Perspektivenwechsel

Stilleben: Ladenbesitzer in Istanbul. Foto: Arian Henning

Darüber, wie man ihr während ihres Auslandssemesters in Istanbul begenet würde, musste sich unsere Gastautorin vor ihrer Abreise einiges anhören. Vor Ort fragte sie deshalb einfach mal direkt nach: wie nehmen die Bewohner der türkischen Metropole “die Deutschen” eigentlich wahr?

Im Laufe des Winters 2016 wurde das Thema „Türkei“ nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit viel diskutiert, sondern auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich hatte nämlich die Entscheidung getroffen, mein Auslandssemester in Istanbul zu verbringen, und daraus entwickelte sich eine regelrechte Kontroverse. Es schien, als hätte jeder meiner Freund*innen, Kommiliton*innen und Bekannten – sogar Bekannte von Bekannten! – zu Istanbul, zur Türkei und zu meiner Entscheidung eine Meinung. Und die musste mir auch, oft mit entschiedener Vehemenz und gefolgt von einem Schwall gut gemeinter Ratschläge, mitgeteilt werden. Anfangs war ich interessiert daran, verschiedene Perspektiven zu hören, die Diskussion zu führen und meine Motivation deutlich zu machen. Immer häufiger jedoch stieß ich auf extremes Unverständnis, gepaart mit vorwurfsvollen Blicken, denen argumentativ nicht beizukommen war. Ob mir klar sei, wie gefährlich das werde. Wie ich überhaupt in Erwägung ziehen könne, diesen Despoten zu unterstützen. Was mir als weißer, blonder Frau alles zustoßen könne, drüben in der gefährlichen Türkei. Überraschenderweise kamen solche Worte oft von Menschen, die sich sonst in politischen Fragen eher zurückhielten. Auch die deutsche Berichterstattung schien sich, sobald ich darauf zu achten begann, extrem mit der Situation in der Türkei auseinanderzusetzen. Meist wurde hier ein Bild des Chaos, der Unruhe gezeichnet. Meinungsbilder der Deutschen, gerne auch der türkischstämmigen Deutschen, wurden herangezogen, Regierungen wurden wechselseitig für die diplomatische Krise verantwortlich gemacht, Minister*innen durften sowohl in Deutschland als auch in unseren Nachbarländern nicht auftreten. Die Stimmung war aufgeheizt, das Thema in aller Munde. Natürlich gab es demzufolge auch die andere Seite; Leute die es „mutig“, „spannend“ und „wichtig“ fanden, dass ich mich ausgerechnet jetzt für Istanbul entschieden hatte. Die waren aber recht deutlich in der Unterzahl.

Diese Erfahrungen führten vor meiner Abreise dazu, dass ich neugierig und gespannt war, wie mir andersherum die Türk*innen begegnen würden. So oft hatte ich mir nun die Meinung der Deutschen zur Türkei angehört- aber was war eigentlich die andere Seite? In den deutschen Medien war das Thema allgegenwärtig, alle große Zeitungen, jeder Intellektuelle hatten sich zu dem Thema positioniert, und eben auch mein privates Umfeld. Was allerdings niemand diskutierte, war, wie wir eigentlich von den Menschen in der Türkei wahrgenommen wurden. Ob es einen Unterschied machen würde, dass ich deutsche Erasmus-Studentin war, und nicht etwa Spanierin? Wurde in türkischen Medien genauso Stimmung gemacht, und würde ich das in irgendeiner Form zu spüren bekommen? Woran denken Türk*innen, wenn sie an Deutschland denken? Davon handelt dieser Artikel handeln: von einer Spurensuche nach der Perspektive, die ich trotz der vielen Diskussionen vor meiner Abreise beim besten Willen nicht repräsentiert gefunden habe.

