Stadtfest – Eine Frage der Perspektive

Das diesjährige Stadtfest in der Innenstadt Friedrichshafens kam der Studentenschaft gelegen – als Ausklang nach Seekult konnte man das bunte Treiben dazu nutzen, bei einem Kaffee die Geschehnisse des letzten Abends zu erörtern und sich vom facettenreichen Angebot nebenbei berieseln zu lassen.

Die Sonne spielte mit und lud die zahlreichen Besucher des Stadtfestes, welches sich durch die Innenstadt Friedrichshafens erstreckte, dazu ein, sich die verschiedenen Stände und Buden anzuschauen, die zuweilen mit abwechslungsreichem Content aufwarten konnten. Bestes Beispiel ist hierfür der Rock n Roll Club Friedrichshafen, der mit dröhnenden Elvis-Songs und Trachtentanz versuchte, die Herzen der Besucher für sich zu gewinnen. Daneben hatte sich die Reservistenkameradschaft mit Camouflagezelten in Szene gesetzt. Jedoch schien die Rekrutierung für Bundeswehr und die eigene Kameradschaft eher schleppend anzulaufen: Die Gummibärchen, eigentlich für Nachwuchs–Patrioten gedacht, landeten vermehrt im eigenen Mund. Es war ein Sonntag der Kontraste: Angefangen bei einem arabischen Feinkoststand, kritisch beäugt vom hiesigen Heimatverein; die Freiwillige Feuerwehr Seite an Seite mit dem Philharmonischen Chor.

Auch die Initiative welt_raum war mit ihrem jüngsten Projekt vertreten, welches vorab schon in der Universität präsentiert wurde. So lud ein selbst geschriebenes Plakat inmitten der Innenstadt dazu ein, einer fremden Person zwei Minuten lang schweigend in die Augen zu sehen. Diese Form der nonverbalen Kommunikation soll auf einem abgegrenzten Bereich dahinter stattfinden. Ein Ort der unkonventionellen Begegnung also, inmitten des kollektiven Aneinander-Vorbeilaufens. Durch die komfortable Aufmachung mit Teppichen und Kissen, sowie die darauf Platz nehmenden Interessenten erfuhr das Ganze allgemeine Beachtung. Dabei waren jedoch deutlich weniger Leute bereit mitzumachen, sondern suchten bei vorsichtiger Kontaktaufnahme eher das Weite. Warum das so ist, ist schwierig zu sagen. Öffentliche Intimität, obendrein noch mit fremden Personen, erschien wohl doch als etwas zu viel des Guten. Die Alten verwiesen auf die Jugend, die sich wiederum jeder Antwort zu schade war. Ein Passant erklärte mir, dass wir beide Männer seien und lief schon naserümpfend weiter, bevor ich etwas erwidern konnte. Friedrichshafen am Zahn der Zeit ist wohl oder übel eine zeitlose Tautologie, selbst an Tagen wie diesem.

Trotzdem fanden sich immer wieder gegenseitige Hypnotiseure, die ihr Gegenüber anhand von Blicken kennenlernen wollten. Die ersten 30 Sekunden gestalteten sich dabei als Phase der Eingewöhnung, während mit zunehmender Dauer der Blick des Anderen an Ausdruck gewann und mit sich verändernder Mimik kommunikativer Austausch stattfand. An das eigentliche Experiment schloss sich ein lockeres Gespräch an, man lernte die vorher so gründlich inspizierte Person kennen. Interessant war dabei, dass die Gespräche deutlich gelöster und in vertrauterem Umgang miteinander stattfanden, da man das Gefühl hatte, das Gegenüber gewissermaßen schon zu kennen. Große Freundschaften werden sich wohl in den wenigsten Fällen aus dem Experiment ergeben haben, da man sich danach wieder im Treiben der Innenstadt aus den Augen verlor.

Nichtsdestotrotz bot die Veranstaltung eine spannende Abwechslung im Stadtfest und konnte mit dieser alternativen Form der Kontaktaufnahme Akzente setzten. Welt_raum verbindet mit Projekten wie diesem den Wunsch, nicht nur als „Flüchtlingsinitiative“ wahrgenommen zu werden, sondern auf viel grundlegenderer Ebene mehr Kommunikation und Dialog herzustellen. Zumindest die Teilnehmer schienen positiv von diesem Engagement angetan und nutzten die Möglichkeit, sich im Auge des Anderen spiegelnd selbst kennenzulernen.

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