“Keine Zeit zu sterben” – die gesellschaftlichen Parallelen

Vorab noch zwei kurze Hinweise: Zum Einen sind in diesem Artikel massive Spoiler vorhanden – wer sich „No Time To Die“ also noch ansehen will, sollte erst nach dem Kinogang wieder hierher zurückfinden. Zum anderen sind diejenigen Abschnitte, in denen die Handlung des Films beschrieben wird, in kursiv gehalten, um die Trennung zwischen Filmhandlung und eigenen Gedanken sichtbar zu machen und so den Lesefluss zu erleichtern. With that said – hier ist der Artikel:

Im neusten Ableger der Bond-Serie hat der Agent mit der Lizenz zum Töten selbst „Keine Zeit zum Sterben“ – und das, obwohl er eigentlich seinen wohlverdienten Ruhestand genießen wollte. Doch nachdem eine vom MI6 entwickelte, tödliche Biowaffe in die falschen Hände gerät, liegt es erneut an James Bond, die Welt ein weiteres Mal vor der Apokalypse zu retten. Dieser Artikel soll jedoch weniger eine Zusammenfassung der 2 Stunden und 43 Minuten andauernden Handlung werden, sondern eher einen Blick auf die Meta-Ebene werfen. Denn hier finden sich durchaus einige interessante Parallelen zu unserer Gesellschaft, die es sich lohnt etwas genauer zu betrachten.

Mit Blick auf die Handlung ist die wohl offensichtlichste Parallele zu unserer jetzigen Realität, dass es für Bond gilt, eine globale Pandemie zu verhindern. Zwar handelt es sich im Film nicht um ein Virus, sondern um selektive Nanoroboter, allerdings schwingt das Narrativ von Ausbreitung, Ansteckung und Ausbruch stets mit. Bemerkenswert ist dabei, dass „No Time To Die“ bereits vor Beginn der Coronapandemie fertig gedreht, und aufgrund dieser um nun fast eineinhalb Jahre nach hinten verschoben wurde. Umso ironischer wirkte daher zum Beispiel die Szene, in der Tanner von M dazu angewiesen wird, die Angehörigen der Opfer eines Nanoroboterangriffs in Quarantäne zu schicken. Dabei steht der Filmtitel symptomatisch für die Pandemiesituation, in der es aufgrund von Infektionsschutzmaßnahmen im kulturellen Sinn wirklich keine Zeit zum Sterben gab, da die Begräbnisrituale massiv eingeschränkt wurden.

Doch am Anfang des Filmes weiß weder der Zuschauer, noch Bond, welche Gefahr sich im weiteren Verlauf auftun wird. Scheinbar zufrieden läuft er mit seiner Freundin Madeleine durch die süditalienische Stadt Matera, blickt dabei aber immer wieder über seine Schulter hinweg nach hinten. Madeleine interpretiert dieses Verhalten als die Unfähigkeit von Bond, nicht mit seiner Vergangenheit abschließen zu können – nicht zuletzt aus diesem Grund haben sie die Reise nach Matera angetreten. Doch gerade in dem Moment, als Bond auf dem dortigen Friedhof tatsächlich mit seiner Vergangenheit abschließen will, holt ihn diese in Form einer Explosion wieder ein. 

Meiner Meinung nach steht dieses Storyelement sinnbildlich für die Entwicklung unserer Gesellschaft aus ökologischer Perspektive: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir ähnlich wild gelebt wie Bond in seinen früheren Jahren. Man mag das auf intensiven Tourismus, Fast- Fashion, die Allgegenwart von Plastik oder unseren Fleisch- und Energiehunger beziehen: in fast allen Lebensbereichen kannten wir kaum Grenzen; und doch sind wir – wie Bond – bis jetzt immer ziemlich gut davon gekommen. Doch vielleicht hat der Schulterblick auf vergangene Erfolge unseren Blick auf die Zukunft etwas verzerrt. Und vielleicht haben wir in den letzten knapp zwei Jahren diejenige Explosion erlebt, die auch Bond zunächst zu Boden schleuderte. Denn es wird deutlich: Unsere Vergangenheit holt uns auch gerade wieder ein. Ob in Form von riesigen Plastikinseln in unseren Ozeanen oder in Form von Hochwasser und Hitzewellen – es ist klar: Mit dieser Vergangenheit können wir nicht einfach abschließen, wir müssen mit ihr leben und an den gegenwärtigen und zukünftigen Konsequenzen dieser Vergangenheit arbeiten.

