewelten flüchten. Mittlerweile ist uns aber klar: neue Technologien verändern immer unsere Gesellschaft. Letztlich entschieden aber wir, als Individuen, durch unseren Umgang in welche Richtung es geht.

Nörgeln bringt doch nichts

Wir liegen im Bett und hören es vibrieren. Gleich dreimal hintereinander. Ist es wichtig? Wer war das? Worum geht es? Mit der Aufmerksamkeit verabschiedet sich auch schnell die Stimmung. Allein der Gedanke, dass sie sogar während des Sex womöglich ans Handy gehen könnte, ist für mich so ein Abtörner, dass ich mich dazu entscheide, doch noch ein Paper zu lesen und mich auf den morgigen Kurs vorzubereiten. Sie versucht mich zurück ins Bett zu ziehen – die Nachricht war wohl doch nicht so wichtig. Doch die Stimmung ist weg und ich sitze am Schreibtisch.

Chrissis Gesichtsausdruck ist unbezahlbar, aber spätestens in diesem Moment ist uns klar, dass es so nicht weiter gehen kann. Wir treffen feste Vereinbarungen: kein Smartphone am Esstisch und abends ist es ab sechs lautlos. Wer sich nicht daran hält, muss zur Strafe den Keller aufräumen oder eine Woche den Abwasch machen.

Statt passiv aggressivem Verhalten oder anschweigen, haben wir uns dazu entschlossen, offen über unser Problem zu sprechen. Klar sind feste Regeln irgendwie doof. Man ist doch erwachsen und weiß was gut für einen ist! Doch erwachsen sein bedeutet auch seine Fehler zu reflektieren und zu bearbeiten. Im Bett gibt es jetzt zwar noch immer Geräusche und Vibrationen, nur haben diese seit unserer Vereinbarung zum Glück nichts mehr mit dem Smartphone zu tun.


TheOtherSide – Die Kolumne für Sex, Liebe, Leidenschaft. Letzten Donnerstag habt Ihr die wichtigsten Grundtypen des BDSM kennengelernt. Kommende Woche verrate ich euch das gehimnis des besten Sex eures Lebens.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.