“Um Himmels Willen, ich bin wieder in Europa“. Richard C. Schneider im Gespräch (2)

Fotos: Constantin Ehret, CIP

Er begreift sich zwar als Europäer, hat die eurozentristische Sicht- und Denkweise nach der langen Zeit im Nahen Osten jedoch abgelegt. Nun ist Richard Schneider aber wieder auf den alten Kontinent zurückgekehrt und setzt sich mit diesem auseinander.

„Es ist ein Europa, das rassistischer geworden ist, aggressiver, nationalistischer geworden ist. Und das ist nicht schön. Es ist auch ein Europa, in dem ich mich mit meiner Biographie frage: ‚Welchen Platz habe ich hier noch?‘ Das ist eine Frage, die sich sehr deutlich stellt.“

Auch wenn sich Schneider als Kind Holocaust-Überlebender nie in eine Schublade stecken lassen wollte, hat seine Familiengeschichte seinen beruflichen Werdegang dennoch geprägt. Viele Jahre war er an Theatern tätig, bevor seine damalige Freundin ihn ermutigte zu schreiben.

„Ich meinte, ich kann nicht schreiben. Da sagte sie den Satz, den ich in meinem Leben nicht vergessen werde: ‚Wenn du wüsstest, wie wenige Journalisten schreiben können, hättest du keine Hemmungen mehr‘. Dann habe ich gesagt: ‚Wenn, dann will ich natürlich nur für die ZEIT schreiben.‘ Ich hatte keine Ahnung vom Journalismus, aber Hybris.“ Die ZEIT war tatsächlich interessiert und so debütierte Schneider mit einem ganzseitigen Artikel. Thema: Das Leben als Kind von Holocaust-Überlebenden in Deutschland.

Persönliche Verbindung und lebenslange Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart Israels verliehen Schneider die Sensibilität, die sein Beruf von ihm fordert. „Man kann diesen Beruf nicht machen, wenn man nicht in der Lage ist, ein gewisses Maß an Empathie für die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, zu empfinden. Wenn man einfach nur ein eiskalter Stockfisch ist, ist man vielleicht ein guter Analyst, aber nicht unbedingt ein guter Reporter vor Ort.“

Durch ebenjene Sensibilität beobachtet Schneider die aktuellen Entwicklungen mit Sorge. Besonders beunruhigt ihn, dass Antisemitismus, oft unter dem Deckmantel des Antiisraelismus, wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint.

Früher, erzählt uns Schneider, wurden Hassbriefe an jüdische Institutionen noch anonym verschickt. Heute hingegen wird der gemeine antisemitische Brief vollständig mit Namen und Adresse versehen. „Es erzählt sehr viel über eine Gesellschaft, wenn so etwas salonfähig wird.“

Es ist wichtig zu verstehen, wie konstitutiv die Auseinandersetzung mit dem Holocaust für die ersten Generationen nach dem Krieg war. Mit jedem Jahrzehnt wird die Verbindung schwächer – Schneider sieht in der zeitlichen Distanz ein Problem und gibt uns einen Einblick in seine Jugend:

„Ich gehöre zur sogenannten zweiten Generation der Kinder der Verfolgten und der Opfer. Meine Eltern waren beide im Konzentrationslager, meine ganze Familie ist vergast worden. Wenn man Kind Überlebender oder Kind von Tätern ist, ist man in einer völlig anderen Belastung. Was ich immer wieder erlebt habe, ist die Krise der Täter-Kinder. Entweder sie stellen Fragen oder sie finden heraus, was Papa in Wirklichkeit getan hat. Dann war es immer leichter, Kind der Opfer zu sein. Ich hatte nie ein Problem damit, mich mit meinen Eltern zu identifizieren oder sie zu lieben.

Aber ich kann das gut verstehen: Du liebst deinen Vater oder deine Mutter und eines Tages findest du heraus, was deine Eltern getan oder gedacht haben. Plötzlich bricht alles zusammen – wie lebt man damit?“

Zunehmend fallen solche Auseinandersetzungen aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen.

„Jetzt gerade sehen wir das Pendel wieder umschlagen – in Richtung neuem Rassismus, Antisemitismus, neuen Vorurteilen. Und ich glaube, dass Europa insgesamt ein rassistischer Kontinent ist. Europa ist ja nicht 1933 rassistisch geworden, Europa war immer rassistisch, immer xenophob, immer antisemitisch. Das sind europäische Erfindungen. Was wir im Grunde genommen erleben ist die Rückkehr zu einer europäischen Normalität.“

Auch wenn einem nicht täglich Fremdenfeindlichkeit entgegenschlägt, so wird man doch ständig mit Labels versehen. Schneider fällt dazu eine Passage aus Saul Bellows Roman Humboldts Vermächtnis ein: „Da wird dem Protagonisten ein Stipendium für ein Jahr in Deutschland angeboten. Darauf sagt er ‚ein Stipendium in Deutschland? Um Gottes willen, nein. Da bin ich ja 24 Stunden am Tag Jude – dafür habe ich keine Zeit.‘ Das ist ein Gefühl, das ich gut kenne. Brauche ich das?“

Die Vielfalt an Perspektiven, aus denen Richard Schneider die Themen des Tages beleuchtet, regt zum Nachdenken an. In seinen Erzählungen ergeben die Medienproblematik, seine persönliche Geschichte und politische Entwicklungen ein kohärentes Bild. Er hat Sorgen – mit Blick nach Europa und auch Amerika, bleibt aber beruflich wie persönlich ein Verfechter der Prinzipen, die ihm seine Geschichte und Erfahrung mit auf den Weg gegeben haben.

Nach Workshop und Interview ist der Tisch zum Abendessen reserviert. Schneider macht sich auf den Weg nach Immenstaad im Schwabenland. „Yalla“, sagt er und verlässt lächelnd den Raum.

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Dies ist der zweite Teil der Reportage über Richard C. Schneider, geschrieben von Phillip Käding und Ruben Drückler. Den ersten Teil findet ihr hier.

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