Tischgespräche – Tel Aviv

Der nachstehende Beitrag versucht einen Eindruck der von mir in Tel Aviv beobachteten Atmosphäre und Verhältnisse zu vermitteln. ich möchte keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder eine bestimmte Interpretation erheben, sondern lediglich beschreiben, wie sich mein neuer Mittagstisch von demjenigen am See unterscheidet.

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Ich habe meinen Mittagstisch gewechselt. Seit einem und für den nächsten Monat esse ich statt in der Mensa oder WG am Bodensee mit meinen Kolleg*innen in Tel Aviv Mittag. Ich habe von einer priveligierten Bubble in die Nächste gewechselt, von der Privatuni in das liberale Tel Aviv unter linke Ashkenasim-Juden. Und bin noch immer erstaunt und fasziniert von einer fremden und zugleich bekannten Gesprächskultur, die mich so sehr mitreißt, dass ich schwer Distanz dazu halten kann.

Warum ich hier bin will ich kurzfassen: ich absolviere gerade ein zweimonatiges Auslandspraktikum und werde danach an der ZU-Partneruni, dem IDC, nahe Tel Aviv, ein Auslandssemester anschließen – ich werde also lange hier sein, über ein halbes Jahr und hätte doch nie gedacht, dass man sich so schnell „hier“ fühlen würde.

Tel Aviv macht einem das sowohl leicht als auch schwer. Leicht, weil man auch mit einem eher nordeuropäischen Erscheinungsbild nicht besonders auffällt. Man befindet sich zwar innerhalb eines fremden Kulturkreises, erhält aber durch die außergewöhnliche israelische Gesellschaft die Chance, die Stadt nicht als touristischer Fremdkörper zu erleben, sondern authentisch wahrnehmen zu können. Schwer ist es dennoch ohne Hebräisch-Kenntnisse unterwegs zu sein und nur auf Englisch antworten zu können, wenn man angesprochen wird, beispielsweise darauf, ob man gerade „Alija“ mache – also wie viele junge Juden ein Jahr in Israel leben, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Eine besondere Herausforderung ist es, sich in die Mentalität der Menschen hier einzuleben:
Natürlich liest man sich in den Nahost-Konflikt ein, hat als Deutsche*r ein gewisses geschichtliches Verständnis vermittelt bekommen, man stellt sich auf kulturelle Unterschiede ein, aber in der täglichen Mittagspause tun sich für mich dann doch noch Welten auf. Einer leichten, optimistischen Naivität schlägt dann schnell ein bedrückend, mitreißender Diskurs entgegen.

Meine Kolleg*innen sind fast alle in Deutschland geboren, sie sind Juden und leben seit über 20 Jahren hier, haben zwei Pässe und verstehen sich als Israel*innen. Sie kennen beides, die deutsche Mentalität und auch den israelischen Zeitgeist, sind sie doch alle mit Israeli*innen verheiratet und ziehen ihre Kinder hier groß. Und schon da wird der erste Widerspruch beim Mittagstisch offenkundig: nicht israelischen Zeitgeist – sondern Tel Aviver.

Bereits beim ersten Essen, während dessen lautstark über den jüngsten Anschlag in Jerusalem diskutiert wird, werden mir drei Dinge klar: 1. Meine Kolleg*innen sind hochpolitisch 2. Sie vertreten überzeugt liberale und linke Werte. Während ich mit beidem auch typische ZU-Mittagsgespräche beschreiben würde, fällt doch die dritte Einschätzung vollkommen raus: Meinungen, egal welche, sind hier, in einem gefährdeten Land, völlig andere. „Links“ und „liberal“ lassen sich überhaupt nicht mit dem vergleichen, was man in Deutschland darunter verstehen würde.

