Lit Contest Platz 2: Wie steht es um Cremona?

Schwarz, Grau, Weiß. Direkt über den Stadtmauern sahen sie so aufstrebend und  solide aus, als wollten sie den Himmeldurchstoßen. Ich schaute gebannt zu, als sie sich  kurz über dem Horizont lösten, bis nur noch vereinzelte Schwaden vergeblich  versuchten, einander festzuhalten. »Wie steht es um Cremona?« wollte Antonius Primus wissen und ich ritt los.   

Als ich die Rauchsäulen zuerst durch die schwankenden Baumkronen des  angrenzenden Waldes sah, ging ich von Tod und Elend aus, wie es seit jeher ein Bürgerkrieg dieser Art mit sich brachte. Doch Cremona war anders.   

Bereits mehrere Meilen vor den Toren brannte sich das Gemisch aus verdorbenem  Gestank und bitterem Qualm tief in meinen Rachen. Ich musste meinen Focale über  Mund und Nase ziehen, um durch meine wässrigen Augen sehen zu können. Die  umliegenden Flächen zierte kein Grashalm mehr; stattdessen teilten sich grobe  Holzsplitter, zerrissene Zeltleinen und etliche Leichen einen schweren Schlamm. Das meiste war so tief in den Boden getreten, wie es nur die wilde Masse einer tobenden  Armee vermochte.  

Durch ihr Lager und bis in die Stadt wurde das führerlose Heer der Vitellianer  zurückgedrängt, bevor sie dort ihr unausweichliches Ende fanden. Primus war siegreich,  doch fürchtete er, was seine unkontrollierten Truppen dort angerichtet haben könnten.  

Vereinzelt blitzten die wuchtigen Steine der Heerstraße unter all dem Dreck  hervor. Je näher ich der Stadt kam, desto deutlicher verblasste das vertraute Bild eines  gewöhnlichen Schlachtfeldes.   

Kein Gebäude stand mehr. Die einzige Ordnung bildeten gassenartige Schneisen, die sich entlang der früheren Wege durch die verkohlten Trümmerberge zogen. Manches  brannte noch immer, anderes glühte. Ob Mietskasernen, Einzelhäuser, Geschäfte oder  Tempel; ich sah Holz, Stein und Ziegelschutt, aber nicht, was einmal dort stand.   

Umhüllt von einem düsteren Schleier arbeitete ich mich langsam durch die starren  Venen Cremonas. Wie große Schneeflocken schwebte die bleiche Asche umher und setzte sich auf dem ausdruckslosen Gesicht eines älteren Mannes ab, dessen ausgeweideter Körper mehrere Schritte stadteinwärts lag. Lange konnte ich meinen leeren  Blick nicht von ihm lösen. Ich sah Tausende Frauen, Männer und Kinder in Cremona; die meisten waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und auf widerwärtigste Weise  geschändet. Nur drei lebten.  

Der Erste humpelte mir noch in der Nähe des Tores entgegen. Im Nebel sah er  aus wie ein gewöhnlicher Mann, doch dann erkannte ich seinen Zustand. Er war übersät mit Verbrennungen. Seine Kleidung bestand aus Fetzen, die im gleichen Maße schlaff an  ihm herunter hingen, wie sie in seine Haut übergingen. In seinen Armen trug er etwas,  dass er sorgsam in mehrere Lagen schäbiger Leinen gewickelt hatte. Das verschmolzene  Fleisch seiner Gesichtszüge legte die linke Zahnreihe bis unter die Wangenknochen offen  und seine Nasenlöcher zogen längliche Spalten. Er schien nicht überrascht mich zu  sehen. Im Gegenteil: Er blieb direkt vor mir stehen und schaute mich erwartungsvoll an. »Was ist hier passiert?« Ich versuchte ruhig zu bleiben. Er lächelte.  

