Ich & Meine Schublade: Feminismus

Schubladendenken 2.0 auf futur drei: Wenn schon stigmatisiert, dann doch bitte richtig. Heute über den Feminismus!

Das gleiche alte Lied…

Für Feminist*innen ist es nicht schwierig, aktuelle Aufhänger zu finden, die einen Artikel über Feminismus hinreichend begründen. Sei es der jüngst-veröffentlichte Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, die Wahl Donald Trumps oder die alljährlichen Euromasters. Feminismus meint zunächst einmal eine Bewegung, die für die soziale, politische und ökonomische Gleichberechtigung und Gleichstellung von Männern und Frauen steht. Über diese erste Definition hinaus ist der Feminismus als Bewegung natürlich wie jede andere divers und es gibt viele verschiedene Diskurslinien und politische Kämpfe: Sei es sexuelle Gewalt, Lohngerechtigkeit, die Aufwertung von Care-Arbeit (Pflege, Erziehung, Hauswirtschaft), Pro-Choice (die Möglichkeit zum selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch) oder Bodypositivity (die Überzeugung, dass jeder Körper ein guter Körper ist). Deshalb plädieren wir auch dafür, von „Feminismen“, statt „dem Feminismus“ zu sprechen.

Besonders zentral im Feminismus ist wohl das konsequente Entgegentreten gegen Sexismus, also die Reduktion des (männlichen wie weiblichen) Individuums auf das Geschlecht sowie zugehörige Rollenbilder und die einhergehenden Privilegien oder Diskriminierung dadurch. Diese zwei Seiten sind untrennbar, wenn auch oft komplex und erst durch bewussten Perspektivenwechsel sichtbar, verwoben.

Sexismus wirkt auch an der ZU! Zum Beispiel die dummen Sprüche auf den Männer- und Frauentoiletten während der Spirit-Week: Frauen sollen Männer zu ihrem großen Penis beglückwünschen, Männer Frauen sagen wie süß sie sind und sie abends nicht mehr alleine vor die Tür gehen lassen. Dabei wäre es doch nun wirklich ein Einfaches, Anregungen jenseits der 1950er Jahre und Pausenhof-Ironie zu geben. Die Euromasters sind wie jedes Jahr ein Wochenende voll ralliger junger Businessstudenten, die sich an Cheerleadern in kurzen Röckchen ergeilen können. Was für ein Spaß! Unser eigenes Euromaster-Team passt sich da den Stereotypen gut an: Neben dem Coverbild der Facebook-Gruppe setzt das diesjährige Spirit-Video wieder einen drauf. Das Zubra in männlicher Hauptrolle – wie könnte es auch anders sein? – sucht seine große Liebe. 0815-Hetero-Love-Story, altbackene Rollenbilder vom wilden und starken Mann und der süßen Frau reihen sich dann fünf Minuten aneinander, dazu noch der passende Kameraschwenk in der Frauenumkleide als kleines sexistisches Sahnehäubchen.

Gleichstellung ernst nehmen

Feminismus geht deutlich weiter als bloßes defensives, reagierendes Entgegentreten gegen Sexismus. Wenn wir Gleichstellung gesellschaftlich ernst nehmen wollen, dann heißt das mehr als nur ein bisschen auf die eigene Sprache achten und Diskriminierung sein zu lassen. Feministische Bewegungen und Diskurse sind sowohl analytische Brillen, als dass sie auch Visionen entwerfen und konkrete Maßnahmen und Instrumente entwickeln und erproben.

Ein Beispiel: Gleichstellung in einer Beziehung, insbesondere mit Kindern. Bekenntnis zur Gleichstellung und Realität gehen da nämlich weit auseinander. Männer arbeiten im Schnitt 9 Stunden mehr pro Woche und verdienen 27% mehr pro Arbeitsstunde; Frauen kümmern sich dagegen überproportional viel um den Haushalt und die Kinder und zahlen den Preis der Kindererziehung sowohl mit eingeschränkten beruflichen Möglichkeiten als auch mit oft nur prekärer sozialer Absicherung. Ach, da wäre es doch so schön, wenn das Ganze durch ein bisschen Diskriminierung erklärt werden könnte. Die bösen Arbeitgeber*innen müssten den Frauen einfach nur mehr zahlen und die Männer müssten ein paar Mal mehr zu Hause spülen und schon hätten wir die Gleichstellung erreicht und könnten uns wichtigeren Themen zuwenden.

