Moral frisst Hirn

„Dieses Virus wird uns nicht mehr verlassen.“ Ein Satz, der nachklingt. Ein Satz, so gewaltig
und wahrhaftig, so gleichermaßen voller Potenzial und Mahnung, dass man meinen müsste, er
sei einer von denen, die sich auf lange Zeit ins kollektive Bewusstsein einbrennen.

Und dennoch: Ein Satz, der untergegangen ist im allgemeinen Optimismus angesichts der Fahrt
aufnehmenden Impfkampagne, der Freude über Lockerungen und der Aussicht auf einen
Sommer, der, wenngleich auch nicht an Vor-Corona-Sommer heranreichend, zumindest an
solche erinnert. Er stammt von Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert Koch Instituts. Von
einem also, der es wissen muss. Dass dieser kürzlich gefallene Satz, der in seiner Prägnanz und
Tragweite einem „Wir schaffen das“ in nichts nachsteht, dermaßen überhört blieb, lässt sich
auch daran beobachten, dass gerade allenthalben gefordert wird, die Patente für Impfstoffe
aufzuheben. Obgleich gut gemeint und sich moralisch auf der richtigen Seite wähnend,
offenbart es doch vor allem eine verblüffende Kurzsichtigkeit und Naivität.

Kurzfristig, gerade weil uns das Virus nicht mehr verlassen wird und wir deshalb umso mehr auf den Pioniergeist und das Engagement derjenigen angewiesen sind, die sich der Produktion und dem Vertrieb der freiheitssichernden Impfstoffe verschrieben haben. Es ist mittlerweile Konsens, dass eine Immunisierung gegen COVID-19 keine solche auf Lebenszeit ist, Impfungen also regelmäßig
aufgefrischt werden müssen, gegebenenfalls angepasst an Virusmutationen. Unterstellt man
den Entwicklern und Produzenten neben Gemeinsinn auch eine gewisse Gewinnabsicht, so darf
doch stark bezweifelt werden, dass sie sich mit der gleichen Verve der Weiterentwicklung der
lebensrettenden Vakzine widmen werden, wenn man es ihnen damit dankt, dass man sie zur
Freigabe der Impfformeln zwingt bzw. von ihnen verlangt, sie lizenzfrei an Dritthersteller
weiterzureichen. Nicht minder blauäugig ist es, anzunehmen, dass strukturschwache oder
dysfunktionale Länder und Regionen, die ja Adressaten und somit Nutznießer dieses
vermeintlich solidarischen Unterfangens sein sollen, mit kostenlosen Patenten auf einmal
anfingen, in großen Mengen Impfstoffe herzustellen und zu vertreiben.

Viel effektiver und vor allem im eigenen Interesse nachhaltiger wäre es, wenn wohlhabende Länder wie Deutschland oder auch die EU jenen Ländern, die es selber nicht vermögen, Impfkapazitäten aufzubauen, kostengünstig Vakzine bereitstellen, indem sie diese selbst von den originären Produzenten beschaffen und mit einem Abschlag weiterreichen. Durch die Weitergabe subventionierter oder sogar kostenloser Impfdosen trüge man nicht nur dem Umstand der ungleichen Kapazitätsverteilung Rechnung, sondern würde auch das Fundament der Impfstoffproduktion, die Patente, unangetastet lassen. Davon profitieren nämlich letztlich nicht nur die geistigen Eigentümer ebenjener, sondern wir alle, allen voran aber diejenigen, die sich die eigene Herstellung von Vakzinen nicht leisten können.

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