Bond bleibt nur wenige Sekunden auf dem trockenen Sandboden des italienischen Friedhofes liegen, um sich dann schnell wieder aufzurappeln. Zwar ist er von der unerwarteten Explosion körperlich noch etwas benommen, handelt aber ohne zu zögern. 

Auch hier gibt es Parallelen: Natürlich war die Realisierung der Folgen des Klimawandels und der Ausbruch der Coronapandemie ein ziemlicher Schock für uns, der uns zu Boden warf. Auf der anderen Seite rappelten wir uns genauso schnell wieder auf: Noch nie wurden Impfstoffe in so kurzer Zeit entwickelt und auch in Sachen Klima- und Umweltschutz ist auf einmal enorm viel in Bewegung. Die USA wollen bis 2030 eine klimaneutrale Nation werden und auch in der nächsten Bundesregierung wird das Klima eine zentralere Rolle spielen als je zuvor. Das liegt unter anderem daran, dass wir – wie Bond – die Situation begriffen haben und wissen, was zu tun ist.

Der Faktor Zeit dabei sowohl für uns, als auch im Film eine zentrale Rolle. Während Bond auf der Hinfahrt nach Matera die Bitte von Madeleine, doch etwas schneller zu fahren, mit der Aussage „Wir haben alle Zeit der Welt“ ausschlägt, nimmt die Story nach der Explosion deutlich an Tempo auf. Das aber nur, bis Bond sich ein für alle Mal von Madeleine trennt, da er in ihr eine Verräterin vermutet, die mit hinter der Explosion steckte. Er taucht anschließend für fünf Jahre unter und nimmt sich damit tatsächlich „alle Zeit der Welt“. 

In den vergangenen fünf Jahren – gefühlt mit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten 2016 – konnten auch wir den Eindruck gewinnen, dass sich mit entscheidenden Zukunftsfragen ebenfalls „alle Zeit der Welt“ genommen wurde – sei es in der bereits erwähnten Klimafrage, der Digitalisierung oder dem Fachkräftemangel. 

Sowohl unsere Welt, als auch diejenige von Bond entwickelte sich während seiner Abwesenheit aber natürlich weiter, und als dieser schließlich reaktiviert wird, sieht er sich mit einigen Veränderungen konfrontiert. Er unterschätzt einen Nachwuchsmitarbeiter der CIA, der sich später als Maulwurf herausstellt und Bonds langjährigen Freund Felix tötet. Bond muss sich ebenfalls damit abfinden, beim MI6 kaum Einfluss mehr zu haben und seine Agentennummer „007“ bei Nomi, seiner Nachfolgerin, zu sehen. Zuletzt schwindet auch sein Vertrauen in die Institution des MI6 selbst, als er feststellt, dass die zu bereinigende Gefahr, die hochgefährlichen Nanoroboter, vom MI6 selbst entwickelt wurden. Er kritisiert M für sein Vorgehen scharf, doch auch dieser sieht sich mit den veränderten Bedingungen seiner Arbeit konfrontiert. So sagt er zu Bond in einem späteren Gespräch sinngemäß: „Früher konnte man dem Feind noch ins Gesicht schauen, heute fliegt er durch den Äther“. 

Dieser Satz beschreibt sowohl die Story, als auch unsere Situation ziemlich präzise. Denn der Äther wird in der griechischen Mythologie als die Personifikation des „oberen Himmels“ verstanden, in dem die Götter sitzen und in den die Seele nach dem Tod hinaufsteigt. 

Als Bond beim Spectre-Treffen auf Kuba zum ersten Mal mit den Nanorobotern in Kontakt kommt, sieht man ihn aus einer Vogelperspektive – der Zuschauer blickt also aus dem „oberen Himmel“ auf ihn herab. Aus diesem „oberen Himmel“ strömt dann schließlich auch das Gas mit den Nanorobotern heraus. In dieser Szene wird er jedoch aufgrund einer Manipulation des verantwortlichen Wissenschaftlers, der Nanoroboter entwickelt hatte, verschont.

