Seekult | Nikolas Brummer und Jan Seevetal

Nikolas und Jan, fotografierend, tippend und posierend, auf den Skulptur Projekten Münster

Wir stellen fest, da ist Macht in uns und Gewalt. Ich schaue dich an, du bist allein. Du glaubst, wir müssten endlich mal was feiern. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt. Wohlig in der Masse zu sein. Wir reden nicht mit euch, ihr seid alt. Wir verstehen uns nicht. Wir sind deutsch. Alles was wir machen, ist so richtig deutsch. Wir sind schwarz rot geil. Wir wollen auf die Jagd gehen. Nein, wir sind jung. Das alles nur ferne Gedanken. Wir seien jung, sagen sie. Wir wären eine Generation. Nichts bist du, nichts bin ich. Zu lernen, was es heißt. Jenes Zusammensein. Jenes Kämpfen. Unser Kämpfen und Scheitern. Wir wollen die Macht und wir wollen die Gewalt. Nur um sie wieder abzugeben. Darüber schreiben wir und führen es dann auch auf. Mit euch. Gegen euch. Im Konflikt. Zwischen und unter und über und inmitten eurer Körper. Wir sind der deutsche Mittelstand. Das ist unser Klassenkampf. Wie ist jetzt dein Name?

– Auszug aus Nikolas und Jans Statement zu ihrer Seekult-Performance “BATHTUB MAKE UR SINK LOOK UGLY”

“Bitte nur einmal durchgehen”, mahnt der Museumsaufseher Nikolas und Jan, “hinter Ihnen wartet die Schlange”. Die beiden sind gerade die verschiedenen Räume von Gregor Schneiders Installation bei den Skulptur Projekten in Münster abgelaufen und würde am liebsten gleich nochmal. Schneider hat mit seiner Installation in Anlehnung an sein sich ständig weiterentwickelndes Haus Ur graue und weiße Bodenfliesen, braunen und grauen Teppich, weiße und beige Wände und Tapete zu einer Wohnung im Museum zusammengeschustert – und die ist in ihrer beklemmenden Unpersönlichkeit und ihrer freudschen Unheimlichkeit so richtig deutsch. Aber auch der Museumswärter ist in seiner regelkonformen Wachsamkeit sehr deutsch, und so setzen sich die beiden, statt noch eine Runde zu drehen, draußen auf die Treppe und beobachten die aus der Museumstür tretenden Besucher. Eine ältere Dame kommt aus dem Museum und murmelt: “hätte man sich auch sparen können”, “schreib’ das auf”, sagt Jan zu Nikolas. Wann immer wir an diesem Wochenende irgendwo stehen und warten tippen die beiden, und während wir die Münsteraner Alleen hinab zum nächsten Ausstellungsort schlendern, lesen sie mir Textfragmente vor, in denen sich die Worte des Aufsehers und der alten Dame mit Gregor Schneiders Räumlichkeiten und der an anderem Ort zu sehenden technodarwinistisch anmutenden Videoinstallation von Hito Steyerl und zu einer kafkaesken Allegorie verstricken.

Jan, der Politikwissenschaften studiert hat, feilt momentan an seinem ersten Buch. Der Roman hatte mal über fünfhundert Seiten, mehrere Wochen saß er stundenlang daran und kürzte ihn schließlich um die Hälfte. Am Anfang, so die Devise der beiden, muss man alles aufschreiben, in jede Richtung denken, Fragmente so aneinanderreihen wie sie kommen – auswerten, filtern und sortieren kann man immer noch später. Und so enden ihre Diskussionen über Chantal Mouffes radikalen Pluralismus und die Frage, wie sich die Theorien der postmarxistischen Denkerin in Kunstprojekte übersetzen lassen, auch gerne mal in der These, dass Techno der Schlager der Bildungsbürgerkinder sei. Konfus wirkt das nur auf den ersten Blick, denn Nikolas und Jan sind davon überzeugt, dass dem Erstarken der rechtsnationalen AfD bei der letzten Bundestagswahl mit einem Einzug der Leidenschaft in die Politik nach Mouffe begegnet werden muss. Den Anfang wollen die beiden selbst machen, und zwar indem sie ein neues, affektives Narrativ der deutschen Linken entwerfen – samt Logo und Gründungsmythos. Irgendwo zwischen #fedidwgugl und German Angst suchen Nikolas und Jan deshalb auch danach, was es heute bedeutet, deutsch zu sein – und in welche politischen Couleur sich verschiedene Auffassungen des eigenen Nationalstaats übersetzen lassen.

In “BATHTUB MAKE UR SINK LOOK UGLY”, der Performance, die sie am Freitag- und Samstagabend beim Seekult aufführen werden, erforschen sie das Selbstverständnis der demografischen Gruppe, die ihnen ob ihrer Lebensrealität wohl am zugänglichsten ist: jung, akademisch, in Großstädten heimisch, in der Welt zu Hause. Kritisch beleuchten Jan und Nikolas, der sich als Kunststudent bereits in zahlreichen Einzelarbeiten intensiv mit Individualismus und Identitätskonstruktionen seiner Generation auseinandersetzte, in einer Audioaufnahme politische Einstellungen und Werte, die ein Stück weit auch ihre eigenen sind. Sie sprechen von Identity Politics und Vetements-Shirts, von Akzelerationismus, Techno-Eskapismus und von der immer weiter zunehmenden intellektuellen Elitisierung des linken Diskurses. Dazu vollführen sie ein Ritual kathartischer Reinigung – und verkünden mit dem Abperlen alter Überzeugungen die Geburtsstunde einer neuen kulturpolitischen Bewegung. Ob diese tatsächlich Früchte trägt, wird die Zukunft zeigen – sehenswert ist die pointierte Generationskritik dieser Performance allemal.

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