Perspektivenwechsel – Ein Gespräch über Integration mit Rahmanullah aus Afghanistan

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Zum Thema Flüchtlinge haben wir schon einiges gehört – unzählige verschiedene Meinungen von tausend verschiedenen Leuten – Medien, Politikern, Bürgern. Unter ihnen auch viele, die sich anmaßen, die Stimmen derer, um die es die ganze Zeit geht, zu kennen, ohne je ein Wort mit ihnen persönlich gewechselt zu haben. Die Meinung der Geflüchteten, die zu reinen „Analyseobjekten“ gemacht werden, hört man in Wirklichkeit hingegen kaum. Um einer solchen Stimme ein wenig mehr Gehör zu verschaffen, treffe ich mich heute mit Rahmannulah aus Afghanistan, den ich bei einer welt_raum-Tandemparty kennengelernt habe, im Brot | Kaffee | Wein. Bei einem frisch gepressten Orangensaft und einem Birchermüsli erzählt er mir von sich und seinem Leben.

Rahmannulahs Englisch ist sehr gut, er hat in London gewohnt, bevor er dort wieder weggeschickt wurde. Wohin er danach gehen sollte, wusste er nicht. „Sie haben gesagt, in Afghanistan sei wieder Frieden und dass ich zurückgehen solle“, sagt er und lacht ironisch. „Es kommt auf eine einzelne Person an, die über dein Schicksal entscheidet, sie kann die Situation drehen, wie sie es gerade braucht. Je nachdem, ob du gerade gebraucht wirst oder nicht.“
Aber Afghanistan war nach der langen Zeit, die er in London verbracht hat, auch nicht mehr sein zu Hause. „Meine Heimat ist nicht mehr einfach meine Heimat; die Kultur, die mir früher vertraut war, erscheint mir jetzt fremd, ich stehe ihr auch in vielem kritisch gegenüber, denn ich trage einen Teil der neuen Kultur in mir. Eine Auseinandersetzung damit hat über Jahre stattgefunden, es geht nicht von einem Tag auf den nächsten zurück.“ Er erzählt mir von einem Freund, der nach dreißig Jahren plötzlich zurück in sein Heimatland geschickt wurde. „Er hatte nichts mehr dort. Keine Freunde, keine Familie- das war nicht sein Zuhause.“
Ich frage Rahmannulah nach den Freunden, die er hier in Deutschland gefunden hat in den anderthalb Jahren, die er jetzt hier ist. Viele wohnen im Flüchtlingsheim in Friedrichshafen, in dem er früher auch gewohnt hat, darunter vor allem Afghanen, aber auch Geflüchtete aus anderen Ländern. Er kennt auch einige Deutsche, aber es bleibt bei flüchtigen Bekanntschaften: „Man sagt sich Hallo.“ Echte Freundschaft sieht wohl anders aus.
Die Ausnahme bilden für ihn die Leute, die er über welt_raum kennengelernt hat. welt_raum sieht er, wie er mir von sich aus erzählt, als große Chance an, als Bereicherung und als wichtiges Zeichen für einen differenzierten Umgang mit dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Religionen.

Ich frage mich, wie viel die Geflüchteten, die Rahmannulah kennt, von den Landtagswahlen und den damit verbundenen politischen Diskussionen, dem Aufstieg der AfD mitbekommen haben, ob all das Thema im Flüchtlingsheim war. Rahmannulah sieht mich etwas irritiert an, als ich ihn frage. „Darüber wurde nie gesprochen, alle lokalen Medien sind ja auf Deutsch…“
Angesichts der Tatsache, dass es momentan so scheint als drehten sich neunzig Prozent der Medienberichte und Parteiprogramme um die Flüchtlingsthematik, finde ich diese Aussage überraschend und auch erschreckend. Sie selbst, um die es die ganze Zeit geht, sollen vom ganzen Diskurs kaum etwas mitbekommen? Von den Stimmen, die es über sie gibt, von den Menschen, die über ihr Schicksal entscheiden könnten? Natürlich, sagt Rahmanullah, bemerken sie Reaktionen, entweder in Form von direktem Rassismus oder als ein verstecktes, von vielen Seiten her spürbares Misstrauen. Man wird ignoriert oder kontrolliert. So wurde er zum Beispiel aus dem Rathaus weggeschickt, als er sich voe einiger Zeit ummelden wollte. Erst durch die Hilfe eines deutschen Sozialarbeiters, den er sehr schätzt, gelang ihm die Ummeldung schließlich.

„Es ist absurd.“, sagt Rahmanullah. „Die Menschen, die hierherkommen, fliehen vor Krieg und Terrorismus, sie wollen ihn nicht hierher bringen.“ Dies ist natürlich vielen bewusst, andererseits sehen wir ja, dass viele andere sich auf Pauschalisierungen stützen und diese dazu nutzen, einfache Lösungen vorzuschlagen oder zu unterstützen; einfache Lösungen, die komplett an der Realität vorbeigehen.
Ein wichtiger Beitrag, um dem entgegenzuwirken, könnte es sein, Geflüchteten selbst mehr die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern, gestaltend mitzuwirken, politisch mitzudiskutieren. Um Angst vor Differenzen zu nehmen, um manche Differenzen als falsch zu entlarven, und um Gemeinsamkeiten zu zeigen und zu nutzen. Um die Menschen, die hier sind, als Menschen und nicht als Zahlen zu sehen.

Einen kleinen Beitrag dazu, dass die ganze Debatte nicht auf einseitigen Analysen verharrt und auf so mancher Unwahrheit aufbaut, möchte Futur drei in Zukunft durch gelegentliche Gastbeiträge von Geflüchteten liefern. Hierdurch erhoffen wir uns neue Perspektiven auf unsere heutige Gesellschaft.

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