Links-liberal zu sein, ist an der ZU Mainstream und hier eine Außenseiterposition. Ich habe manchmal das Gefühl, meine säkularen, linken Kollegen haben gar keine Gruppen-Identität mit der sie sich identifizieren können. Sie sind zu liberal, als dass sie sich beispielsweise dem Fehlen der Zivilehe in Israel beugen, sich von orthodoxen Rabbis trauen lassen würden und sind stattdessen nicht „offiziell“ verheiratet. Sie sind zu links, als dass sie sich in der Politik der israelischen Regierung wiederfinden könnten, in dem Sinne, dass ihre Werte und Interessen vertreten werden. Positionen erscheinen mir hier, in dieser so heterogenen Gesellschaft, in der verschiedene Identitätskonzepte unterschiedlicher nicht sein könnten, noch unbeständiger, labiler und komplexer.

In jeder Diskussion, sei es um „Yolocaust“, Frauenförderung in Israel, Bildungssysteme, mediale Berichterstattung oder alltägliche Familienangelegenheiten, wird deutlich, wie divers hier viele Themen sind und dass sie meist noch eine Ebene mehr besitzen, als ich es in Deutschland wahrnehme. Gemäß meinen Kolleg*innen würde kein*e Israeli*n ein Yolocaust-Projekt wie es der Jude Shakak Shapira tat, veröffentlichen. Den Begriff der „Rabenmutter“ gibt es in Israel zwar nicht, gleichzeitig sind die Betreuungseinrichtungen für Kinder so teuer, dass berufstätige Frauen oft ihr gesamtes Gehalt für sie ausgeben müssen. In der Medienlandschaft haben Freunde von Bibi (Netanjahu) viel Einfluss und beim Gespräch über den Umzug eines Kollegen wird auch die nicht ganz koschere Rolle von IKEA im 2. Weltkrieg angesprochen. Halbernstgemeinte Witzeleien darüber, ob Hitler noch lebt, wechseln sich ab mit Erzählungen meiner Kolleg*innen davon, dass sie in arabischen Taxis in Berlin darauf achten, kein hebräisch zu sprechen – und mir wird mehr als deutlich bewusst, dass hier an meinem neuen Mittagstisch eine andere Stimmung herrscht, eine die man kaum in Worte fassen kann, weshalb ich es bei einer subjektiven Beschreibung meiner Beobachtungen belasse.

Am deutlichsten wird diese neue, vielschichtige Perspektive natürlich beim omnipräsenten Thema Trump. Kein Essen vergeht, an dem nicht der neuste Tweet diskutiert wird, gestritten, ob er jetzt gut für Israel ist oder nicht, es wird sich wie überall über die Dekrete der ersten Woche, insbesondere das Einreiseverbot, empört, aber dennoch in einer anderen Dimension: viele Israel*innen begrüßen die Wahl Trumps, dem es im Gegensatz zu Obama gelingt, sich mit Bibi Netanjahu zu arrangieren. In meinem deutschen Umfeld wäre es kaum vorstellbar, Trump-Unterstützer zu finden, hier erscheint der Gedanke nicht ganz abwegig, macht er doch der rechten Regierung wenig Druck, etwas an ihrer aktuellen, aggressiven Siedlungspolitik zu ändern. Gleichzeitig geben Trumps Iran-Provokationen Anlass zur Sorge. Seine Tweets werden verfolgt, um zu beobachten, wann die Situation eskaliert.

In meinem zwanzigjährigen Alter kommt man mit der naiven Vorstellung nach Israel, dass die Situation zwar angespannt ist, man aber keine Angst haben muss – die Partys sind toll, der Strand wunderschön, die vielen jungen Leute machen Sport, fahren Longboard, chillen mit ihren Macs in Cafés, die so hip sind wie in Berlin: ist doch alles cool. Die Tel Aviv Bubble ist dicht.  Angst hat man wirklich nicht. Man fühlt sich absolut sicher. So kann ich beispielsweise allabendlich ohne Sorgen im Dunklen laufen gehen – aber es ist doch ein leicht beklemmendes Gefühl, sich in einem Land von der Größe Hessens aufzuhalten, dessen Nachbarländer in der Vergangenheit mehrfach versucht haben es zu vernichten und dessen Existenzberechtigung von mehr als dreißig UN-Mitgliedsstaaten zumindest angezweifelt wird. Auch nach Wochen ist es schwer die Distanz zu dem hier anhaltenden komplexen Diskurs zu wahren und nur durch Twitter durchzuscrollen –  so zuckt man schon mal beim beängstigenden Donnergrollen während eines Gewitters zusammen, wenn noch beim Mittagstisch über das Raketenabwehrsystem gesprochen wurde.

