Inter[national]view: Myanmar trifft Deutschland

Tradition trifft Globalisierung: Myanmar entwickelt sich schnell und Bildung ist einer der Schlüsselfaktoren in dieser Entwicklung.

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Unter den 48 Incomings, die unsere Uni im letzten Semester aufgenommen hat, haben wir drei junge Frauen gefunden, deren Heimat das Nummer-Eins-Reiseziel für jeden intellektuellen Weltbürger von heute ist: Myanmar.

Futur drei hat Thiri, Ein und Hnin zu einem Interview über Kultur, Bildung und Trinkgewohnheiten getroffen.

Gleich zu Beginn wird uns klar, dass die Mädchen alles andere als schüchterne, dauernd lächelnde Klischees junger Asiatinnen sind, die wir vielleicht in den Köpfen hatten. Stattdessen sind sie offen und reflektiert.

Als wir nach Unterschieden zwischen dem Leben in  Deutschland und Myanmar fragen, ist die Antwort offen und geradeaus: „Das Leben ist so anders. Ich meine, wir sind ein Entwicklungsland und ihr seid entwickelt.“ Eine offensichtliche, aber trotzdem überraschende Feststellung für jemanden, der gerade über sein Heimatland spricht.

Wir reden zunächst über erste Eindrücke: Dass in der ganzen Einführungswoche getrunken wird, war den Dreien zum Beispiel zu viel. In Myanmar trinken die meisten jungen Frauen kein Bier. Genauso ungewohnt war zunächst das ungemütliche Wetter am Bodensee im Frühjahr.

Thiri sagt: „Als meine Eltern mich angerufen und gefragt haben, ob es heute warm oder kalt in Deutschland ist, meinte ich es ist etwas warm. Also haben sie mich nach der Temperatur gefragt und es waren ca. 10 Grad…“ Hnin erklärt, dass in Myanmar zu der Zeit gerade Sommer mit 45° Celsius war.

Wir finden heraus, dass Ein, Thiri und Hnin in einer WG am Hafenbahnhof wohnen. Das ist neu für sie. In Myanmar ist es üblich, im Studium weiter bei den Eltern zu wohnen oder sogar in ein Hostel zu ziehen, wenn man außerhalb seiner Heimatstadt studiert.

Als wir die Bildungssysteme – besonders die Eigenheiten der ZU und der Yangon University – vergleichen, fällt ein Wort immer wieder: Freiheit. Die Freiheit, hier in Deutschland im Seminar zu sprechen, über Politik zu diskutieren und natürlich: An Kreidewände zu schreiben. Ein erzählt uns, dass Leute sie für bescheuert hielten, weil sie Politik studiert. Sie fragten: „Willst du ins Gefängnis?“ und wussten nicht einmal, dass es so etwas wie die Fakultät für Internationale Beziehungen gibt, an der sie studiert. Jetzt, fünf Jahre nachdem die Militärjunta in Myanmar langsam die Macht abgegeben hat, erkennen die Mädchen, dass sich in ihrem Heimatland ein Bewusstsein für Politik entwickelt – gefolgt von Veränderungen in Wirtschaft und Bildung. Ihre Erwartungen an die neue Regierung sind hoch und dazu sind sie bereit, die aktuelle Entwicklung mitzugestalten.

Hnin: „Wir haben zwar den Präsidenten gewechselt, aber wir wissen nicht, wie er sich machen wird. Ich hoffe, dass es viele Verbesserungen gibt. Aber es ist schwer zu sagen.“

Thiri weiß, wo Verbesserungen ihre Wurzeln haben werden: „Ich glaube, unsere Bürger sollten gebildeter sein.“ Als Pioniere im eigenen Land studieren die Mädchen einen Wandel, von dem sie selbst ein Teil sind. „Ich habe mich entschlossen, Politik zu studieren und auf einmal verändert sich mein Land tatsächlich, das ist wie ein Wunder für mich!“, sagt Ein.

Um die Entwicklung Myanmars zu einer wohlhabenden Demokratie zu unterstützen und um sich als „pflichtbewusste Bürger“ einzubringen, wollen die drei Mädchen Denkweisen, die sie in Europa kennengelernt haben, auch zu Hause anwenden – und sie haben auch konkrete Ideen. „Zum Beispiel versucht ihr, in Supermärkten den Verbrauch von Plastik zu verringern, also muss man für die Tüten zahlen. In unserem Land benutzen wir zu viele Plastiktüten beim Einkaufen. Ich denke, die Praxis sollte man auch bei uns umsetzen.“

An einem gewissen Punkt in unserem Gespräch fangen Thiri, Ein und Hnin an, selber Fragen zu stellen, zum Beispiel über die „Flüchtlingskrise“, die sie viel lockerer nehmen als viele Deutsche – schließlich funktioniere ja alles nach wie vor. Und natürlich beschweren sie sich auch über ein paar unsensible unfreundliche Deutsche, die jeden Asiaten für einen Chinesen halten und die sie mit schlechtem Englisch empfingen.

Mit einer Mischung aus Belustigung und Verwirrung erzählt uns Ein: „Wenn wir in den Supermarkt gehen, sagen manche Ni hao zu uns und fragen erstmal, ob wir Chinesen sind! Viele denken, wir verstehen Thai oder Chinesisch, dabei haben wir eine komplett andere Sprache.“

Nichtsdestotrotz haben die Mädchen ihre Zeit in Friedrichshafen sehr genossen. Die Neugier und Eigenwilligkeit, mit der sie nach Deutschland gekommen sind, ist noch einmal gewachsen. Sie haben uns eins klargemacht: Wir wissen viel zu wenig über viel zu große Teile der Welt. Die Tatsache, dass Thiri, Ein und Hnin jetzt eine Menge mehr über Europa wissen, könnte im Gegenzug ein Anfang sein.

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