Vom Traum, professionell zu schreiben

„Spätestens ab Aufgabe 6 ist Schluss mit Lustig. Von da an geht es zur Sache und es wird richtig harte Arbeit. Tja, so ist das Leben eines Schriftstellers, so ist es jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr.“

– Rainer Wekwerth über seinen Intensivkurs „Kreatives Schreiben“

An der Schweizer Grenze winkt mich der Zoll heraus. „Wo wollen Sie hin?“ „Zürich“. „Da wohnen Sie?“ „Nein ich besuche einen Workshop zum kreativen Schreiben.“ Der Beamte sieht mich misstrauisch an. „Ausweis und Führerschein bitte.“ Während er meine Papiere überprüft murmelt er mehrmals „Kreatives Schreiben. Kreatives Schreiben.“ So als würde er mir diese Story nicht abkaufen. Ob sich Schmuggler wohl immer raffiniertere Stories ausdenken müssen um durchzukommen? Der Zollbeamte findet keine Waren im Kofferraum also lässt er mich passieren.

Kurz nach 19:30 Uhr stehe ich vor einer großen Fabrikhalle. Daneben angebaut ist ein Wohnhaus. In den oberen Etagen der Halle brennt kein Licht. Zwischen der dritten und vierten Etage steht in Leuchtschrift: „zürichparis“. Die Punkte über dem ü und i zeigen alle nach unten. Vor der Halle sind Schirme aufgespannt. Nur wenige Menschen sitzen auf den Plastikstühlen draußen. Eine große Eisentür versperrt den Weg nach innen. Ich gehe zur Seite. Eine Art Wintergarten ist angebaut der etwa acht Meter hoch ist. Vom Dach reicht der Efeu bis in den Nebeneingang hinein.

Ich blicke durch den Nebeneingang. An einem größeren Tisch sitzen fünf Menschen um die 30 mit MacBooks. Das muss es sein. Die Tür ist verschlossen. Ich öffne die Haupteingangstür. Das Café ist bis auf den letzten Stehplatz voll. Gespannt lauschen über 100 Menschen der Lesung von Andrea Winter. Sie präsentiert ihr erstes Buch: „Klette“.

„You must be Johannes“ werde ich begrüßt als ich dem Tisch mit den MacBooks näherkomme. 5-mal kaltfeuchte Händedrücken später, habe ich mir keinen einzigen Namen gemerkt. Der große Amerikaner mit den breiten Schultern und grauem Sakko schlägt eine Vorstellungsrunde vor, bei der jeder seinen Namen, was er schreibt und seine dritte Lieblingsfarbe nennen soll.

Wir sind drei Männer und drei Frauen. Michael ist aus Seattle, Xavier aus Montreal. Natalie aus Zürich und Hedda aus Norwegen. Xavier hat bereits eine Kurzgeschichte in einem Sammelband veröffentlicht. Warum und wie lange jeder hier bereits in Zürich ist wird sich heute Abend nicht klären.

Meine Befürchtungen werden wahr. Wir sind keine kooperative Schreibgruppe, sondern wir schreiben zuerst 15 Minuten nach einem Prompt. Dann Pause. Dann nochmal 40 Minuten. Bevor wir anfangen erzählt Xavier von einer anderen Schreibgruppe in die er kam und erstmal 1000 Seiten Manuskript zum Lesen in die Hand gedrückt bekommen hat. „Of course it was bad.“ Die Runde bricht in Gelächter aus. War es der Umstand, dass junge Autoren, wenn sie mal was zu Papier gebracht haben es dann jedem ungefragt aufs Auge drücken und nur Lob hören wollen? Oder ist es die krasse Selbstüberschätzung unserer Fähigkeiten die uns alle plagt?

