Schaulaufen der Egozentriker

Seit dem Überfall Putins auf die Ukraine schwappt eine Welle der Solidarität durch Europa. Was im Gewand der Empathie daherkommt, ist oftmals vielmehr Ausdruck der eigenen Befindlichkeit denn wirkliches Mitgefühl.

„Empörung ist negativer Narzissmus.“ Dieser Aphorismus der französischen Psychoanalytikerin Julia Kristevas hat in seiner Prägnanz und Klugheit nichts an Aktualität eingebüßt. Natürlich darf, soll, ja muss sich empört werden angesichts der aktuellen Geschehnisse und der jetzt schon offenkundigen Kriegsverbrechen des russischen Militärs an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Dennoch kann ein Blick auf das Gebaren und die Wortwahl nicht schaden – gerade dort, wo die Empörung am lautesten, der Weltschmerz am innigsten oder die Solidarität am größten zu sein scheinen. 

Berlin, der 27. Februar. Großdemo drei Tage nach dem Angriff, die Polizei wird später von hunderttausend Teilnehmern sprechen, die Organisatoren von 500.000. Unter den Rednern auch ukrainische Aktivisten. So weit, so wichtig, auch wenn sich der Tyrann im Kreml davon vermutlich nicht beeindrucken lassen wird. Dass dann aber Luisa Neubauer, das Gesicht der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung, die Bühne betritt, nimmt sich im Kontext des Anlasses befremdlich aus. Schließlich sind es Bomben, die über Mariupol und Charkiw herabprasseln und nicht saurer Regen. Sogleich spricht sie dann auch davon, dass WIR uns erpressbar gemacht hätten, indem WIR uns abhängig gemacht hätten von russischem Öl und Gas. 

Das „Wir“ in Verbindung mit der Kritik an den fossilen Brennstoffen zeigt, welch Geistes Kind Frau Neubauer ist. Das schier unermessliche Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer scheint bei ihr nur Mittel zum Zweck zu sein, ob nun für das Anliegen der Klimabewegung oder ihren eigenen Geltungsdrang. Es war nicht das erste und ist vermutlich auch nicht das letzte Mal, dass anders gelagerte Verheerungen und Katastrophen von Klima-Aktivisten für die eigene Mission instrumentalisiert wurden. Erinnert sei an die Corona-Pandemie, die nicht weniger beherzt aufgegriffen wurde. Ortswechsel, München. Wieder eine Demo. Ein Redner, ersichtlich kein Ukrainer, fragt rhetorisch in die Menge, wie er seiner Tochter erklären solle, dass keine drei Flugstunden von München entfernt, Krieg herrscht bei uns in Europa!

Was einmal mehr als solidarisch daherkommt (die Ukrainer seien uns nah, geografisch gehörten sie zu Europa), entpuppt sich, hebt man das Feigenblatt ein wenig an, als reine Sorge um das eigene Wohlergehen oder das seiner nächsten, in diesem Fall die Angst um die Psyche der Tochter, die scheinbar durch die Existenz eines für sie diffusen Konfliktes Schaden zu nehmen droht, der aller Wahrscheinlichkeit nach München jedoch nie erreichen wird. Die tatsächlich Leidtragenden, deren Psyche wahrscheinlich lebenslang geprägt sein wird von den Erfahrungen des Krieges, nämlich die ukrainischen Kinder, blieben unerwähnt. Beispiele dergestalt gibt es zuhauf, die Liste könnte man endlos fortführen. Besagtes Phänomen ließ sich auch in der ZU-Facebook-Gruppe beobachten. Einen der ersten Posts, die ich zu der Tragödie laß, forderte, die Uni solle Räume schaffen, damit sich die Studenten austauschen können, wie es ihnen mit der Situation ergeht. 

Was aber nun ist die Moral dieses Artikels? Natürlich ist nicht jedes solidarische Statement nur vorgeblich, nicht jede Empörung ausschließlich vom eigenen Ego getrieben. Wo aber den empörten mehr Raum und Bühne gegeben wird als den Betroffenen, wo die Feststellung, dass Kiew nur 1300 Kilometer weit weg sei, vor der Verdammung Putins artikuliert wird, ist etwas in Schieflage geraten.

Das erste Opfer des Kriegs ist die Wahrheit, heißt es immer. Nach der Befindlichkeit Außenstehender, müsste man hinzufügen.