Von der Ästhetik des Augenblicks zur Monotonie des Alltags

Wie wichtig ist und wie weit darf Harmonie?

Je länger ich über das Wort Harmonie und dessen Bedeutung nachdenke, desto mehr entzieht es sich mir. Allerdings scheint es von enormer Dringlichkeit dieser Unverfügbarkeit auf den Grund zu gehen. Denn überall und immer wieder taucht es in unseren Köpfen auf, wird Diskussionsmittelpunkt und der Ausweg Nummer eins, wenn man genauer über sich, seine Beziehung zu anderen und seine Beziehung zur Welt, nachdenkt. Diese Unzugänglichkeit liegt vielleicht darin, dass Harmonie beinahe in allem zu finden ist, sich auf alles beziehen lässt und auch als Schutzschild getragen werden kann.

Warum sind wir so gierig nach Harmonie? Ist sie Konfliktvermeidung? Vielleicht die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden? Macht sie uns das Leben einfach und leicht?

Um einer Antwort auf diese und andere Fragen näher zu kommen, müsste man in der Tat festlegen, wie Harmonie zu verstehen ist und worauf man sie beziehen möchte – wie viele unterschiedliche Auffassungen es für diese Empfindung gibt, ist wohlmöglich an der Anzahl aller Menschen, die sich diese schon einmal versucht haben ins Bewusstsein zu rufen.

Ich-Sein. Du-Sein. Harmonisch? Vielleicht.

Wie soll ich Harmonie verstehen? Als Seelenfrieden? Selbstbezogene Harmonie könnte wohl eher ein Überbegriff für viele Attribute und Ansprüche sein, die wohlwollend eine Zufriedenheit mit sich selbst beschreiben. Eine Gelassenheit, wenn es darum geht, wie man zu sein hat, um bestimmten Rollen und Erwartungen zu entsprechen – einfach sagen zu können, dass man sich nicht anpasse um akzeptiert, gemocht, gar geliebt zu werden. Auch die Fähigkeit sich selbst zu genügen kann auf ein harmonisches Verhältnis zu sich selbst hinweisen, erfordert aber gleichzeitig auch die Abwesenheit von einer übersteigerten Form der Harmoniebedürftigkeit im Bezug auf andere. Denn wer ständig Anschluss sucht, könnte doch auf Dauer verlernen mit sich selbst auszukommen, einfach mal alleine zu sein – sich ohne andere beschäftigen zu können und sich dabei nicht zu langweilen. Darin liegt vielleicht die Fähigkeit, die es zu erlernen gilt – die Waage zu halten zwischen einem gesunden Verlangen nach Harmonie, so dass ich mit mir und meinen Nächsten in einem guten Verhältnis stehe und der Vorsicht, mich nicht zu sehr hineinzusteigern, um mich nicht in ihr zu verlieren.

Harmoniesucht

Viele kleine Dissonanzen, die das Leben immer wieder zu erschweren versuchen, erwecken in einem den sehnlichsten Wunsch nach harmonischen Beziehungen jeglicher Art. Sie sind essentiell geworden, um Glück und Wohlbefinden zu verspüren. Erst im Austausch und durch das Nachdenken über diesen unfassbaren, weitläufigen Begriff, wird klar, wie alltäglich dieses Verlangen nach einem Gefühl wie Harmonie ist. Und jeder Rückschlag, jede Enttäuschung in unseren sozialen Gefügen und Beziehungen, erzeugt das Bedürfnis nach mehr. Mehr Harmonie! Sie bringt das Gute in uns zum Vorschein. Sie erleichtert unsere Beziehungen – zu uns selbst, zu anderen und zur Welt. Sie wird unverzichtbar. Hier könnte es sich um den Punkt handeln, an dem man von Harmoniesucht sprechen würde. Die Sucht danach, immer und allen zu gefallen, nicht anzuecken und zu widersprechen – keine Entscheidung treffen zu müssen. Die Sucht treibt uns so weit, dass wir vergessen, was wir eigentlich wollen, wer wir eigentlich sind und lässt uns die Fähigkeiten, die es uns ermöglichen selbstermächtigend zu leben, verlernen. Ich würde noch weiter gehen. Wenn sie uns einmal abhanden kommt, dann verspüren wir Einsamkeit, denn Wunsch nach Nähe, nach Akzeptanz und Verständnis für was man ist, was man macht und wer man sein will. Nur das Gefühl von Harmonie kann einen aus diesem Unglück befreien. Scheinbar.

Die Anderen, Harmonie und Freiheit

Impliziert sie so, in ihrer extremen Form, nicht die Abwesenheit von Andersartigkeit, von Fantasie und Utopie? Schließt sie nicht Meinungsverschiedenheiten und Konflikte aus? Vollkommen harmonisch wäre keine Beziehung, in der es auch Streit, Interessens- und Meinungsverschiedenheiten gibt. Erfahrungsgemäß wäre sie zum Scheitern verurteilt. Eine Freundschaft beispielsweise, die Jahre lang sehr friedlich und stimmig verlief, zerbricht schlagartig, da mindestens eine der zwei Personen nicht mit einer Veränderung oder einer Verlagerung der Schwerpunkte das Gegenüber zurechtkommt. Scheut man zu lange den möglichen Konflikt oder nur Reibungspunkte, dann könnte ein Ende unerwartet bevorstehen. Natürlich finden Menschen, die einander ähnlich sind, meist zueinander, aber lediglich aufgrund der Schnittmenge an Interessen, die ihnen bekannt sind, meist kommen erst mit der Zeit Seiten zum Vorschein, die Mitglieder einer Gruppierung voneinander unterscheiden und einzigartig machen. Aber genau das ist es doch, was das Leben spannend macht, anregend ist und Neues in Gang bringt. Wenn wir alle gleich wären, uns immer zustimmten, uns nie widersprächen, dann würden wir auf der Stelle stillstehen.