Neben mir sitzt Ina. Die einzige weitere Deutsche am Tisch. Sie kommt aus Stuttgart, lebt aber seit mehreren Jahren in Zürich. Sie ist um die 40 Jahre alt. War 10 Jahre verheiratet. Dann 7 Jahre Single. Jetzt hat sie wieder einen Freund. Sie hat braune Haare mit blonden Stränen, trägt Perlenohringe. Dazu einen weißen Rock und türkisen Pulli. Sie schreibt Romane und Poesie. Ihre Lieblingsbücher: „Der Alchemist“ von Paul Coelho und „Eat. Pray. Love.“ von Elizabeth Gilbert. Den Alchemisten kann ich nachvollziehen. Wenn du dieses Buch anfängst solltest du dir für den restlichen Nachmittag nichts mehr vornehmen. Aber „Eat. Pray. Love.“? Ernsthaft? Vielleicht bin ich dafür einfach nicht die Zielgruppe.

Das Thema für heute: „mood swings“. Natürlich fällt mir nichts ein. Also fange ich an einen Text über das Innere der Fabrikhalle zu schreiben. Xavier, Michael und Ina lesen ihre geschriebenen Texte vor, was eine Diskussion über das prämenstruelle Syndrom auslöst. Hedda: „I like to cook when I have PMS. All of a sudden when you stir, you burst into tears. And you don’t know why. Then you force yourself to continue. Ok, Hedda. It’s time to go on now.” Xavier und Michael schauen mich fragend an. Ina durchbricht die Stille: „The worst thing you can do as a man is ignore it.“ Wir nicken.

Mich beschleicht das Gefühl, dass die Meisten hier gar nicht zum Schreiben herkommen. Das machen sie zu Hause. Eher zur Inspiration. Zur Abwechslung. Zum Reden.

Von nebenan hören wir langes und lautes Klatschen. Ob die Lesung jetzt wohl vorbei ist? Wie fühlt es sich wohl an, ein gemachter Autor zu sein? Publiziert zu sein? Auf einer Bühne zu sitzen und sein Buch vorzulesen? Applaus dafür zu bekommen? Danach: Bücher signieren und Glückwünsche entgegennehmen. Über 100 Menschen sind in dieses Café gekommen um der Lesung der Autorin zu lauschen. Ob die Armen wohl kein Netflix haben?

Wir holen uns neue Drinks. Natalie und Hedda verlassen uns bereits gegen 21:30. Xavier fragt nach der Sitcom die ich schreibe. Michael gefällt mein Konzept: „What kind of bar is it? A dive bar?“ “It’s a gay bar.” Er lächelt mich an.

Ina erzählt wie vor ein paar Wochen ein Verlag ihr einen Vertrag schickte. Sie hat aktuell viel Zeit sich um ihr Buch zu kümmern, da sie vor kurzem arbeitslos geworden ist. Sie arbeitete als HR Professional im Personalentwicklungsbereich. Das Manuskript hat sie bereits vor 2 Jahren geschrieben. „Between two jobs.“ Ihr Buch erscheint Anfang nächstes Jahr. Sie erzählt uns vom Terminplan des Verlags. „Very professional.“ Bis November wird alles fertig sein. Nächstes Jahr dann Lesung in USA, London und zur Frankfurter Buchmesse. Es geht also doch.

Am nächsten Morgen google ich den Verlag. Er hat sich auf Nachwuchsautoren spezialisiert. Auf Nachfrage erfahre ich, dass das Premium Paket 12.000 Euro kostet. Wenn man über 750 Bücher verkauft, kriegt man diese Investition zurück. Ein Millionengeschäft. Professionelle Betreuung auf dem Weg zum ersten veröffentlichen Buch.

Es ist kurz nach 22 Uhr. Zeit heim zu gehen. Michael muss morgen wieder in der Schule unterrichten. Wir verabschieden uns. Bevor man von seinen Büchern leben kann, schreibt man abends und am Wochenende.

Ich bleibe alleine zurück. Die Bar ist noch halbvoll. Eine Treppe an der Seite führt auf ein Plateau auf dem weitere Tische stehen. Das andere Ende der Treppe führt auf die Bühne. Auf der hinteren Hälfte der Bühne befinden sich Holzregale mit Büchern. Von Hans Magnus Enzensberger bis Henning Mankell ist alles dabei. Ich stöbere ein bisschen und beschließe dann zu gehen. Über die Anlage laufen die Pixies mit „Where is my mind“.

 

 

 

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