Aber auch in unsere Welt sitzt der „Feind“ im Äther: Das Coronavirus verbreitet sich durch die Luft und die Treibhausgase – wie etwa CO2 oder Methan -, die für die globale Erderwärmung sorgen, sind in den höheren Atmosphärenschichten – sprich dem „oberen Himmel“ – zu verorten. Es handelt sich also um gesichtslose „Feinde“, da sie mikroskopisch-kleine biologische und chemische Strukturen sind, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann.

Doch nun fast forward zur obligatorischen Bond-Bösewicht-Begegnung aka dem spannenden Safin-Showdown: Hier kann man einige inszenatorische Referenzen zum Konzept des Äther feststellen. Zunächst werden Bond und Nomi in einer Drohne aus einem Militärflugzeug geworfen und fallen gen Meer, bevor sie schließlich nahtlos unter die Wasseroberfläche gleiten und sich die Drohne entsprechend in ein U-Boot (YKKE reference not intended) verwandelt. 

Man könnte diese Szene auch als einen Fall aus dem Äther – dem oberen Himmel – in Gaia verstehen, in welche der Körper dem Mythos zufolge nach dem Tod hinabsinkt – denn die Seele stieg ja in den Äther hinauf. Die beiden Agenten tauchen dann – in der aus meiner Sicht ästhetischsten Szene des ganzen Films – im alten Raketensilo von Safin wieder auf. In diesem Silo lässt Safin seine Nanoroboter herstellen, was auch einen Paradigmenwechsel in unserer Welt zeigt: Während zu Zeiten des kalten Krieges ein Atomschlag die größte Gefahr für die Menschheit darstellte, was die ursprüngliche Funktion des Silos als Raketenlager und Abschussstation erklärt, sind es heute viel spezifischere und komplexere Gefahren wie Viren, Chemikalien oder Technologien, die unsere Existenz bedrohen. Dieser Kontrast zwischen alten und neuen Gefahren wird durch die verschiedenen Formen der Nutzung des Silos, erst als Raketenlager, nun als Produktionsort einer Biowaffe, verdeutlicht.

In der anschließenden Szene, in der Bond und Safin dann aufeinandertreffen, offenbart letzterer seine Weltanschauung, die seinen Plan rechtfertigen soll: Safin ist der Auffassung, dass der Mensch auf der Erde lebt, um etwas zu hinterlassen – sprich etwas dauerhaft zu verändern. In der weltweiten Verbreitung und gezielten Steuerung seiner Nanoroboter sieht Safin diesen Plan verwirklicht. Dagegen wirft er Bond vor, dass all seine Fähigkeiten – sprich sein Vermächtnis – mit dem Ableben seines biologischen Körpers ebenfalls verschwinden werden, wohingegen Safin selbst noch lange nach seinem Tod Einfluss haben würde. 

Letztendlich prophezeit Safin Bond damit seine komplette Versenkung in Gaia, da Bond mit seinem biologischen Körper allumfassend stirbt, während er selbst durch sein Wirken unsterblich werde und in den Äther aufsteige. Auf diese höchst göttliche Selbstbetrachtung Safins – nicht zuletzt sitzen die Götter ja im Äther -, reagiert Bond mit der Aussage „Die Geschichte verachtet immer diejenigen, die Gott gespielt haben“. Denn hat man die Nanoroboter einmal in seinem Körper, so wird man diese nicht mehr los – und Safin kann steuern, durch welche DNA-Sequenzen sie aktiviert werden und durch welche nicht. Damit obliegt ihm eine durchgehende Kontrolle über Leben und Tod einzelner Menschen, was durchaus eine göttliche Fähigkeit ist. Führt man sich vor Augen, dass wir zurzeit in Teilen schon Gott spielen und nach immer gottgleicheren Fähigkeiten streben – also auf dem Weg zum von Harari postulierten „Homo Deus“ sind -, so kann man sich in Anlehnung an Bonds Zitat durchaus die Frage stellen, wie zukünftige Generationen auf dieses 21. Jahrhundert blicken werden. In der Bond-Welt hat Safin seine Biowaffe allerdings noch nicht verbreitet, und Bond versucht natürlich, ihn an der Verwirklichung seines Plans zu hindern.

