Interview mit Irina Gruschewaja, belarussische Menschenrechtsaktivistin

„Wir müssen politisch handeln, aber auch ganz konkret vor Ort helfen!“

 Irina Gruschewaja setzt sich seit 1989 für Menschenrechte in Belarus und insbesondere die Rechte von Betroffenen des GAU in Tschernobyl ein. 1997/98 musste sie zum ersten Mal ins politische Exil nach Berlin, nachdem sie in Belarus aufgrund ihrer Arbeit bedroht wurde. Mittlerweile lebt sie dauerhaft in Berlin.

Das Interview führte Katharina Ebinger. Es ist in voller Länge unter www.restart-initiative.org zu lesen.

Irina, du und dein Mann Gennadij Gruschewoi waren unter den ersten Menschen, die den GAU von Tschernobyl und seine Auswirkungen in Belarus (Weißrussland, Anm. der Redaktion) zum Thema machten und Hilfe organisierten. Wie würdest du den Anfang eurer Arbeit beschreiben?

1989, als wir unsere Arbeit begannen, war das eine ganz neue Erfahrung für uns. Vieles hatte einen Experimentcharakter und wurde improvisiert. Gennadij war damals neben seiner Professur für Philosophie an der Universität Minsk aktiver Teil der Bürgerbewegung für Demokratie, wie auch ich selbst. Dadurch wurden wir auf die Verseuchung im Süden Belarus‘ aufmerksam. Die ersten drei Jahre nach dem GAU war es ja fast unmöglich, an Informationen zu kommen. Ende Juli 1989 organisierte Gennadij eine Delegation bestehend aus Ärzt*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen in die verstrahlten Gebiete, um die Situation selbst zu erfassen.

Daraufhin haben wir dann in Minsk eine große Kundgebung mit über 10 000 Menschen organisiert – die erste in der Geschichte Belarus‘. Die Mobilisierung war damals nicht schwierig. Menschen kamen einfach vorbei und blieben stehen. Sie wollten die Wahrheit hören. Von der staatlichen Seite gab es keine Information über die Lage der Menschen in den verstrahlten Gebieten, offiziell waren sie gar nicht verstrahlt. Dennoch wurden offensichtliche Maßnahmen ergriffen: Straßen wurden regelmäßig abgewaschen, die Kinder wurden in Bussen in die Schule oder in den Kindergarten gebracht und sie blieben dort bis zum Abend, ohne rauszugehen zu können.

Auf dieser Kundgebung war der KGB schon präsent und hat Teilnehmer*innen fotografiert. Doch erst zwei Monate später, als wir einen Tschernobyl-Fußmarsch veranstalten wollten, wurden die Repressionen deutlicher: Wir bekamen Drohanrufe, dass der Marsch nicht stattfinden darf und Student*innen und Arbeiter*innen wurden zum damals üblichen Ernteeinsatz in die Kolchosen eine Woche früher aus der Stadt gebracht. Der Tschernobylmarsch fand trotzdem statt und versammelte ca. 40 000 Teilnehmer*innen, die neun Kilometer die Hauptstraße der Stadt entlang gingen, um zu sagen: „Wir wollen die Wahrheit wissen und wir wollen leben!“ Nach der Demonstration wurde mein Mann angeklagt. Grund: Die Demo sei nicht genehmigt gewesen und er hätte Straßenverkehrsregeln verletzt. Er bekam eine hohe Geldstrafe und was noch schlimmer ist, später auch Berufsverbot.

Aber der Protest war nicht mehr aufzuhalten. Es war klar: Man muss politisch handeln, aber man muss auch für die betroffenen Menschen konkrete Hilfe vor Ort organisieren. Unsere Vision war stets die internationale humanitären Zusammenarbeit. Nicht die humanitäre Hilfe von Gebenden zu Nehmenden, sondern eine Zusammenarbeit von Menschen in Ost und West auf Augenhöhe.

Das war eine furchtlose Zeit und der Satz „Siegen heißt, keine Angst haben!“ aus dieser Zeit hat sich in mir tief eingeprägt.

Belarus ist ein autoritärer Staat und wird oft auch „die letzte Diktatur Europas“ genannt. Welche Auswirkungen hat das auf die belarussische Zivilgesellschaft und ihre Arbeit?