»Wir hatten Glück. Cremona reichte Ihnen vier Tage, doch wir hatten Glück. Sie  nahmen sich die Jungen aus Lust und zerfetzten die Alten als Witz, aber wir hatten  Glück. Wir versteckten uns im Haus, so wie unsere Nachbarn, aber Sie wussten von  unseren Nachbarn und die wollten nicht rauskommen, da haben sie ihr Haus angezündet, doch sie wollten nicht rauskommen und so sind sie verbrannt. Die Flammen wären fast auf unser Dach übergesprungen… doch der Wind stand günstig und so haben wir es  unbeschadet überstanden und wir hatten Glück!« Seine Stimme klang sanft und warm. »Ich werde die Kleine in den Wald bringen.« Liebevoll schaukelte er den bewegungslosen  Lumpen. »Da warten meine Frau und unsere Söhne auf uns. Dann gehen wir südlich  nach Parma zu meinem Bruder.«   

Ja, seine Augen strahlten Freude aus und ich traute mich weder etwas zu sagen,  noch auch nur einen weiteren Blick in Richtung dieses Lumpens zu werfen.    Stattdessen wünschte ich ihm viel Erfolg und er schleppte sich vom Dunst der  Stadt in den Dunst davor.   

Der Zweite war im Begriff, die Habseligkeiten der Leiche eines vittelianischen Soldaten zu durchwühlen. Es war ein gut gekleideter Mann mit gepflegtem grauen Haar.  Als ich ihn zur Rede stellte, fauchte er mich an.  

»Ach, wie war das noch gleich? Ihr Vespasianer habt doch hier im Kampf für  euren Kaiser, den vierten dieses Jahres, gegen den anderen Kaiser, den dritten, das  römische Volk abgeschlachtet, welches ihr von eurer Seite überzeugen wolltet. Welch edle  Strategie. Also belehrt mich nicht.« Er zeigte auf einen Abschnitt der Trümmer, welcher  den anderen gleich war. »Hier war einer meiner Läden. Schmuck; verdammt nochmal  sehr profitabel.« Er wirkte sichtlich angespannt.  

»Wie hast Du das überlebt?«, fragte ich Ihn ungläubig.   

»Was überlebt? Offensichtlich war ich nicht hier. Keiner hat das überlebt. Nein,  ich komme nicht von hier, aber mache meine Geschäfte überall; ich bin ja nicht dämlich. Die Nachricht über eine solche Sache verbreitet sich schnell und da bin ich  hergekommen, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Teil retten zu können.« Er hielt  inne.»Aber diese unfähigen Vollidioten können nicht mal eine einfache Stadt  verteidigen!« Angewidert drehte er den Leichnam auf den Rücken und führte seine Suche  fort. Ich versuchte ihn zu stoppen, aber selbst als ich warnend auf den Griff meines  Schwertes klopfte, wollte er nicht von ihm ablassen. Wenig später hievte ich beide  Körper auf einen der brennenden Haufen und machte mich fort.  

Die Letzte fand ich in der Ecke einer steinernen Ruine. Sie saß da und lehnte sich  rücklings an eine der Mauern. Büschelweise entblößten karge Stellen ihre wunde  Kopfhaut und ihr Gesicht war bucklig geschwollen. Vor ihr spielten zwei Tote eine  erbitterte Szene. Es​ waren Primus Männer, welche krallend aufeinanderlagen, als wollten  sie sich noch immer umbringen. Der Nacken des Oberen war derart zerfleischt, dass sein Kopf nur noch spärlich an seinem Torso baumelte. Dem Unteren ragte der verzierte  Griff eines kleinen Gemüsemessers aus der Schläfe. Mein Blick folgte der schwärzlich  getrockneten Blutlache, welche sich von meinen Füßen bis zu der jungen Frau zog. Sie  bemerkte mich nicht. Ihre glasigen Pupillen schauten so starr in die Leere, dass ich  zunächst dachte, sie wäre den anderen beiden gefolgt; doch ab und zu erhob ihr leiser  Atem sachte die blaue Stola mit den purpurnen Flecken. Ich flüsterte, sprach und schrie  sie an, doch sie war zu weit weg. Ich konnte ihr nicht helfen und wollte nichts Weiteres  sehen. So ließ ich erst sie, dann die Tore und endlich den giftigen Nebel hinter mir.   

Nun, wie steht es um Cremona? Was meint Ihr damit? Fragt Ihr den verkohlten  Mann, so steht es gut, denn er denkt, seine Familie sei am Leben, obwohl sie es nicht ist.  Fragt Ihr den Händler, der nur einen kleinen Teil seines Reichtums verlor, so geht es ihm  schlecht. Fragt Ihr die geschändete Frau, die gezeichnet und missbraucht zwischen den  Leichenbergen sitzt, so würde sie nicht antworten. Fragt Ihr mich, so werde ich Euer  Gewissen nicht beruhigen, Antonius Primus.   

 Siehe: Tacitus, The Histories, Book 3 – 33-35  

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