Das ist leider viel zu kurz gedacht, denn die empirische Forschung ist sich einig: offensichtliche Diskriminierung kann im besten Fall nur einen kleinen Teil der Gehaltsunterschiede erklären. Der Großteil kommt durch genderabhängige Diskrepanzen in der Arbeitsflexibilität und Arbeitspausen – beides Faktoren, die in Paarbeziehungen mit Kindern vor allem durch die Kombination von gesellschaftlichen Strukturen (wie teilen sich Paare die Arbeit) und biologischen Aspekten (Cis-Männer * können eben nicht schwanger werden) erklärt werden können. Die Realität in Deutschland sieht eben so aus: Paare mit Kind, die “aus Versehen“ doch in konservative Rollenbilder fallen; der Mann arbeitet weiterhin Vollzeit und die Frau bleibt Zuhause und kümmert sich um die Kinder, gesellschaftlich konstruierte Rollen- und Familienbilder bestimmen individuelles Verhalten, welches sich dann in der Gender Pay Gap und Ähnlichem niederschlägt.

Cis-Gender?

Cisgender bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Eine feministische Kritik dieser Erziehungspraktiken würde das Ziel der Gleichstellung ernst nehmen; das hieße dann biologische Realitäten anzuerkennen und diese durch kreative Lösungen auszugleichen. Lösungen in die Männer genauso wie Frauen investieren müssen. Wer sagt zum Beispiel, dass die Frau die Monate nach der Geburt beim Kind sein muss? Die Frau musste schon das Kind austragen, –da kann sie auch nach der Schwangerschaft arbeiten, während der Mann sich um das Kind kümmert. Dafür braucht es entsprechende gesellschaftliche und politische Strukturen, die viele verschiedene Modelle gleichberechtigt ermöglichen. Dafür braucht es auch den Mut und das eigene Zutrauen, atypische Wege für sich selbst und gemeinsam zu gehen. Das ist die neue Romantik des Großstadt-Vaters, der morgens seine Kinder mit dem Cargobike in den Kindergarten radelt, während die Mutter ihrer Vollzeitstelle nachgeht.

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Jonas

Feminismus ist keine „Frauensache“

Für mich heißt Feminismus vor allem, meine eigene Sozialisation als Mann zu hinterfragen – eine Sozialisation, die noch immer weite Teile meiner Identität beeinflusst. Antworten zu elementaren Fragen wie: „was finde ich schön oder sexuell attraktiv?“ sind noch immer geprägt von meiner männlichen Sozialisation in Männerumkleiden und Tanzkursen, Pausenhöfen, Pornos und meinen ersten Beziehungen. Warum habe ich das bescheuerte Verlangen jedes Mal meinen Bizeps anzuspannen, wenn ich vor einem Spiegel stehe? Und warum empfinde ich Achselhaare bei einer Frau immer noch intuitiv als eher abstoßend? Für mich als Feminist bedeutet es kritisch mit einem Männerbild umzugehen, mit dem ich mich noch nie wirklich identifizieren konnte und welches mich oft eingeschränkt und belastet hat, denn mit 1,70m und 60kg bin ich dem Bild des großen und starken Mannes selten gerecht geworden. Feminismus, indem er diese alten Rollenbilder in Frage stellt, ist daher auch für mich als Mann befreiend!

Auf der einen Seite bin ich skeptisch, ob die Komplexitätsreduktion, die die binäre Kategorie Gender gibt, im Alltag wirklich noch hilfreich ist. Im Grunde ist das die Utopie einer Welt, in der Gender keine Rolle spielt.

