Zeit für Manifeste!

Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Im Hamburger Bahnhof in Berlin holt Cate Blanchett in 13 Rollen die Künstlermanifeste der letzten 100 Jahre, in denen sich stets Politik und gesellschaftlicher Wandel wiederspiegelten, in unsere Gegenwart. Welche Relevanz haben sie heute noch, und ist die Zeit reif für neue Manifeste?

Kunst ist und war immer auch politisch – spätestens seit der Industrialisierung. Mit ihr hielt ein polarisierendes, pulsierendes, sich im ständigen Aufbruch befindendes und immer schneller werdendes Jahrhundert Einzug, das auch eine neue Form des künstlerischen Aufschreis mit sich brachte: das Kunstmanifest. Nachdem Marx und Engels bereits 1848 mit dem „Manifest der kommunistischen Partei“ die bis heute weltbekannte Mutter aller Manifeste schufen, verspürten nun mehr und mehr auch Künstler den Drang, die Kunst in Form von Regeln mit unbedingten Geltungsansprüchen immer wieder neu zu definieren – und reflektierten so auch das gesellschaftliche und politische Zeitgeschehen. Ob Futuristen, Dadaisten oder Blauer Reiter: bei ihren Manifesten handelte es sich nie bloß um den Aufruf zu neuartigem Pinselschwung, sondern immer auch um einen bewussten Bruch mit bestehenden Konventionen, einen „Aufschrei nach Identitätsfindung, der nicht nur die Kunst ändern will, sondern das Leben, die Welt gleich mit.“ So beschreibt es Julian Rosefeldt, dessen Videoinstallation „Manifesto“ momentan im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist.

In insgesamt 13 zehnminütigen Videos hat der Berliner Künstler circa 60 der bedeutendsten Manifeste der Kunstgeschichte, darunter Werke von Paul Éluard, Lucio Fontana und Lars von Trier, verarbeitet. In jedem Video fügen sich Fragmente verschiedener Manifeste zusammen und bilden jeweils das Narrativ einer Kunstbewegung. Zum Leben erweckt werden diese von der australischen Schauspielerin Kate Blanchett, die in 13 verschiedenen Rollen und Schicksalen das Manifest in unsere Gegenwartskultur holt. So fordert sie als exzentrische Choreografin die „total mobilization of all artistic forces” und schreibt als geduldige Grundschullehrerin die Worte „Nothing is original“ ans smart board.

Mal brechen die dargestellten Szenen dabei bewusst mit den vorgetragenen Texten, mal wirkt beides im Einklang mit einander. So zitiert eine Börsenmaklerin als ultimatives Sinnbild des digitalisierten Kapitalismus die Manifeste der Futuristen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in ungezähmten Rausch und wilder Euphorie den Aufbruch der Moderne priesen – sie besangen den Krach der Maschinen, das Pulsieren der Elektrizität, lehnten jegliche Melancholie vergangener Zeiten ab und schrien nach Waffen und Gewalt: „We shall sing (…) of the pulsating, nightly ardour of arsenals and shipyards, ablaze with their violent electric moons; (…) of broad-breasted locomotives, champing on the wheels like enormous steel horses.” Die brutale Fortschrittsbegeisterung, die in dem hier zitierten „The Foundation and Manifesto of Futurism“ zum Tragen kommt, ist heute wieder so akut wie damals – erneut steht die Menschheit an einem Punkt, an dem Technologie unsere Gesellschaft überholt und unsere Weltordnung unwiederbringlich verändert.

Das Gegenstück zum progressionsbesessenen Futurismus bildet ein Video, in dem Blanchett als verwahrloster Obdachloser durch eine dystopische Landschaft wankt und situationistische Texte von der Spitze des Berliner Teufelsbergs heruntergrölt. “Modern art, suffering from a permanent tendency to the constructive, an obsession with objectivity, stands isolated and powerless in a society which seems bent on its own destruction”, zitiert Blanchett Constant Nieuwenhuys und fordert mit den Worten der Situationisten eine realitätsnahe Kunst, die gegen kapitalistische Machtgefüge aufbegehrt und der Industriegesellschaft durch ihre Kunst Liebe, Subjektivität, Zufall und Menschlichkeit zurückbringt. Immer wieder tauchen in den Manifesten Rausch und Revolte als Mittel auf, der Reduktion des Menschen auf seine Rolle als im Sinne des kapitalistischen Systems funktionierender Arbeiter zu entfliehen. Erneut wird der Betrachter mit Worten konfrontiert, die an Aktualität nicht eingebüßt haben.

Zu Gänsehaut-Momenten führen dabei nicht nur Blanchetts überragende Schauspielkunst und Rosefeldts bildgewaltige Kulissen, sondern vor allem eben jener Aktualitätsbezug, der von den Videos ausgeht. Von allen Seiten dringen Kampfansagen ans Ohr und scheinen sich gegenseitig überbieten zu wollen. Hier faucht eine besoffene Punkerin einem kreationistische Verse ins Ohr, dort preist die konservative Mutter im Abendgebet die Pop Art an. Seinen inbrünstigen Höhepunkt erreicht dieser Jahrmarkt der Ideologien, wenn Blanchetts Reden sich in allen Videos gleichzeitig zu Lobgesängen steigern und ihre Stimme sich dreizehnfach überschlägt. Hier wird der Zuschauer vollends gepackt von der unruhigen Aufbruchsstimmung, die allen Manifesten innewohnt – Stillstand wird unerträglich, „to sit in a chair for a single moment is to risk one’s life“.

Und obwohl Stillstand selten unerträglicher war als in unserer Gegenwart, fehlt es an bedeutenden kollektiven Antworten der Kunstwelt in Form von Manifesten und Bewegungen. Das mag daran liegen, dass Regeln mit unbedingten Geltungsansprüchen angesichts einer partizipative Diskussionskultur passé geworden sind – und doch erzeugen die von Rosefeldt selektierten Manifeste eine Sehnsucht danach, die eigene Meinung ebenso aufbegehrend und idealistisch kundzutun wie es Künstler in den letzten 100 Jahren taten. Es bleibt die Frage: werden wir in den nächsten Jahren weiterhin die Manifeste des 20. Jahrhunderts im Museum betrachten oder werden wir unsere eigenen in die Welt hinausschreien? Wo sind unsere Manifeste?

Interesse geweckt?

'Manifesto' ist noch bis zum 10.07.2016 im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.

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