So entwickelte ich den Wunsch, mit so vielen Menschen wie möglich in Kontakt zu kommen und mich umzuhören. Und zwar nicht nur unter den jungen Studierenden der international ausgerichteten Universität, die ich in Istanbul besuchte. Sondern auch und vor allem bei den Menschen, die Istanbul in all seiner Vielfalt besser repräsentieren: die Erwachsenen, die Teenager, die Arbeitenden, die Marktverkäufer*innnen, die stolzen Türk*innen. Leider war das mit meinem eben gelernten A1-Sprachlevel nicht auf eigene Faust möglich. Glücklicherweise bot eine deutsch-kurdische Freundin an, sich als mein Sprachrohr zur Verfügung zu stellen. Zusammen zogen wir also durch die Stadt und versuchten, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Die meiste Zeit verbrachten wir auf der europäischen Seite Istanbuls, in Cihangir und Tarlabaşı, dem Viertel, in dem ich wohnte, aber auch in Kadıköy streiften wir umher. Es gab drei Fragen, die ich bei jeder Begegnung zu stellen versuchte (oder besser, stellen ließ). Ich fragte danach, was die erste Assoziation meines Gegenübers zu mir sei, nachdem er oder sie wusste, dass ich Deutsche war. Anschließend fragte ich, woran sie Deutschland im Allgemeinen denken ließ. Zu guter Letzt wollte ich dann wissen, ob sich diese Einstellungen in letzter Zeit geändert hätten. Die Konversationen, die so entstanden, waren lehrreich und lustig, manchmal stimmten sie mich nachdenklich, interessant waren sie immer. Es fällt mir schwer, hier alle Antworten zusammenzufassen, zumal sie teilweise sehr widersprüchlich erscheinen, aber ich möchte es unbedingt versuchen.

Es kam oft vor, dass vor allem die älteren Erwachsenen sich in ihren Antworten kurz fassten und nicht sehr ins Detail gingen. Sie betonten meist, wie gut es Deutschland wirtschaftlich ging, kamen auf Fußball zu sprechen und lobten die Höflichkeit und die Disziplin der Deutschen. Generell hieß es oft überzeugt: Deutschland, das ist ein gutes Land! Aussagen, die teilweise wohl noch von der Vorstellung von Deutschland als Ziel türkischer Gastarbeiter*innen geprägt waren, die aber so oder so wohl in fast allen Ländern der Welt vorherrschten.

In Tarlabaşı, einem Viertel, in dem häufig ethnische Minderheiten leben, kamen wir mit einigen Kurden in Kontakt, die betonten, für wie tolerant sie Deutschland hielten und wie gut Kurden es dort hätten. Viele Student*innen und junge Erwachsene, mit denen ich ins Gespräch kam, gaben mir detailliertere Antworten. Auch für sie hatte Deutschland Vorzüge; vor allem die alternative, kreative Szene Berlins scheint eine riesige Anziehungskraft auf viele junge Türk*innen auszuüben. Allerdings gab es auch einige kritische Meinungen darüber, wie kalt sich viele Deutsche gäben, wie wenig herzlich und offen für Humor manche seien. So weit, so erwartet: Witze über humorlose Deutsche gibt es wie Sand am Meer. Da hilft nur eins: mit positivem Gegenbeispiel vorangehen!

Was mich allerdings überraschte, war die Ansicht, dass in Deutschland lebende Türk*innen nicht sonderlich gut integriert seien, zum Beispiel kaum Deutsch sprächen. Diese Wahrnehmung deckt sich weder mit meiner Wahrnehmung, noch mit meinen persönlichen Erfahrungen. Woher die Annahme, die mehrmals geäußert wurde, kommt, weiß ich nicht. Vielleicht hängt es mit einer weiteren meiner Beobachtung zusammen: einige Male fiel das Wort „ırkçı“, um Deutsche zu beschreiben. Irkçı kann ungefähr mit „rassistisch“ übersetzt werden. Deutsche so beschrieben zu hören war eine beschämende Erfahrung für mich, weshalb es mir mehr im Gedächtnis geblieben ist als einige positive Adjektive – besonders, weil ich selbst mich von der türkischen Gesellschaft so herzlich aufgenommen fühlte. Gleichzeitig bewiesen diese Aussagen aber auch, dass sehr offen mit uns gesprochen wurde, obwohl es um unsere eigene Nationalität ging. Zudem hatte es, wenn Deutsche als ırkçı bezeichnet wurden, nicht nur die anklagende Konnotation, die das Adjektiv im Deutschen hat. Stattdessen wurde es im Kontext der Aussage meist relativiert oder erklärt. Zum Beispiel äußerte die junge Verkäuferin meines Stamm-Second-Hand Ladens eine These, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Sie glaubt, dass das Bild, dass die Mehrheit der Deutschen von Türk*innen hat, durch die sogenannten Gastarbeiter*innen geprägt wurde, die sich in den 1980er Jahren nach Deutschland aufmachten. Das ist natürlich ein Stück weit verständlich, allerdings wurde dieser Eindruck ihrer Meinung nach nie weiterentwickelt. Aufgrund dessen, so scheint ihr, tendieren Deutsche dazu, die türkische Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit und ihrem Potential zu unterschätzen und zu simplifizieren.

