Von geschundenen Orten und davon, weshalb man Geschichten erzählt

Ein Gespräch über räumliche Dimensionen - im Kunsthaus Bregenz http://uk.phaidon.com/agenda/architecture/picture-galleries/2011/june/21/peter-zumthors-architecture-through-the-eyes-of-helene-binet/

Ein verregneter Novembersonntag vor dem Kunsthaus Bregenz. Lang ist die Schlange vor dem in verschiedenen Grautönen schimmernden Kubus. Dunkel gekleidete Menschen warten ungeduldig, um ins Innere des von Peter Zumthor erbauten Museums zu gelangen. Man sagt uns, es sei zu voll, man könne nun keine weiteren Menschen mehr einlassen. Gemurmel geht durch die Menge. Viele sind extra für das heutige Event angereist, einige aus München oder Mailand. Nach wenigen Minuten erbarmt sich der Direktor des Hauses aber doch und lässt die restlichen zwanzig Leute doch noch ein. „So voll war es hier noch nie“, lässt uns die Museumsmitarbeiterin mit aufgeregter Stimme wissen. Der heutige Programmpunkt scheint magnetische Wirkung zu haben: Peter Zumthor im Gespräch mit Wim Wenders.

Dieser Dialog zwischen Architektur und Film scheint auf besonders großes Interesse zu stoßen. Wim Wenders, geboren 1945,  ist einer der bekanntesten deutschen Filmemacher und unter anderem für Filme wie „Buena Vista Social Club“ und „Der Himmel über Berlin“ bekannt. Er sitzt nun bereits mit überschlagenen Beinen und bedächtiger Miene zusammen mit dem Architekten Peter Zumthor auf einem Podium in der Mitte der großen Eingangshalle des Kunsthauses. Die Stimmung ist erwartungsfroh, die Besucher warten gebannt auf das Gespräch zwischen den Disziplinen.

Mit seiner ruhigen, etwas rauchigen Stimme begrüßt Peter Zumthor die Menschen und fragt direkt nach den Anfängen und Hintergründen von Wenders Filmschaffen. Wim Wenders antwortet bedächtig. Er wollte in seinen frühen Zwanzigern zunächst Maler werden. Ziemlich schnell sei ihm dann aber klar geworden, dass Malerei durch ihre Abgeschlossenheit begrenzt sei. Für ihn war es jedoch immer zentral, Geschichten zu erzählen. Wenn man mehrere Bilder aneinander hängt, ergäbe dies auch eine Geschichte. So kam er zum Film.

Recht schnell kommt das Gespräch zu dem bekannten Film „Der Himmel über Berlin“. Wenders sagt, er wollte damals mit dem Film eine Geschichte über Berlin erzählen, aber nicht nur horizontal und flach, sondern auch vertikal und in die Tiefe gehend. Dafür hatte er sich zunächst verschiedene Orte in der Stadt gesucht, die dann zu einem Netz, einer Art Kaleidoskop verschiedener Szenen wurden. Die Engel-Figuren von Paul Klee und Rilke hätten zudem als Vorbild gedient für die Engel in dem Film. Das Medium Film sei für ihn ein Mittel, sich etwas verständlich zu machen, was man vorher noch nicht weiß. Das Wetter, die Schauspieler, der Ort produzierten immer wieder einzigartige Umstände, die man im Vorhinein nicht planen könne. Raum sei immer nur eine Behauptung, eine Illusion.

Auf diese Bemerkung hin wechselt das Gesprächsthema zur Architektur. Wim Wenders lobt die Architektur Peter Zumthors als einzigartig, sowie das Museum als Gebäude unendlich vieler Schwarz-Weiß-Nuancen. Seine Architektur bestimme den Zweck des jeweiligen Gebäudes neu. So schaffe er auch hier in Bregenz eine Neudefinition des Museumsraums, um damit die Kunst ins Zentrum der Wahrnehmung zu rücken.