Es würde sich nichts weiterentwickeln, es gäbe keine Gedankenkollisionen und Streitgespräche, aus denen rasende Ideen entspringen könnten. Denn eine Monotonisierung, die möglicherweise gerade durch ein übersteigertes Harmoniebedürfnis zustande käme, würde uns ausbremsen, wenn es darum geht visionär, verrückt und gespannt in die Zukunft zu blicken. Die Suche nach einem Sinn, für den es sich lohnt zu lernen, hart zu arbeiten, Zeit zu investieren, führt uns auf unbekannte Wege. Und, wenn wir noch Hoffnung haben, träumen können und Utopien zu verwirklichen versuchen, dann, glaube ich, müssen wir der Harmonie ganz bewusst den Rücken zu wenden, unerhört, ungehorsam und unverschämt sein. Erst dann können wir frei sein und der Idee nach einem guten Leben (für alle) ein Stück näherkommen. 

Die Welt, meine Welt, unsere Welt

Genau dieser Gedanke lässt sich gut weiterspinnen, wenn Umwelt und Gesellschaft in den Begriff der Harmonie eingebettet werden sollen. Es versuchen nur wenige Menschen harmonisch im Einklang mit der Natur und ihren Mitmenschen zu leben. Was mir doch sehr doppelmoralisch erscheint, wenn sonst die Harmonie so hochgehalten wird. Denn unsere Lebensweise ist alles andere als harmonisch, sie ist zerstörend. Ist es nicht paradox, dass man einerseits davon spricht, sich selbst zu finden, sich selbst treu zu bleiben, um gleichzeitig ein Leben auf Kosten anderer und des Planeten zu führen? Höher! Schneller! Weiter gehts, um erfolgreich durchs Leben zu schreiten. Und wer erfolgreich ist, ist natürlich glücklich. Aber was übersehen wir dabei? Unsere Mitmenschen, Kooperationsmöglichkeiten, altruistische moralisch wertvolle Taten und den respektvollen Umgang mit der Natur. Denn alles was mit uns und um uns lebt, gibt uns doch letzten Endes den Rahmen für unser Schaffen. Wie egoistisch wäre es, darüber keinerlei Gedanken zu verlieren und sich selbst ins Zentrum alles Liebenswerten, zu Respektierenden und Bewundernden zu stellen. Und was ist mit der Ästhetik? Der Ästhetik des Augenblicks, des Zufalls und der Offenheit, gegenüber allem was kommen mag, welche die Harmonie unerwartet, und so vielleicht in ihrer reinsten Form, erscheinen lässt. Großzügig zu sein wäre wohl die schönste Eigenschaft, um der Harmonie angemessen Raum zu verschaffen. Großzügigkeit gegenüber der Welt, gegenüber anderen und gegenüber uns selbst.

Harmonie bewusst leben

Es ist wirklich kein Leichtes der Harmonie auf den Grund zu gehen, ganz besonders, wenn man ihr ein Suchtpotential zuschreibt. Am Ende kann man nur für sich selbst entscheiden, wie bedeutsam die Harmonie sein kann und sollte. Und vor allem, ob sie einen vereinnahmen darf. Ob man ihr also, wie einer Sucht, verfällt. Wir sind Menschen, die freie Entscheidungen treffen können und es auch dürfen, also müssen wir nur herausfinden was für uns und andere das Beste sein könnte.

Wir suchen ständig nach dem, was uns zu einem guten Menschen macht, wir suchen nach dem, was das Gute in uns zum Vorschein bringen kann. Wir wollen akzeptiert werden, aber so wie wir nun einmal sind, wir möchten, auch wenn es uns schwerfällt, keinen Vorstellungen entsprechen, wenigstens ein bisschen anders sein, aber dennoch dafür gemocht werden. So sehr, dass wir am Ende immer Menschen an unserer Seite haben, egal wie viele es sind, ob sie bei uns sind oder nicht – Menschen, bei denen wir sicher sein können, dass sie da sind. Wir brauchen diese Nähe, diese Wärme – sie hält uns, wenn wir mal nicht wissen wo uns der Kopf steht. Alle leben wir auf unsere Weise ein ganz unterschiedliches Leben, selbst, wenn wir das gleiche lernen, den gleichen Job haben, gemeinsame Interessen. Letzten Endes sind alle Erfahrungen, die wir sammeln, alle Fähigkeiten, die wir besitzen, alle Träume, die wir haben, auf so besondere Weise miteinander verstrickt, dass keine Situation einer anderen gleich sein kann. Und trotzdem stellen wir Theorien auf, versuchen Phänomene zu erkennen, um uns selbst besser zu verstehen, Harmonie zu erklären und zu leben. Aber ergibt das einen Sinn, wenn Momente flüchtig sind und die Zukunft ungewiss?

Um noch einmal auf die Unverfügbarkeit der Harmonie zurück zu kommen. Vielleicht liegt genau darin die Kunst; sie zu genießen, wenn sie sich ergibt. Sie aber nicht zu erzwingen, um uns nicht selbst unseren Freiraum zu nehmen. Wenn dies gelingen würde, könnten wir vielleicht Harmonie spüren, ohne uns zu sehr nach ihr zu sehnen, wenn wir sie missen und würden ihr uns bewusst abwenden, wenn es darum geht unmögliches zu verlangen.

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