Doch bevor dem Agent, der vor dieser finalen Mission seinen 007-Titel wiedererlangt hatte, dies gelingt, befreit er noch Madeleine und ihre Tochter, die zuvor von Safin entführt wurden. In einer anschließenden Szene fahren Madeleine, ihre Tochter und Nomi auf einem Schlauchboot aus dem Silo heraus. Die Inszenierung ist dabei so gewählt, dass die drei durch einen schmalen, horizontalen Spalt fahren, durch den grelles gelb-goldenes Licht scheint, während Bond zwischen den düsteren Betonwänden zurückbleibt. Auch hier könnte man die Fahrt der drei als Ausweg in den Äther sehen, der auch als „Sitz des Lichts“ verstanden wird, während Bond in Gaia zurückbleibt. Denn für ihn gilt es nun, die Silotore zu öffnen, damit ein Raketenschlag der britischen Marine das Biolabor von Safin und damit die Nanoroboter zerstören kann. Dies gelingt Bond auch, doch als er bereits auf der Flucht von der Insel ist, schließt Safin die Tore wieder und es kommt zum finalen Kampf zwischen den beiden. Aus diesem geht Bond zwar siegreich hervor, jedoch „infiziert“ Safin ihn im Kampf mit Nanorobotern, die auf die DNA von Madeleine und seiner Tochter Mathilde programmiert sind. Somit würde jegliche Berührung zum Tod der beiden führen, und da die Roboter nicht mehr aus dem Körper zu entfernen sind, gibt es für Bond keinen Ausweg mehr. 

Diese Situation erinnert ein wenig an den Mythos um König Midas, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte – auch seine Geliebten.

Bond gelingt es nun ein weiteres Mal, die Silotore zu öffnen, doch der Kampf mit Safin hat viel Zeit gekostet, in der die Raketen bereits einige Strecke zurückgelegt haben. Bond klettert anschließend eine Leiter hinauf, womit seine Fluchtrichtung in der Vertikalen liegt (wohingegen die anderen drei in die Horizontale in das Licht flohen) – ein Gegensatz, der vielleicht erahnen lässt, was dann folgen wird. Denn die Zeit bis zum Einschlag der Raketen reicht für eine Flucht Bonds nicht mehr aus. Das erkennt auch Madeleine, die in einem letzten Funkspruch sagt: „Wir brauchen nur mehr Zeit“. Bond antwortet darauf wieder „Wir haben alle Zeit der Welt“, womit er seine Aussage zu Beginn des Films am Ende wieder aufnimmt. Dann sieht man, wie die Raketen über der Insel ankommen, sich im Himmel – oder im Äther, wenn man so will – nochmal in eine Vielzahl kleinerer Sprengköpfe aufspalten und dann schließlich einschlagen. Bond wird von der Explosion getötet. 

In vielerlei Hinsicht schließt sich darin ein narrativer Kreis: Einmal mit der Wiederaufnahme des eben genannten Zeit-Zitates (Anfang <—> Ende), was nicht zuletzt auch auf den Filmtitel anspielt. Dann mit der Symbolik der Explosion: Denn die Explosion auf dem Friedhof in Italien war es, die Bond wieder in sein Agentendasein zurückgeschleudert hat, und eine Explosion war es auch, die diesem Dasein dann ein Ende bereitete – in gewisser Weise kann der Fakt, dass die erste Explosion auf einem Friedhof stattfand, daher schon als Vorzeichen für das anschließende Ableben von Bond interpretiert werden (auch hier: Anfang <—> Ende). Zuletzt fällt Bond zu Beginn der Silo-Mission in einer Drohne vom Himmel, während am Ende der Mission Raketen vom Himmel auf Bond fallen.

Nach einer weißen Blende folgt die Abschiedsszene, in der M zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Londoner Hauptquartier des MI6 zu sehen ist. In seiner kurzen Trauerrede für Bond zitiert er aus einem Buch. 

Dieses Zitat bildet nicht nur ein gutes Ende für die filmische Verkörperung des James Bond durch Daniel Craig, sondern auch für diesen Artikel. Darüber hinaus weist es sogar eine Ähnlichkeit mit dem Humboldt-Zitat im Graf von Soden-Forum auf. Es lautet wie folgt:

„Die richtige Funktion des Menschen besteht darin zu leben, nicht zu existieren. Ich werde meine Tage nicht damit verschwenden, sie zu verlängern. Ich werde meine Zeit nutzen.“

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