Daraufhin geht Peter Zumthor auf die Präsenz von Architektur ein und ihr Potential, eine Berührung zu vermitteln. Architektur sei objektiver als andere Praktiken, sie bleibt, ist etwas Festes. Wim Wenders schwärmt von den Materialien, die Peter Zumthor für seine Bauten verwendet, hebt die besonderen Betonwände hervor und fordert das Publikum auf, die Wände anzufassen, denn „sie werden dadurch schöner“. Er erwähnt, dass er einen Film über Peter Zumthor plant, den er am liebsten in 3D drehen würde. Peter Zumthor hingegen bevorzugt schwarz-weiß. Die beiden erörtern die gegenseitigen Vorlieben, ohne sich schlussendlich einigen zu können.

Im Anschluss wird das Medium Film erneut thematisiert. Zumthor wirft die Frage auf, ob Film als eine Art Gesamtkunstwerk betrachtet werden könne. Der Filmemacher bejaht dies. Die Malerei sei in ihrer Dimension und Rahmung sehr begrenzt. Der Film hingegen schneide und vermische verschiedenste Bereiche wie Musik, Psychologie, Malerei und auch Architektur. Dadurch sei es ein nahezu allumfassendes Medium.

Daraufhin kommt das Thema „Orte“ zur Sprache. Peter Zumthor erzählt, dass er, bevor er sich an einen Entwurf macht, zunächst ein umfangreiches Modell von der Landschaft oder Stadt bauen lässt. Der Entwurf käme dann von ganz allein. Für ihn hätten Orte eine inhärent gespeicherte Geschichte, die durch Ereignisse und Menschen in der Vergangenheit entstanden sind, auch wenn diese nicht mehr vor Ort seien. Diese ortspezifische Geschichte miteinzubeziehen, sei ein wichtiger Punkt seiner Arbeiten und Projekte. Zudem hätten Filme eine große Rolle dabei gespielt, was er über Architektur gelernt habe.

Wim Wenders stimmt dem zu und sagt, Orte würden uns gut kennen, denn sie sähen uns Menschen wie wir kommen und gehen. Ein Ort sei erst der Auslöser, um eine Geschichte zu erzählen. Für ihn seien besonders geschundene Orte interessant, solche mit einer reibungsvollen Geschichte. Er hätte aber auch eine Vorliebe für Hafenstädte und Wüstenlandschaften, die ihn aufgrund der Weite faszinieren.

Abschließend stellt Peter Zumthor die Frage nach dem Status quo: Wo stände er, Wim Wenders, heute im Vergleich zu dem Jungen von damals, der Geschichten erzählen wollte?

Wenders lässt sich einen Augenblick Zeit und erzählt dann mit ruhiger, klarer Stimme, dass er in den letzten Jahren veranlasst habe, alle seine Filme in eine Stiftung zu überführen. Die Filme sollten nicht mehr ihm, sondern nur sich selbst gehören. Das habe ihn, parallel zu seiner immer noch anhaltenden filmischen Tätigkeit, zur Reflexion seiner Produktionen veranlasst:

Was bleibt von einem Film?

„Da, wo man Liebe in ein Projekt investiert hat, da ist etwas geblieben. Das sind Projekte von Dauer. Der Rest fällt weg.“

Dies ist für Wim Wenders ganz klar. Diese Liebe sei spürbar und rufe das Dauerhafte etwas Geschaffenen hervor. Es störe ihn daher auch nicht, hierfür den radikalen und großen Begriff der Liebe zu verwenden.

Beide Männer stehen auf, schütteln sich anerkennend die Hände. Applaus brandet auf. Ein Gespräch über Bilder, Orte und Geschichtenerzählen geht zu Ende.

 

Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des Kunsthauses Bregenz lädt das Museum zum Dialog zwischen Architektur und den verschiedenen Künsten ein. „Dear to me“ nennt sich die Ausstellung vom 16.09.17 bis 07.01.2018 und widmet sich den Inspirationen und künstlerischen Interessen des Architekten Peter Zumthor. In diesem Rahmen lädt der berühmte Architekt jeden Sonntag zum Gespräch. Mit verschiedensten Menschen unterhält er sich über ihre Arbeit und Inspirationen.

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