Theater im Kino – Hamlet auf der großen Leinwand. Ein Erfahrungsbericht

Über eine halbe Stunde nach Vorstellungsbeginn nehmen wir endlich unsere Plätze im Dietrich Theater, dem Cineplex in Neu-Ulm, ein, wenige Minuten bevor Hamlet zu einem seiner bekannten Dialoge ansetzt. Benedict Cumberbatch steht der Schweiß auf der Stirn, wie man im close-up des britischen Schauspielers erkennen kann, mir übrigens auch, obwohl der Ärger über abendliche Tunnelputzer und Unfälle auf schwäbischen Straßen langsam der Freude darüber weicht, das Stück, welches meine Begleiter eine Woche zuvor in London erleben durften, endlich mit eigenen Augen zu sehen. 

Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch, bekannt durch die Hauptrollen in der erfolgreichen BBC-Serie Sherlock und in Imitation Game, der oscar-nominierten Biografie des Kryptoanalytikers Alan Turing, gab in diesem Jahr im Londoner Barbican Theatre sein Debüt.  Zwischen dem 5. August und dem 31. Oktober spielte er den Hamlet in einem der wohl ikonischsten britischen Dramen. Unter der Regie von Lyndsey Turner sorgte eine hochkarätige Besetzung für eine mehr als gelungene Inszenierung. Kein Wunder, dass die Karten nicht nur an Fans des Fernsehstars innerhalb weniger Minuten ausverkauft gewesen sein sollen und somit nur wenige geduldige Glückliche die Chance auf eine der einhundert preisgünstigeren Karten an der Tageskasse nutzen können. Wer auch dort erfolglos war oder der Hauptstadt Englands in diesem Herbst keinen Besuch abstatten konnte, hatte am 15. Oktober – wie ich – die Chance sich im nächsten Kino die weltweite Live-Übertragung anzuschauen. Das Ganze ist für einen Studentenpreis von 17€ dann doch deutlich kostengünstiger als eine Anreise und Übernachtung in der britischen Hauptstadt.

Doch lohnt sich der Besuch eines Theaterstückes, Ballets oder einer Oper im Kino?

Obwohl natürlich kein Vergleich mit dem echten Bühnenerlebnis möglich ist, sind doch einige Vorteile ersichtlich: Wer sich keine Karte für das Barbican, die MET oder das Bolshoi Ballett leisten kann, geschweige denn in die Nähe dieser Orte kommt, hat wie gesagt die in der Regel einmalige Chance, einige der besten Sänger, Schauspieler und Tänzer der Welt live bewundern zu dürfen.

Natürlich sind dafür die Schweißperlen der Hauptdarsteller und manchmal eben auch kleine Missgeschicke besser zu erkennen. Und so schön es auch sein mag, die aufwendig geprobten kleinsten Veränderungen in Mimik oder Kostüm der Schauspieler zu entdecken, kann die Wahrnehmung  durch fixe Kameraführung und fehlende Totalen doch deutlich gelenkt – und beschränkt werden – werden. Wenngleich die englischen Untertitel nicht sonderlich ästhetisch waren, trugen aber deutlich zum Verständnis des historischen Werkes bei.

Bei dieser Vorstellung handelte es sich um eine internationale Sonderübertragung. Auch – hingegen  deutlich weniger populär – sind in unserem Alter die regelmäßigen Aufführungen der Metropolitan Opera hier im Cineplex Friedrichshafen. Live aus New York werden etwa zehnmal im Jahr die Nachmittagsvorstellungen der bekanntesten Opern, wie Wagners Tannhäuser am 31. Oktober, übertragen. Das Publikum, der mit über dreihundert Zuschauern ausgebuchten Vorstellungen, ist nach Angaben des Kinos deutlich älter als fünfzig Jahre. Zugegeben der Preis von 30€ pro Karte (oder 25€ im Abo mit allen Vorstellungen des Jahres) ist einer der Gründe dafür, dass auch ich als Liebhaberin klassischer Kultur noch nie eines dieser Stücke besucht habe. Dennoch bietet sich hier für uns eine wunderbare Möglichkeit großartige Inszenierungen erleben zu dürfen. Neben der MET hat auch noch das russische Ballett etwa fünfmal im Jahr seinen Platz auf der großen Leinwand und hin und wieder stehen Gastspiele, auch anderer Sparten, aus London oder Sydney auf dem Programm. In den Pausen kommt es zu Interviews und Hintergrundinformationen, wie das Stück an sich zielgruppenorientiert mit deutschen Untertiteln.

Natürlich ist dies alles eine Frage des persönlichen Geschmacks sowie der eigenen Mittel und Vorlieben, doch es bietet sich hier eine angenehme Möglichkeit in leider nicht ganz stilechter Atmosphäre großes Theater zu erleben. In diesem Herbst und dem kommenden Winter glänzt allerdings auch das Filmprogramm mit vielen Highlights und hochkarätigen Schauspielern, die trotz Abschaffung der Studentenpreise in Friedrichshafen lohnenswert zu sehen ist.

Wer Cumberbatch noch einmal in einer Wiederholung des Stückes als dänischen Königssohn erleben möchte und nicht gerade am Bodensee festgehalten wird, hat noch die folgenden Chancen:

Mannheim: CinePlex – So. 08.11.2015, 11.00 Uhr + Sa, 21.11.2015, 11.00 Uhr München: Cinema – Mo, 07.12.2015 um 20.00 Uhr

 Alle Wiederholungstermine, auch für andere Städte, findet ihr unter http://sherlock-de.com/2015/10/20/hamlet-encore/

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