Karriere? Geil.

Die Karriereleiter von Peter Lenk (Foto: https://hiveminer.com/Tags/karriereleiter)

In den kommenden zwei Tagen findet ZUtaten, die „Karrieremesse der besonderen Art“ zum mittlerweile elften Mal an der Zeppelin Universität statt. Auf Facebook, in unserem E-Mail-Postfach, ja selbst auf den Toiletten ist die Veranstaltung omnipräsent und spätestens, wenn heute wieder Studenten, die gerade so der Pubertät entkommen zu sein scheinen, ihre Anzüge vom Abiball am Fallenbrunnen spazieren führen, ist allen klar: Karriere liegt in der Luft. Ein guter Anlass, um sich mit der Geschichte und Bedeutung des Begriffs auseinanderzusetzen.

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Allein die Online-Suche des Dudens ergibt auf Anhieb 90 Treffer für den Suchbegriff „Karriere“, darunter Perlen zusammengesetzter Substantive wie „Karrierekiller“ oder „Bilderbuchkarriere“. Es entsteht der Eindruck, der Begriff selbst habe eine steile Karriere hingelegt. Tatsächlich sind wir im Universitätsalltag umgeben von Karriereratgebern, Karriereseiten, Karrieremessen und Karriereberatern. Man ist Karrierefrau oder –mann, will bestimmt mal Karriere machen oder die Karriereleiter hochklettern. Für den ersten Job bewerben wir uns über eine Karriereplattform und nebenbei diskutieren wir über die Vereinbarkeit von Karriere und Freizeit, Karriere und Kind, letztlich Karriere und Leben. Doch weshalb hat sich das Wort in unseren alltäglichen Sprachgebrauch eingeschlichen und was für ein Konstrukt soll das sein, diese Karriere?

Ein schneller Blick auf Wikipedia verrät, dass das Wort selbst erwartungsgemäß aus dem Lateinischen stammt und „die persönliche Laufbahn eines Menschen in seinem Berufsleben“ bezeichnet. Außerdem: „Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff in der Regel einen beruflichen Aufstieg, einen Weg nach oben“. In der allseits beliebten und inflationär befragten Online-Enzyklopädie findet sich also ein erster Hinweis darauf, weshalb diese sogenannte Karriere erstrebenswert zu sein scheint.

Karrierechancen, so lehrt uns wiederum die Geschichte, sind eine durchaus zu begrüßende Errungenschaft des 18. Jahrhunderts. Karrieremöglichkeiten beispielsweise am Hof eines Regenten oder beim Militär blieben vorher dem Adel vorbehalten. Der Abbau von Standesprivilegien öffnete den Weg für die Entstehung von Verwaltungsorganisationen sowie großen Unternehmen, Karrieren entwickelten sich. Seither, so schließt der zugehörige Wikipedia-Artikel, „kann man Karrieren als den Versuch ansehen, sich eine Identität aufzubauen“.

Die Karriereforschung ist im Ursprung in der Soziologie verankert. So befassten sich seit den 1920er Jahren in Deutschland unter Anderem Max Weber, Karl Mannheim und Niklas Luhmann mit dem Begriff. Mit Maren Lehmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, lehrt an der ZU heute eine renommierte Soziologin, die sich ihrerseits mit dem Karrierebegriff auseinandersetzt.

Danach befragt, weshalb die Karriere zu einem Begriff von Relevanz und Interesse für sie geworden ist, muss Frau Lehmann lächeln. Das habe sich einfach aus einer ausgeprägten persönlichen Abneigung einer solchen gegenüber ergeben. Um ihr selbst eine Karriere attestieren zu können, fehle ihrem Curriculum einfach die notwendige Gradlinigkeit, bekennt sie. Die Karriere, so konstatiert sie, sei nach Erving Goffmann erst einmal eine Sequenz von Wechselfällen und zwar egal in welche Richtung. Dennoch drückt sich in dem Streben nach einer Karriere ihres Erachtens nach, ein menschlicher Drang danach aus zu avancieren. Einfacher gesagt lieber oben als unten zu sein. Und viel mehr noch: Der Wunsch nach Distinktion, nach einer modernen Art von Individualität wird darin deutlich. Der Mensch möchte gern etwas Besonderes und gleichzeitig ein soziales Wesen sein, denn: sich abzugrenzen von dem Verfolgen einer idealtypischen Karriere ist erstmal anstrengend.

Wie allgegenwärtig nicht nur der Begriff an sich ist, sondern vielmehr eine allgemeingültig erscheinende Auffassung darüber, dass eine Karriere für Jedermann erstrebenswert ist, zeigt sich in vielen Situationen des Alltags. So fragen wir beispielsweise Kinder, bevor sie überhaupt die Schule besuchen, was sie einmal werden möchten, ganz als wolle man ihnen suggerieren, bisher seien sie nichts.

Der berühmte CV nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Und obwohl zuweilen Gegenteiliges propagiert wird, hätte man ihn doch eigentlich gern möglichst stringent, zielorientiert und lückenlos, damit er als DINA4-große Eintrittskarte ins Berufsleben dienen kann. Das Curriculum Vitae in seinem eigentlichen Wortsinn, so erläutert Frau Lehmann im Gespräch, stellt dabei den Kreis der Gegenstände dar, mit denen man sich in seinem Leben beschäftigt. Und daran, ergänzt sie, sei keinesfalls Anstoß zu nehmen. Schließlich brauche man eine Fremdreferenz, etwas, worauf man sich beziehen kann. „Sonst denkt man bloß über sich selbst nach, das ist fruchtlos.“ Nicht umsonst, so betont Lehmann, frage man die Bewerber am Auswahltag der ZU nicht danach, wer sie sind, sondern was sie beschäftigt. Die erste Frage befasst sich mit Stationen des Lebenslaufs, letztere mit dem, was den Menschen umtreibt.

Auf eine Rückfrage, ob möglicherweise zu wenig über die Karriere reflektiert werde, verneint sie entschieden. Eher das Gegenteil sei der Fall. Innerhalb ihrer Peergroup vergleichen sich gerade Studierende ständig miteinander. Sie sind ja auch ständig von dem Terminus, in seinen unterschiedlichsten Anwendungen, umgeben. Letztlich lautet vielleicht die Frage, die es sich selbst zu stellen gilt: Wie wichtig ist mir Erfolg? Maren Lehmann meint dazu: „Mich macht Erfolg misstrauisch. Man macht Karriere und dann hat man Erfolg, aber woran merkt man das denn? Dass man nur noch Komplimente bekommt oder nur Attacken?“

2 Comments

  • Antonia sagt:

    “So fragen wir beispielsweise Kinder, bevor sie überhaupt die Schule besuchen, was sie einmal werden möchten, ganz als wolle man ihnen suggerieren, bisher seien sie nichts.”

    Interessante Überlegung. Und zieht sich irgendwie auch durchs ganze Leben, die Frage “was man aus sich gemacht hat”, als wäre man bisher zu wenig gewesen. Kann aber vielleicht auch zu positivem Antrieb führen, in Anlehnung an Wikipedia identitäts- oder sinnstiftend. Alles im richtigen Maße…

    • Frieda Meding Frieda Meding sagt:

      In der Tat. Der Gedanke stammt übrigens ebenfalls von Maren Lehmann aus der Vorlesung im Fall 2016 zum Zeppelinprojekt-Oberthema “Karrieren”.

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