The death of Pablo und der Tod des Autors

Anfang des Jahres postete ein User auf dem Musikforum der Plattform 4Chan:

 

„I keep having this dream where Kanye puts out a new album called The Death of Pablo. It’s just 4 songs, ‘Ultralight Wall,’ ‘Washed Up,’ ‘Father Stretch My Hands pt. 3’ and ‘Fade pt. 2.’ They are all around twenty minutes. It sounds like the originals but just twenty times darker in both lyrics and production also, Fade pt. 2 has 10 minutes of Kanye talking about his innermost fears and what happens when you die after a few minutes of silence.“

Das Politikforum von 4Chan ist derweil immer noch in Aufruhr über Donald Trumps Wahlsieg. Es sei die erste Wahl in der Geschichte der Demokratie, die durch Meme-Magic gewonnen wurde. In den Tagen vor der Wahl war die 4Chan Community eine echte politische Meme-Maschine, produzierte ständig neue Memes und erfand nebenbei eine eigene Meme-Religion mit einer eigenen Gottheit, die angelehnt war an „Pepe the Frog“. „Pepe the Frog“ war ursprünglich ein Charakter in einer Independent Comic Serie, begann dann aber ein zweites Leben als Meme. Das Meme Werden folgt einem ganz bestimmten Ablauf.

Am Anfang steht das Bild, der Clip, in seinem spezifischen Kontext irgendwo in den weiten des Internets. Dieses Bild, dieser Clip, wird dann entdeckt und verbreitet. Memes müssen organisch entstehen, so die Regeln der Community. Wer ein Foto seines besten Freundes oder ähnliches zum Meme machen will, der wird von der Meme-Community keine Hilfe bekommen. Das Meme entsteht nicht durch einen Impuls, man kann ein Meme nicht triggern. Es ist vielmehr ein Netzwerkeffekt. Das Bild verbreitet sich durch die Netzwerke, wird an den unterschiedlichsten Knotenpunkten adaptiert, verändert und weiterverbreitet. So durchläuft ein Meme tausende Veränderungen gleichzeitig, wodurch es total von der ursprünglichen Intention getrennt wird. In einer aktuellen Mutation des Memes wurde Pepe zu einem Nazi umfunktioniert. Keiner ist sich so recht sicher, wie das geschehen konnte, allerdings ist Pepe nun fester Bestandteil der Symbolik amerikanischer Nationalisten und Rechtsextremisten. Als eine zivilgesellschaftliche Organisation das Meme als Hasssymbol klassifizieren wollte, kam es jedoch zu einem Aufschrei in der Internet Community. Pepe sei kein Symbol des Hasses. Er sei ein Symbol, dass sich jedem Sinn entziehe; eines, das mit dem Sinn lediglich spiele, um ihn dann sofort zu untergraben. Baudrillard, so viel steht fest, hätte seine Freude an der Subversivität Pepes gehabt. Würde er noch leben, hätte er wahrscheinlich Pepe als Speerspitze des „Aufstands der Zeichen“ gesehen.

Memes haben also keinen Autor. Sie entstehen durch die alltägliche operationale Kommunikation in den digitalen Netzwerken. Operational ist sie, weil diese Kommunikation in Abwesenheit eines konkreten Sinns stattfindet. Memes werden nicht herausgebildet, indem sich User über das Meme unterhalten. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein langlebiges Meme ausmacht, ist dessen Anpassungsfähigkeit an verschiedenste Situationen. Pepe konnte mal Freude ausdrücken, mal Trauer, mal eine starke rechtspolitische Neigung. So funktioniert die Meme-Maschine: über die alltägliche kommunikative Operation. Baudrillard war einer der ersten, die erkannten, dass es sich bei der alltäglichen Kommunikation und dem alltäglichen Medienkonsum um eine Art gesellschaftliche Gesamtarbeit handelt. Da nunmehr der Wert eines Produktes von der investierten Arbeit gelöst ist, gehen immer mehr postmarxistische Theoretiker dazu über, die Verwertung im Alltagsleben des arbeitenden Geistes zu verorten. Vor allem auf unsere postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft trifft das zu. Wir schaffen keine konkreten Produkte mehr, sondern vielmehr Netzwerke, Kommunikation. Ein guter Freund verdient sein Geld damit, ein Kommunikationsnetzwerk zwischen Unternehmen untereinander aufzubauen. Die alltägliche Kommunikation in den Netzwerken wird so durch die Verwertungsmaschine des postindustriellen Kapitalismus subsumiert. Kapitalistische Verwertung und die Meme-Maschine funktionieren also sehr ähnlich, wobei natürlich die Meme-Produktion in einem privatisierten Raum (dem Internet) stattfindet, in dem jede Kommunikation in Form von Metadaten sofort Verwertet werden kann.