Und eben dieser Aspekt der unterschwelligen Unsicherheit hat dann doch viel Einfluss: Trumps Amtsantritt wird deutlich sorgenvoller beobachtet, als ich es durch meine Familie und Freund*innen in Deutschland mitbekomme. Es ist kein Thema, dem man sich politikwissenschaftlich mit theoretischen Erklärungsansätzen oder einer Zizek-Haltung nähert, sondern eines, das Angst macht und immer wieder dazu führt, dass historische Parallelen gezogen werden – so wird aktuell der News-Feed deutscher und israelischer Zeitungen vor Ort geflutet von Hitlervergleichen.

„Wenn du dir eine Person wünschen könntest, die verschwinden würde? Bibi oder Trump?“ Meine Kollegen stimmen nach längerem Überlegen 6:1 für Trump. Er hat dann doch noch mehr in der Hand. Politisches Weltgeschehen ist oft so bedrückend, dass man es immer weniger an sich heranlässt, so erschreckend, dass es einen paradoxerweise kaum noch berührt. So nicht an meinem neuen Mittagstisch.

Man merkt, wie die Distanz verloren geht, die ZU-Diskussionen zur Weltpolitik meist aufwiesen. Konnte man sich in Friedrichshafen noch über die Feminismus-Debatten auf Facebook aufregen, so wird man hier zur Beobachter*in einer emotional geführten politischen Diskussion. Nirgendwo will man diese sich aktuell in den USA vollziehende Anti-Aufklärung und Wahrheitsdekonstruktion wahrhaben, aber hier erschreckt sie in besonderem Maße. Die zig, Shoa Mit- und Überlebenden in Tel Aviv – das Volk, mit dem man hier lebt, immer verfolgt, immer „fremd“, so oft Sündenbock wie kein anderes auf der Welt, erlebt, wie sich eine extreme Entwicklung entfaltet und ein rechter Populismus und Nationalismus breitmacht, der bekannte Erinnerungen weckt. Trump historisch zu vergleichen muss nicht zielführend oder konstruktiv sein, aber nach einem Monat in Israel, bekommt man ein Gefühl dafür, warum es doch so oft gemacht wird.

Es ist paradox, in dieser politisch bedrückenden, in jedem Moment spürbar historischen aufgeladenen Athmosphäre, unbeschwert durch die so lockere, südländisch—lässige Stadt zu flanieren, wie es die meisten Israelis tun, wenn sie am Shabbat die Cafés besetzen und vermeintlich vergessen, dass in der letzten Nacht wieder das Raketenabwehsystem dafür gesorgt hat, das keine Luftangriffe das Land erreicht haben.

Ich mag meinen neuen Mittagstisch. Es gibt wahnsinnig leckeres Essen hier, ich fühle mich so wohl bei sonnigen 20 Grad, direkt am Strand, zwischen unterschiedlichsten Menschen und mit viel Abstand zur ZU und Deutschland, der guttut. Es ist spannend die während der Pausen impulsiv emotional geführten politischen Diskussionen zu erleben, denen immer eine gewisse Leidenschaft innewohnt. Und gleichzeitig wünscht man sich manchmal den Abstand zurück, den man in der schwäbischen Provinz so leicht schaffen konnte und der hier auch mittelfristig kaum erlangt wird – Die Positionen sind so sehr miteinander verwoben, die Themen so vielschichtig, die Gesamtsituation so komplex, als dass ich mich von all diesen Eindrücken und Aspekten distanzieren könnte und mir zutrauen würde, sie rational zu beurteilen.

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Rubrik 'Tischgespräche'

Wie verdauen verschiedene Kulturen die gesellschaftlichen Geschehnisse auf der Welt? ZUler im Ausland erzählen in unserer Serie von Erfahrungen, die sie am Mittagstisch gesammelt haben. Meta, 6. Semester SPE, macht den Anfang.

 

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