Sechs Tage, sechs Städte an der Côte d’Azur

Marseille und Nizza trennen zweihundert Kilometer. Auf dieser Strecke liegen sechs besondere Orte, die man sich bei einer Reise an die französische Côte d’Azur nicht entgehen lassen sollte. In diesem Artikel erzählt euch Emma, wo man dort am besten essen und trinken geht, welche Museen und Sehenswürdigkeiten unbedingt sehenswert sind und was eigentlich Ai Weiweis Vater mit Marseille zu tun hat.

Aix-en Provence

Wie ein Porträt entspannter Freizeitgestaltung schlendern Museumsbesucher und Markteinkäufer durch Gassen, in denen ehrwürdige Springbrunnen ihre faule Gischt werfen. In der Abenddämmerung füllen die Einheimischen die Terrassen der Cafés, um Pastis oder einen lokalen Rosé zu schlürfen, bevor sie sich auf den Weg machen, um ein dreistündiges Abendessen mit langsam gekochten ‚Daube de boeuf provençale‘ zu genießen. Aix-en Provence ist eine Stadt mit fröhlichen Gärten, großen Plätzen und einer Kunstszene, die schon berühmte Persönlichkeiten wie Paul Cézanne und Émile Zola hervorgebracht hat.

Bei einem Aufenthalt in Aix, welches man von Marseille in circa vierzig Minuten mit dem Auto erreicht, lohnt sich ein Besuch des Musée Granet am Place Saint Jean de Malte. Das 1838 eröffnete Kunstmuseum widmet sich der französischen, nordischen und italienischen Malerei vom 14. bis ins 20. Jahrhundert und stellt Werke von Cézanne über Giacometti bis hin zu Picasso und Van Gogh aus. Im Norden der Stadt kann man sich im Atelier Cézanne das Atelierhaus anschauen, in dem Paul Cézanne seine Bilder anfertigte. In der Chapel des Pénitents blancs, einer alten Kapelle, die zum Musée Granet gehört, werden um die dreihundert Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen ausgestellt, die die Stiftung des Schweizer Kunstsammlers Jean Planque an das Musée Granet verliehen hat. Diese war viele Jahre als Hauptberater der Galerie Beyeler in Basel tätig. Die Collection Jean Planque, Granet XXE vermittelt einen lebhaften Einblick in das Schaffen und Leben des Sammlers und ist unbedingt sehenswert.

Stadtkulisse in Aix-en Provence

Marseille

Für Marseille war der Titel “Kulturhauptstadt Europas” 2013 ein voller Erfolg. Unter der PR-Kulturwaffe vollzog die Stadt 2013 einen wahrhaft überraschenden Wandel seiner Stadtarchitektur und Kulturszene. So kommt es, dass die Hafenstadt, die mit knapp einer Millionen Einwohner die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist, mittlerweile auch für Kulturzentren von Weltrang und ein hochmodernes, erweitertes Handelszentrum bekannt ist, das gleichzeitig Kultur-Hotspot ist. Über die Panoramastraße Route de la Corniche erreicht man Marseille von Cassis aus innerhalb einer halben Stunde.

Ein Paradestück der Kulturhauptstadt ist die Hafenpromenade am alten Hafen Fort St. Jean, an der auch das Museum für europäische und mediterrane Zivilisation (kurz: MuCEM) liegt, welches allein durch seine kubusförmige Gestalt und seine extravagante Architektur, welches an das Louvre in Abu Dhabi erinnert, einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Neben vielen anderen Ausstellungen lohnt sich der Besuch des MuCEMs auch wegen der aktuellen Ai-Weiwei-Ausstellung „Fan-Tan“. Der chinesische Künstler hat zu Marseille einen besonderen Bezug, da sein Vater Ai Tsching, in China ein bedeutender Dichter seiner Zeit, 1929 auf seinem Weg in den Westen am Hafen in Marseille ankam. Und auch an den Marcel Duchamp, welcher als künstlerischer Vater Ai Weiweis und als der Erfinder des „ready-made“ gilt, erweist die Ausstellung eine Hommage. Fan-Tan läuft im MuCEM noch bis November diesen Jahres.