Die belarussische Zivilgesellschaft hat drei Phasen durchgemacht: Ihre Entstehung geht meiner Einschätzung nach zum deutlich überwiegendem Teil auf die Tschernobyl-Initiativen im ganzen Land zurück. Nachdem Lukaschenko 1994 zum Präsidenten wurde, wurden diese immer mehr kriminalisiert, die Mitglieder eingeschüchtert und die Kontakte zu den ausländischen Partnerorganisationen gekappt. Es wurde eine Abteilung für humanitäre Hilfe gegründet, die beauftragt wurde, alle humanitären Kontakte und Hilfstransporte nur mit persönlicher schriftlicher Genehmigung des Präsidenten zuzulassen. Da aber im Ausland der Wunsch war, mit den NGOs und nicht mit dem Staat zusammenzuarbeiten, wurden schnell sogenannte „GONGOs“ also „government organized non-governmental organizations“ vom Staat geschaffen, dies begründete die zweite Phase.

Die Schaffung der GONGOs als sogenannte „Taschenorganisationen“, war mangels der demokratischen Erfahrungen der Menschen der ehemaligen Sowjetunion nicht allzu schwierig. Diese staatlichen Organisationen dienten dem Schein und schafften eine Doppelstruktur, mit dem Ziel, NGOs nutzlos und überflüssig erscheinen zu lassen.

Daraufhin häuften sich in der dritten, noch aktuellen Phase subtilere Formen der Unterdrückung: So mussten Organisationen willkürlich neu registriert werden, wofür eine juristische Adresse nötig ist, die von staatlichen Behörden genehmigt werden muss. Es kam zu Verfolgungen und Diffamierung von Aktivist*innen. 1999/2000 wurde auch das ehemalige „Tschernobyl-Ministerium“ unbenannt in „Ministerium für außerordentliche Ereignisse“. Es wird vehement versucht, das Thema aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Jetzt gibt es nur noch kleine Inseln der Zivilgesellschaft, die fortwährend bedroht werden.

Du hast über lange Jahre für Demokratie und die Opfer Tschernobyls unter teils heftigen Widerständen seitens der belarussischen Machthaber*innen und unter persönlicher Bedrohung gekämpft. Was ist daran das Schwierigste und was gibt dir Kraft?

Das härteste ist, im Widerstand zu sein. Ich meine das ganz wörtlich, wenn du stehst, geht dir die Kraft aus. Wenn du längere Zeit stehst, bist du wie gelähmt. Wenn du jedoch gegen den Strom läufst, macht dich das stark. Oft sind es kleine Schritte, mit denen wir etwas bewegen – seien es Menschen oder indem wir Räume schaffen. Manchmal sind es vielleicht auch vor allem Herzensbewegungen.

Es ist wichtig, sich zu bewegen, Umstände zu verändern, Wege oder Umwege zu suchen, um das, was du begonnen hast, fortzusetzen. Es gibt diesen Spruch „Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Fesseln nicht!“ – der spiegelt das, was ich meine, sehr gut wieder.

Diese kleinen Schritte geben mir auch Kraft. Das Gefühl der Solidarität, dass du nicht allein gehst, gibt auch Kraft. Im April, als wir im Garten der Hoffnung gemeinsam mit euch Kraniche aufgehängt haben, habe ich zum Beispiel wieder gespürt, dass wir etwas bewegen. Unter schwierigen Bedingungen und langsam, aber gemeinsam.

Im nächsten Jahr wird der GAU von Tschernobyl 30 Jahre her sein, auch die Katastrophe von Fukushima jährt sich bereits zum fünften Mal. Wie siehst du die Zukunft eurer Arbeit?

Mein Mann wie auch viele andere der ursprünglichen 26 Stiftungsmitglieder, ist an den Folgen Tschernobyls gestorben. Sie haben ihr Tun, ja ihr Leben der Hoffnung gewidmet. Der Hoffnung auf das Leben in Frieden und ohne atomare Gefahr. Wir alle sind verpflichtet, ihr Werk, unser Werk fortzusetzen, zumal die atomare Bedrohung nicht beseitigt worden ist.

Der Lieblingsspruch von Gennadij war „Es ist dir nicht geboten, dein Werk bis zu Ende zu führen, aber es ist dir nicht gestattet, es zu lassen“

Etwas pessimistisch? Nein. Hoffnungsvoll. Denn “die Hoffnung im Gegensatz zum Optimismus ist nicht die Erwartung, dass alles gut ausgeht, sondern das Engagement in Gewissheit, dass es Sinn hat, egal, wie es ausgeht“ mit diesem Zitat von Waclav Havel würde ich meinen Mann ergänzen.

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