Klassenfahrt mit nobler Mission

Zwischentöne unter der Wissenschaftselite von morgen. Bild: Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

„Kluge Köpfe sterben aus“. Nicht weniger pessimistisch betitelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor wenigen Tagen eine Meldung zum scheinbar grassierenden „intellektuellen Niedergang“ in Europa. Einen ganz anderen Eindruck konnte man in der vergangenen Woche in Lindau gewinnen: Während der 68. Nobelpreisträgertagung, die seit 1951 auf der beschaulichen Bodenseeinsel stattfindet, trafen vom 24. bis 29. Juni Nachwuchswissenschaftler auf Nobelpreisträger. Bei diesem Get-Together der besonderen Art stand der Austausch im Vordergrund und das nicht nur zwischen Wissenschaftlern und erst recht nicht nur zu wissenschaftlichen Themen.

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Während der Eröffnungszeremonie sprach zunächst die Präsidentin des Kuratoriums der Nobelpreisträgertagungen Gräfin Bettina Bernadotte af Wisborg, die – stilecht und standesgemäß mit Fascinator auf dem Kopf – die Laureaten und Nachwuchswissenschaftler herzlich willkommen hieß. Die Geschichte ihrer Familie ist untrennbar mit derer des Nobelpreisträgertreffens verbunden. So war es ihr Vater, der auf Initiative zweier Lindauer Ärzte hin 1950 den Kontakt zur Stockholmer Nobelstiftung aufnahm, um eine Wissenschaftstagung vorzuschlagen. In Deutschland, und das fünf Jahre nach Kriegsende. Die beiden Mediziner Dr. Hein und Prof. Parade hatten den Grafen Lennart Bernadotte damals in einem Brief darum gebeten, das „Ehrenprotektorat“ für ihre Idee einer solchen Konferenz zu übernehmen. Der Graf zeigte großes Interesse und konnte für das Konzept nicht zuletzt aufgrund seiner Zugehörigkeit zum schwedischen Königshaus zahlreiche Fürsprecher gewinnen. Seine 1974 geborene Tochter Bettina teilte daraufhin während ihrer Kindheit einmal im Jahr den Mittagstisch mit Nobelpreisträgern.

Was am Sonntagabend zwischen der Betonung der langen Tradition der Tagung und den wohlgewählten Worten der Begrüßung und Vorfreude schnell deutlich wurde: Beim Lindau Nobel Laureate Meeting handelt es sich um mehr als eine Fachtagung renommierter Wissenschaftler. Hier sollte in den kommenden Tagen nichts Geringeres besprochen werden als unser aller Zukunft. Die Hoffnungen ruhten dabei auf den 600 Nachwuchswissenschaftlern im gefüllten Saal der neu eröffneten Inselhalle, die ihrerseits noch nicht zu wissen schienen, wie ihnen geschah. Vielmehr wirkten sie zunächst eher wie eine bunt gemischte Truppe auf Klassenfahrt, denen gerade erst die Bedingungen ihrer Reise bewusstwurden.  Passend zur Analogie aus dem Bildungsbereich bewies dann Bildungsministerin Anja Karliczek in ihrer (als einziger auf Deutsch vorgetragenen) Rede, dass Schiffsmetaphern nicht nur im Präsidium der Zeppelin Universität großen Anklang finden. Denn, so betonte die Bundesministerin: „Die Wissenschaft ist der Anker der Wahrheit“. Neben ihrer nicht ohne Pathos formulierten Erwartungshaltung an das, was die Wissenschaft als Dienst an der Gesellschaft leisten kann, legte sie den Fokus auf eines der inhaltlichen Hauptthemen der Woche. So verwies sie am Beispiel der Forschung zur inneren Uhr des Menschen der 2017 gekürten Nobelpreisträger Michael Rosbash, Jeffrey Hall und Michael Young auf die manchmal sehr praktische Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse, die sich ihr im Alltag offenbart. Karliczek ist mit einem Piloten verheiratet. Als Replik auf ihren Verweis gab Rosbash während der ersten Lecture am darauffolgenden Montagmorgen zurück: „Ich werde häufig gefragt, wie ich mit dem Jetlag klarkomme oder gar um Empfehlungen gebeten. Nun, ich leide und nehme Tabletten. Wie wir alle.“

Wie Rosbash erwiesen sich die 39 Lauraten insgesamt als ausgesprochen lebensecht, zugänglich und humorvoll. Insbesondere jene, die zum wiederholten Mal Teil des Lindauer Treffens waren, zeigten sich begeistert vom weltweit einmaligen Tagungsformat.  Voll des Lobes waren sie für die Veranstaltungsorganisation, die in diesem Jahr mit einer frisch eingeweihten, großzügigen Location sowie den neu eingeführten Agora Talks, aufwarten konnte. Dabei handelte es sich um offene Diskussionen zu fachspezifischen oder interdisziplinär relevanten Themen. So wurde beispielsweise die Frage danach gestellt, wie dem Gender Gap in den Laboren entgegengewirkt werden kann. Allgemein herrschende Auffassung schien es zu sein, dass genau dann ein besonders fruchtbarer Austausch entsteht, wenn das Format keine allzu klaren Grenzen vorzeichnet. Inspiration, so konnte man immer wieder vernehmen, entstand dieser Tage vor allem im ungezwungenen Zwiegespräch.