Das 2013 eröffnete MuCEM am neuen Port von Marseille

Cassis

Die zum Arrondissement Marseille gehörende französische Gemeinde Cassis an der Côte d’Azur ist ein kleines Fischerdorf mit etwa siebentausend Einwohnern. Die heutige Altstadt des Dorfes an der Calanque-Küste wurde im 18. Jahrhunderts am Hafen erbaut, welcher nahe des zentralen Platzes Place George Clemenceau liegt. Hier frühstückt es sich am besten im Monsieur Brun, einem rund um die Uhr geöffneten und von einer aus Cassis stammende Familie betriebenen Café und Restaurant, von dem man direkt auf den Hafen und das Château de Cassis aus dem 14. Jahrhundert blickt. Mittwochs und freitags hat in Cassis vormitttags der Markt geöffnet, auf dem man von Keramik und Schmuck über die typisch französischen Patisserie- und Boulangerie-Leckereien bis hin zu Tüchern, Stroh- und Basttaschen, „Savon de Marseille“, Wurst, Käse und „Nougats de Provence“ sowie privaten Flohmarktständen wirklich alles findet, was das Herz begehrt. Einen leckeren ‚Poisson‘ isst man im L’Escalier, welches in den engen Gassen der Altstadt von Cassis, nicht unweit vom Hafen entfernt liegt.

Leckereien auf dem Markt in Cassis

Cannes und Antibes

Mit seinen Yachthäfen voller weißer Megayachten und dem berühmten Boulevard de la Croisette, der auch vorbei am Palais des Festivals mit seinem roten Teppich führt, erfüllt Cannes das Klischee, das man mit der Filmstadt assoziiert. Beim abendlichen Spaziergang an der Promenade und an der Rue d’Antibes entlang verspürt man trotzdem eine ganz andere Stimmung als im weitaus volleren und touristischeren Nizza. Das Hotel Chanteclaire, welches direkt im lebendigen, jungen und verwinkelten Stadtteil Le Suquet gelegen ist, bietet einen Ruhepol inmitten der lauten Stadt voller Trubel. Das 1898 erbaute Gebäude hat eine Terasse, auf der man morgens in Ruhe ein typisch französisches Frühstück mit Croissants und ‚confiture’ genießen kann. Betritt man die kleinen und bescheidenen Räumlichkeiten des Chanteclaire, blickt man direkt auf ein Plakat mit der Aussage „If you want luxury, go look at the yachts – we are the only hotel in Cannes with no star“. Kein Stern, dafür ein umso einzigartigerer, herzlicher und persönlicher Charme.

Für einen Euro fünfzig kann man von Cannes nach Nizza in den Bus steigen. Bevor man die ganze Strecke durchfährt, lohnt sich jedoch ein Stopp in Antibes. Die enge und verwinkelte Altstadt von Antibes mit ihren vielen kleinen Restaurants und Cafés und den bunten Tür- und Fensterläden hat eine ganz eigene, typisch provenzalische Atmosphäre, die man so in Nizza oder Cannes nicht erlebt.

Einkaufsgasse in Antibes

Nizza

Nizza ist eine Stadt für jeden Geldbeutel, mit einer Energie und Vielfalt, die ihre Konkurrenten an der Französische Riviera oft übertrifft. An der Südostküste Frankreichs empfängt die Stadt Reisende mit verführerischen Restaurants, einem breiten Strand, Gebäuden in hellen Tönen und einem bunten Nachtleben. Um dem sommerlichen Trubel an der Promenade und dem Strand zu entgehen, kann man an einem besonderen schönem Ort eine Yogastunde belegen: im Parc du Château. Chloé Faucher, die seit fünf Jahren die Stunden im Parc du Château von Nizza gibt und davor in Berlin unterrichtete, führt ihre Teilnehmer vom Quai des États-Unis über verschiedene verschachtelte Treppen hoch zu einem Aussichtspunkt im Parc du Château. Von hier aus hat man zwischen Zitronen- und Olivenbäumen und mit den Geräuschen von Grillen im Ohr einen wunderschönen Blick über die Promenade des Anglais und startet mit einer entspannenden Stunde Yoga in den Tag. Wer tagsüber dem steinigen und überlaufenen Strand Nizzas an der Promenade entgehen will, fährt alternativ mit dem Motorroller zu dem eine halbe Stunde entfernten Cap d’Ail an den Plage Mala.

Parc du Château mit Aussicht auf die Strandpromenade Nizzas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.