Spaghetti nach altem Familienrezept

Lecker! (Quelle: http://www.lustig-lachen.de/mitten-im-leben-spaghetti-vom-bauch/)

Vogelperspektive, lizenzfreie Musik, ausschweifend gestikulierende Kommilitonen – endlich wieder Movie-Time an der ZU. Obwohl den Teilnehmern und Organisatoren im jüngsten ZUtaten Video zur Veranstaltung offensichtlich die Worte fehlen, kommt einem als Zuschauer doch einiges hoch.*

Wenn auch die Gattung des „After-Movie“ zur obligatorischen Unart Veranstaltungen jeglicher Art geworden ist, hat das neue ZUtaten-Video keine Scham noch ein Ausrufezeichen zu setzen (Danke Jogi!). Wo es sonst zumindest einem prägnanten Edit, guter Kameraführung und einer Handvoll eloquenter Kommilitonen einst gelang, ausreichend Stimmung zu faken um vor ferngebliebenen Bildschirmen Neid zu generieren, scheitert das Zutaten-Video selbst in dieser einstigen Paradedisziplin der ZU.

Mit der Substanz eines Tastyvideos und einer Storyline, welche nur provinzielle Werbefilmagenturen neidisch stimmen würde, erhärtet sich der Eindruck, dass die ZUtaten Karrieremesse (Offizielle Beschreibung auf der Website) ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten hat. Beinahe enttäuscht vermisst man eine pfeffermahlende Unipräsidentin, welche mit aufgezogener Kochmütze an einer widerstandslosen Orange hadert und das Geschehen kommentiert. Auch wenn im Redeanteil des Seelachsfilets die historisch niedrigen Anmeldezahlen, die Kritik der Unternehmensvertreter an der Organisation und der faktische Ausschluss des CCM-Studiengangs nicht thematisiert werden, spiegelt das Video den Gesamteindruck doch treffend wieder.

Denn wenn Mr. Food, Beverage & Location die “Candy-Bar” mit Lounge-Bereich als Kernstück der Veranstaltung anpreist, tritt die Substanzlosigkeit des Konzepts deutlich hervor. Man fühlt sich an jene Kommilitonen erinnert, welche den Kauf des ZUtaten-Tickets vorrangig mit den inkludierten Mahlzeiten begründet hatten. Die spontanen Interviews mit Teilnehmern, die entweder erst vor kurzem Sprechen gelernt haben oder so überdeutlich reden, dass keiner mehr die lockere Karriere-Atmosphäre überhören kann, runden die gezeigten Bilder qualvoll ehrlich ab.

Auf diesen verblasst eine Veranstaltung, die immer stärker zum Selbstzweck verkommt und vorwiegend Abhilfe dabei leistet, die breite Sammlung an Blazern vor dem Verstauben zu bewahren. Ganz Business Casual verläuft die Metamorphose, in der sich vermeintlich undisziplinierte Pioniere und Querdenker in ein Heer an ununterscheidbaren Performern verwandelt – bloß für die entfernte Aussicht auf ein unterproletarisch bezahltes Praktikum. Bei einem („so-noch-nie-dagewesenen“) Workshop zum Thema Digitalisierung referieren sie dann wie man den Verkauf von Wohnmobilien mit durch Blockchain gesteuerte Drohnen vorantreiben könne, obwohl sie meist schon die Suchfunktion bei Facebook an die Grenzen ihrer IT-Kenntnisse bringt.

Die als innovativ gepriesene Dreifaltigkeit aus überreizten Wortspielen, Workshops und Wein erinnern eher an FDP-Wahlplakate, generische Unternehmensvorstellungen („Also was uns auszeichnet, ist die einzigartige Unternehmenskultur!“) und Mittelstufenpartys.

Statt die Universität in ein Gewächshaus mit Bordellmobiliar zu verwandeln, in dem bloß bildwirksame Post-It’s und fade Motivationssprüche gedeihen, verdient die ZU ein originelleres Format, auf dem sich Theorie und Praxis begegnen dürfen. Das Wortspiel war schon immer mäßig, das Workshop-Geplänkel meist beidseitig lustlos und die Kostümierung stets zu sehr Abiball. Um die örtliche Gärtnerei vor dem Bankrott zu bewahren und Kommilitonen die Möglichkeit zu bieten ihr Selbstwertgefühl im Q7 hochzuschrauben, ist der Organisationsaufwand wahrlich zu schade. Die offiziell vermeldeten 350 Tage Vorbereitungszeit führen so schmerzlich vor Augen, dass das Team die Zeit vorrangig genutzt hat Blumenkübel in die Uni zu wuchten anstatt die Hand zu heben und zu fragen: „Was machen wir hier überhaupt?“

Zurück bleibt der sehnliche Appell, in Zukunft bitte etwas Neues zu wagen. Allerdings mit Formaten, die dem Anspruch dieser Universität gerecht werden: Unternehmen nicht eine anbiedernde Bühne anzubieten, sondern sie in eine kritische Arena einzuladen. Studenten keine Snacks aufzutischen, sondern scharfsinnige Debatten zu ermöglichen. Phrasen mit Fragen zu ersetzen.

 

*Unter großer Anstrengung hat der Autor versucht auf weitere Anspielungen aus den Bereichen des Essens und des Geschmacks zu verzichten, wie z.B. „erinnert eher an das Aroma einer ungelüfteten Umkleidekabine“ oder „weder zart, einfach nur bitter“.

 

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