Was hat das alles nun mit dem eingangs zitierten Post zu tun?
Vor einigen Tagen erschien „The Death Of Pablo“, ein Album, bestehend aus 4 Stücken, alle basierend auf Songs vom letzten Kanye West Album „The Life of Pablo“: ‘Ultralight Wall,’ ‘Washed Up,’ ‘Father Stretch My Hands pt. 3’ und ‘Fade pt. 2.’ Alle sind circa zwanzig Minuten lang und zwanzig Mal düsterer als „The Life of Pablo“. Das Musikforum von 4Chan hat in netzwerkorganisierter Zusammenarbeit den Traum des Users verwirklicht und „The Death Of Pablo“ produziert, das nun zum kostenlosen Download bereitsteht und tatsächlich überraschend gut ist. Das Death of Pablo Kollektiv, das sich als Interpret bezeichnet, ist nichts weiter als ein Schwarm von 4Chan Usern, die dezentriert arbeiteten, sich die Songs hin und her schickten und jeder daran etwas veränderte, bis der „rough consensus“ hergestellt war, der die Internetdemokratie auszeichnet. Die Kunstarbeit funktionierte genauso wie das Arbeiten im Postfordismus und so ähnlich -wenn auch viel fokussierter- wie die Meme-Produktion. Das fertige Kunstwerk musste dann kostenlos zur Verfügung gestellt werden, weil fast alles aus Samples bestand. Damit wirft es natürlich Fragen über das Urheberrecht auf.

Aber vor allem stellt es eines in Frage: den Urheber selbst. Wer ist der Künstler hinter „The Death of Pablo“? Kanye West? Die Künstler der gesampleten Stücke? Das 4Chan Forum? Kann ein anonymer Schwarm ein Künstler sein? Independent Musik im Internetzeitalter bewegt sich mehr und mehr in Richtung Anonymität. War die Independent Musik der 90er und frühen 2000er noch geprägt durch packende Künstleridentitäten (Kurt Kobain, Elliot Smith), tritt im Internet der Niemand auf. Das erste komplett im Internet entstandene Genre ´Vaporwave´ ist hierfür beispielhaft. Die Musiker bleiben total anonym und bauen ihre Songs aus der Musik anderer Künstler. Der klassische Vaporwave Song basiert ausschließlich auf manipulierten Samples. Produktion und Veröffentlichung innerhalb der Vaporwave-Community basieren auf Networking. Labels entstehen nicht als Unternehmen, sondern als Knotenpunkte im Netzwerk, sie erhalten Musik von allen möglichen Seiten und verbreiten Musik in alle möglichen Richtungen. Immer öfter gibt es auf Subreddits anonyme Calls For Music. Anonyme Akteure im Forum werden dazu aufgerufen, einen Remix zu machen. Der beste landet auf dem Tape.

Wie schon gesagt, ist es zu kurz gefasst, hier bloß die Frage nach dem Urheberrecht ins Auge zu nehmen. Es geht um die Frage nach dem Autor und nach dessen Intentionen. In der Literaturtheorie spricht man von der Intentional Fallacy, um zu sagen, dass die Intention des Autors unwichtig ist für die Kritik des Werkes. Diese Theorie wird in der Netzwerkproduktion radikalisiert. Sobald etwas in die Kommunikationsnetzwerke eintritt, wird es komplett von seinem Autoren gelöst. Kanye Wests Intention war für die Produktion von „The Death of Pablo“ unwichtig, genauso wie die Intention der anderen gesampleten Interpreten. Die Intention des Comiczeichners hinter Pepe the Frog ist für die Meme-Maschine unwichtig. Doch es verschwindet nicht nur die Intention des Autors, sondern auch der Autor selbst. Memes, Vaporwavealben, „The Death of Pablo“ entstehen in Netzwerken. Sie sind nicht das Werk eines Autors, sondern das Produkt einer Netzwerkoperation. Die Post-Strukturalisten riefen ja schon im 20. Jahrhundert den Tod des Autors aus. Barthes und Co. wären wahrscheinlich erstaunt darüber, wie recht sie hatten.

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