Auf der anderen Seite gefährdet diese Diskussion natürlich auch den realen Kampf von Frauen und anderen benachteiligten Gruppen, indem sie die Aufmerksamkeit zu stark auf eine Utopie fokussiert. Als Mann bin ich privilegiert. Ich muss mir selten Gedanken machen, ob ich sicher nach Hause komme, Angst vor sexualisierter Gewalt machen, werde quasi nie Opfer von Sexismus, Mansplaining spielt keine Rolle für mich (zumindest nicht als Empfänger) und der Arbeitsmarkt ist wie für mich geschaffen. Für mich ist Feminismus also eine Balance zwischen diesen beiden Seiten: mehr Freiheit für alle und gleichzeitig weniger Privilegien für mich selbst.

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Katharina

Ich will nicht mehr Macht über Männer, sondern über mich selbst

Ich persönlich halte es wiederum mit Maya Angelou, die gesagt hat „Ich bin Feministin. Ich bin jetzt schon lange Zeit eine Frau. Es wäre dumm, nicht auf meiner eigenen Seite zu sein.“ Angelou war Professorin, Bürgerrechtlerin und Schwarze Feministin und zählt zu den Vordenker*innen der Intersektionalität, die ihren Ursprung in Aktivistinnen wie ihr hat, die aufzeigten, dass in der damaligen Bürgerrechtsbewegung die Stimmen von Frauen marginalisiert waren und im Feminismus wiederum die Perspektive weißer Frauen dominant. Die gegenwärtigen feministischen Diskurse rund um das Thema „Intersektionalität“ plädieren davon ausgehend für das „In-den-Blick-nehmen“ von gesellschaftlichen Machtungleichgewichten nicht nur entlang der Genderlinie: Auch Faktoren wie Ethnizität, Alter, sozialer und ökonomischer Status und sexuelle Identität werden fokussiert, und intersektional analysiert, d.h. in ihrer Kombination. So greifen zum Beispiel Rassismus und Sexismus oft ineinander und sollten daher nicht getrennt voneinander gedacht werden.

Auch ich rechne mich – wie viele junge Feminist*innen in Deutschland – dem queeren und intersektionalen Lager des Feminismus zu.

Meiner Erfahrung nach vermuten einige Menschen allzu gerne, dass in alternativen Kreisen „das Frauenthema“ doch nun wirklich durch sei. Daran wird nur noch deutlicher, wie sehr auch gesellschaftliche Nischen von den dominanten Machtstrukturen geprägt sind und dass damit, „es gut zu meinen“ längst nicht getan ist. Tatsächlich waren meine Erfahrungen und Erlebnisse (nur so als kleine Auswahl: Mansplaining deluxe, Altherrenwitzchen, von den ewig gleichen Typen dominierte Plena und Meetings, nur mit Männern besetze Podien) in der NGO-Arbeit sehr ausschlaggebend dafür, dass ich mich feministischer Lektüre widmete. Von sexualisierter Gewalt und Catcalling, was ich wie die meisten Mädchen und Frauen selbst erlebt habe, mal ganz abgesehen. Nun ist die Theorie natürlich nur die eine Seite, wenn auch zentral dafür, seinen eigenen analytischen Blick zu schärfen. Feministische Praxis heißt für mich meinem täglichen Leben die Mechanismen der Scham, der Unterordnung und Unsicherheit, die mir die Gesellschaft beigebracht hat, wieder zu verlernen. Zum Glück habe ich ein tolles Umfeld, in dem wir uns darin gegenseitig unterstützen, zuhören, auskotzen und trösten. Meistens hilft es sehr, nicht alleine in der Rolle der „ewigen Mahnerin/Nörglerin“ dazustehen, sondern sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Die starken und klugen Forscher*innen, Künstler*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen um mich herum machen die Schublade der „Gendertante“ nämlich gar nicht furchteinflößend,sondern bunt, spannend und ungemein befreiend.

Feminismus hat mir schon so viel erspart und anderes wiederum eröffnet.

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    von Katharina Ebinger und Jonas Gathen

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Rubrik 'Ich und meine Schublade'

Was sind diese Ideologien, die wir tagtäglich mit uns herumtragen? Und wieso versteht sie niemand? ZU-Studenten tragen ihre gesellschaftlichen Einstellungen in diesem Format offen vor sich her. Denn den Inhalt einer Schublade sieht man nur, wenn sie offen ist!

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Zum Weiterlesen

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