Zu interessanten Überlegungen wie diesen kam, dass kein*e Einzige*r der von mir Befragten das Gefühl hatte, dass sich ihre Einstellung zu Deutschland im Laufe der vergangenen Monate oder Jahre geändert hatte. Es gab zwar einige Verkäufer*innen, hauptsächlich in Vierteln wie Cihangir, in denen Viele vom Tourismus abhängig sind, deren wirtschaftliche Lage sich verschlechtert hatte. Sie bemerkten, dass eine solche Entwicklung in Deutschland wohl nicht zu spüren sei, während es in der Türkei im Allgemeinen und in ihrem Istanbuler Umfeld im Besonderen große Auswirkungen habe. Trotzdem wurden den Deutschen per se keine Vorwürfe gemacht. Stattdessen betonten alle, dass die Handlungen beider Regierungen von denen der Einwohner*innen zu trennen seien. Die Beziehung auf staatlicher Ebene seien eine Sache, so hörte ich immer wieder, die zwischenmenschliche eine ganz andere; das eine hätte mit dem anderen doch gar nichts zu tun. Das war eine bewundernswerte Einsicht und zudem eine, die ich in meinen Gesprächen mit Freund*innen und Verwandten zuhause in Deutschland oft vermisst hatte. Sie hatte, glaube ich, auch damit zu tun, dass in beinah allen Aussagen auf persönliche Bekanntschaften Bezug genommen wurde. „Mein Cousin wohnt in Deutschland”, „meine beste Freundin ist Deutsche“, „ich war schon so oft zum Urlaub machen in Hamburg” –  fast jeder hatte auf die ein oder andere Weise eine Beziehung zu dem Land und seinen Bewohner*innen. Es kam oft vor, dass Befragte deswegen das Gefühl hatten, befangen zu sein und die Fragen, die wir ihnen stellten, nicht objektiv beantworten zu können. Tatsächlich war das aber eine unbegründete Sorge- ich war im Gegenteil froh, in meiner zufälligen Stichprobe so viele Menschen vorzufinden, die sich Deutschland verbunden fühlten.

Ich glaube, dass diese Vielzahl an persönlichen Bindungen und der so entstehende stetige Austausch die deutsch-türkischen Beziehungen zu dem machen, was sie ist. Einzigartig und lebendig, und vor allem: für immer miteinander verwoben und voneinander profitierend. Ich hoffe, nach meinem Aufenthalt in Istanbul auch in meinem deutschen Umfeld dafür sorgen zu können, dass mehr Menschen von diesem Gefühl der Verbundenheit profitieren können und dass sich die Spaltung, die auf politischer Ebene droht, nicht auf die zwischenmenschlichen Beziehungen überträgt.

Als ich im September endlich in der Türkei ankam, merkte ich zum Beispiel auch, dass die vielen Warnungen und Zweifel mich mehr beeindruckt hatten, als ich es mir hatte eingestehen wollen. Die Lebendigkeit der Stadt und die Normalität des Alltags überraschten mich damals regelrecht, sodass ich mich fragte, was ich stattdessen erwartet hatte. Wahrscheinlich das Chaos, die Gefahr, die Feindseligkeit, die mir so oft prognostiziert wurden. Bewahrheitet haben sich diese Vorhersagen in der ganzen Zeit übrigens nie.

Stattdessen habe ich, genauso, wie ich es mir vor dem Semester vorgestellt hatte, das Leben in einer neuen, spannenden Kultur kennengelernt. Ich habe es genossen, mich mit anderen, nicht-europäischen Weltanschauungen, Philosophien und Lebensweisen auseinanderzusetzen, mich ab und an selbst hinterfragen müssen, mir den Bauch mit türkischem Essen vollgeschlagen und das Leben in einer der größten Metropolen der Welt kennengelernt. Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden, ein paar Monate lang im bunten, lebendig pulsierenden Istanbul zu leben – und bin jetzt besser denn je mit Argumenten ausgestattet, für alle Diskussionen, die noch kommen mögen.

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