Gelegenheit dazu bot sich auch im Rahmen der Social Events am Abend. Noch etwas verwirrt von der zwar altmodischen, aber gleichzeitig „irgendwie coolen“ Idee von Gräfin Bettina Bernadotte am Abend des International Get-Together, jeden männlichen Teilnehmer – mit einer rote Rose ausgestattet – die anwesenden Damen zum Tanz auffordern zu lassen, zeigte sich Manon während des Grill & Chill am Dienstag: „Wir haben dann einfach mitgespielt und es Lindau Tinder getauft.“ Die derzeit an der Charité forschende Französin schmunzelt, während sie erzählt, in welcher Frequenz während der Tagung Visitenkarten verteilt werden. „Jemand hat mich gefragt, was es zum Mittagessen gibt und mir im Anschluss seine Karte in die Hand gedrückt.“ Auch sie ist sich sicher, von der Tagung profitieren zu können, auch durch die zahlreichen Begegnungen mit anderen jungen Wissenschaftlern. Diese legten – ganz im Sinne der Klassenfahrt – zumeist ein Herdenverhalten an den Tag, insbesondere wenn sie in den großzügig terminierten Kaffeepausen in Trauben versammelt hingerissen an den Lippen der Nobelpreisträger hingen. Und, wie für einen solchen Anlass üblich, durfte auch das entsprechende Rahmenprogramm nicht fehlen: Hierzu gehörte der vom Bayrischen Elitenetzwerk ausgerichtete Donnerstagabend. Um die bayrische Kultur sollte es gehen oder zumindest um das, was gemeinhin darunter verstanden wird: Brezn, Bier und Blasmusik. Was mit einer Einladung an alle, sich in ihrer landesüblichen Tracht zu kleiden, noch vielfaltversprechend begann, entpuppte sich schließlich als ausgedehnte Promo-Show des Freistaats Bayern – inklusive Witzchen à la: „es gibt zwei Arten Deutscher: diejenigen die in Bayern leben und solche, die es sich wünschen.“ Viele der Nachwuchswissenschaftler zeigten sich angesichts der vorangeschrittenen Uhrzeit von den nicht enden wollenden Lobreden über diese und jene Vorzüge eines Daseins in Bayern eher verwirrt. Und spätestens als am folgenden Tag dieselbe Laier in schwarz-gelb für Baden-Württemberg folgte (die zumindest origineller wirkte) blieb die internationale Gemeinschaft verwundert zurück. Vor dem Hintergrund all der visionären Ideen, relevanten Diskussionen und intelligenten Statements hinterließ dies einen grotesk bis anachronistisch anmutenden Eindruck. Dabei liegt doch einer der wichtigsten Verdienste des Lindauer Treffens ausgerechnet in der Wissenschaftsdiplomatie. So überwanden die aus 84 Nationen angereisten Teilnehmer innerhalb weniger Tage nicht nur geographische Grenzen Sie diskutierten stets offen, ambitioniert und kritisch. Immer stand dabei ein gemeinsames Ziel im Mittelpunkt, das sich mit einem Zitat von Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn zusammenfassen lässt: „To do Science for the good of all of humanity!“

Am letzten Tag, für den traditionell eine Bootsfahrt zu Insel Mainau vorgesehen ist, boten sich schließlich Gelegenheiten die, wie Preisträger Tim Hunt sie bezeichnet, „Nobel Gang“, näher kennenzulernen. Dabei offenbarte sich einmal mehr, mit welch heterogener Gruppe wir es zu tun hatten, die abgesehen von einem genialen Geist, verhältnismäßig wenig Eigenschaften teilt. Unter Deck waren um acht Uhr morgens die ersten schon wieder vertieft in Gespräche von Football bis Klimawandel, während andere ein letztes Mal den Dialog mit den Young Scientists suchten. Dabei blieb auch die Frage nach einer Empfehlung, wie man nun dem Preis der Preise näherkäme, nicht aus. Denn, auch wenn sich die meisten Nachwuchsforscher bewusst bescheiden gaben, waberte die Hoffnung auf diese eine, wichtigste Auszeichnung natürlich stets durch die Luft. Deutlich wurde das nicht zuletzt immer dann, wenn Gräfin Bernadotte die jungen Teilnehmer dazu einlud, die Tagung in Zukunft wieder zu besuchen. Denn die mehrfache Teilnahme ist ausschließlich den Trägern des Nobelpreises vorbehalten. Einem einzigen Teilnehmer ist das Kunststück der Rückkehr in neuer Rolle bisher gelungen. Dass zum Gewinn eines Nobelpreises natürlich auch eine Menge Glück gehört und man deshalb nur schwerlich darauf hinarbeiten kann, rufen die bereits geehrten Laureaten der Gruppe junger Wissenschaftler immer wieder in Erinnerung. Zumal, warnt Dan Schechtman, dieser Preis eben auch der letzte ist, den man als Forscher gewinnen kann. „Wenn ihr ihn habt, dann war‘s das!“

Während das Sommerwetter bei Ankunft auf der Mainau noch streikte, war die Stimmung unter dem Zeltdach bei der letzten Podiumsdiskussion bereits hitzig. Das Thema: Science in a Post-Factual World“. Und während sich auf der Bühne entlang wenig überraschender Argumentationslinien eigentlich alle einig waren, regte sich im Publikum Unmut. Ein junger Mann kam schließlich zu Wort. Er schickte voraus, seine Äußerung wohl überlegt zu haben und platzte schließlich heraus: „Why are we so arrogant? We’re losing the game!“ Spontaner Applaus verriet, dass nicht nur ihm ein sich wiederholendes Narrativ aufgefallen war. Immer wieder hieß es, man müsse denen die Fakten näherbringen oder die am Verbreiten falscher Informationen hindern. Man selbst schien dabei auf dem Podium einer so bedeutenden Tagung garantiert über diese Anderen erhaben. Hier lohnt sich – im Sinne der Interdisziplinarität – die Konsultation eines alten Bekannten aus der Soziologie, Theodor W. Adorno, der 1955 sagte: „Elite darf man in Gottes Namen sein; niemals darf man als solche sich fühlen“.

Genervt zeigten sich andere von der repetitiven Trump-Kritik. So diente der US-Präsident immer wieder als Argument und Anklage für so ziemlich alles. Doch, so äußerte sich eine weitere Nachwuchswissenschaftlerin aus dem Publikum, diese Amerika-zentristische Perspektive sei fehl am Platz. Und überhaupt – was interessiert das postfaktische Zeitalter den nicht unbeträchtlichen Teil der Weltbevölkerung, der nicht einmal lesen könne.

Besonders ernst nahm diesen Einwand Elizabeth Blackburn, die während der gesamten Woche nicht nur als eine von zwei anwesenden weiblichen Nobelpreisträgerinnen aufgefallen war, sondern mehr noch, aufgrund ihrer großen Aufgeschlossenheit. Sie erkundigte sich beim anschließenden Picknick bei einer malayischen Nachwuchsforscherin nach den Bildungschancen für junge Frauen in Ihrem Heimatland.

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Wenngleich ein Resümee des an Eindrücken reichen 68. Lindau Nobel Laureate Meeting nur zu kurz greifen kann, liegen seine Verdienste um die Wissenschaftsdiplomatie auf der Hand. In letzter Konsequenz ist es schließlich die nicht enden wollende Diskussionen um die Begegnung weltgesellschaftlicher Herausforderungen, die ein so aufwendig organisiertes Happening nicht nur legitimieren, sondern es unentbehrlich machen. Und während man am Freitagnachmittag Dan Schechtman auf der Mainau mit seiner Handykamera auf der Jagd nach Schmetterlingen beobachten konnte, versuchte Michael Young seine Frau noch schnell vor einer prächtig gedeihenden Rose zu porträtieren. Es sind gerade auch die zutiefst gewöhnlichen Momente, die sich direkt neben den weltbewegenden Themen einreihen und den besonderen Charakter der Tagung ausmachen.

Als am Ende eines letzten, erfüllten Tages, kurz nachdem unter Deck „Angels“ von Robbie Williams angestimmt wurde, schließlich die Nobelpreisträger in Bad Schachen von Bord gehen, ergreift die Gruppe eine sentimentale Abschiedsstimmung. Und, ganz wie es sich für eine anständige Klassenfahrt gehört, fließt die ein oder andere Träne. Es werden Handynummern, Fotos und Anekdoten ausgetauscht und endlich wird sich auch der um die Hälse der jungen Wissenschaftler baumelnden Namensschilder entledigt. Denn eins ist bei der Landung im Lindauer Hafen sicher: Man kennt sich nun – nicht nur dank der Visitenkarten.

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Futur drei @ LINO18

Bei der Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau diskutieren junge Wissenschaftler*innen mit ihren Idolen. Frieda und Phillip beleuchten in dieser Artikelreihe aus verschiedenen Perspektiven das Event und die Themen, die aktuell in der scientific community diskutiert werden.

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