Hey Ms. Liberty

Hey Ms. Liberty,

„Mother of Exiles“ haben sie dir auf den Sockel geschrieben, Mutter der Geflüchteten, das Licht der Hoffnung auf ein besseres Leben trägst du in deiner Hand: The American Dream. Nur – wer ist noch so mutig zu träumen?

Die Leute, die du damals empfingst, haben versäumt ihren Kindern zu überliefern, warum sie in ein neues Leben aufbrachen. Im großen „Meltingpot“ Amerikas haben sie bereitwillig ihre Sprachen und Geschichten verlernt, froh die Demütigungen, die Armut und das Elend ihrer Herkunft und Herkunftsländer hinter sich lassen zu können. Vereint in der Vision die erste und menschengerechteste Nation der Welt zu erschaffen, verließen sie ihr altes Leben. Ihre Sprache war Hoffnung, ihre Nahrung war Freiheit, ihr Handeln gebar Gemeinschaft. Ihre Nachfahren haben das Land derweil in einen großen Abenteuerspielplatz für fettleibige Kinder ohne Impulskontrolle verwandelt. We love to entertain you! America und ich first!

Entertainment ist der Placebokleber der eigenen zerfallenden Realität gegen die Angst vor dem sozialen Abwärtssog und dem persönlichen Nirgendwo. Überall: dröhnende Unterhaltung, neue Datenwellen zu jeder Sekunde – die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Gesagtes versinkt im Meer des Geredes. Es zählt nur, was bei der Likewelle oben mitsurft und die Shitstorms überlebt. Der Unterhaltungswert wird zum Maßstab für alles, auch für seriöse Gesellschaftsbereiche wie Politik. Wozu das führt? Schmerzhafte Lektionen, nicht zuletzt für das politische Establishment in den USA – für die nächsten Präsidentschaftswahlen stellen sich einige Wähler als nächste Spaßeskalation bereits Dwayne „The Rock“ Johnson vor. Man fragt sich nach der Jobbeschreibung: Fels in der politischen Brandung oder Lifeguard der kenternden Demokratie? Egal – Hauptsache Action.

Politik verkommt zum Zoo, die politische Spielwiese zum Gehege. Politiker machen sich zum Affen, bei dem Versuch sich mit immer härterer Rhetorik abzugrenzen und isolieren sich auf der Jagd nach dem eigenen Markenkern doch nur wieder von der Realität, in der Angst ihre Sponsoren zu verprellen. Echte Veränderung? Fehlanzeige! 2020 heißt die Glaubensfrage wieder: Pest-Pepsi oder Cola-Cholera. In den Urnen: keine Wahl. Nur die Asche der verbrannten Träume der jungen Generation. Amazon verkauft das Popcorn zum Wahlkampf in Echtzeit per Drohne dazu – das ist Fortschritt! Bewegen tut sich nichts und niemand mehr. Schon gar nicht von der Couch weg.

Spüren werden das am Ende auch die Wähler, wenn sich die Lacher im Hintergrund der Sitcoms – der Soundtrack des amerikanischen Traums – in staubtrockenes Husten verwandeln. Wenn das Wasser wie in Kalifornien „auf einmal“ überall knapp wird und der angehäufte Wohlstand den nächsten Waldbrand nicht überlebt. Natürlich werden die Wähler als Lösung mehr vom gleichen fordern. Popcorn, meine ich. Und während sie so herkunftsvergessen ihre Sorgen in sich reinfressen, träumen sie von der Mauer, die ihnen ihre Gladiatoren von Gestern von der Empore herab versprochen haben.

Für sie stehen heute die Zirkusdompteure unserer Zeit in der Aufmerksamkeitsarena: die Medienproduzenten. Die zerrissenen mexikanischen Familien mit einem Unterhaltungsfaktor jenseits der Grenze des guten Geschmacks, empfinden sie als Geschenk. Draufhalten, Primetime! Die öffentliche Erregung stimmt, die Quote auch. Kinder- sorgen neben Katzenvideos eben immer noch für die lautesten Lacher von den billigen Plätzen. Der Wähler grinst – es wurde wieder Stärke gezeigt.

Fräulein Freiheit schaut beschämt auf die gebrochene Kette zu ihren Füßen. Ist sie, die „Mother of Exiles“, zur Mutter der Realitätsflüchtlinge geworden? Die Symbole der Vergangenheit bleiben unerneuert. Angst statt Freiheit, Couch statt Aufbruch, Geldideologie statt Idealismus. In Amerika wird nicht mehr mit Feuer erleuchtet, nur noch verbrannt. Mithilfe geistiger Brandstiftung und politischer Schützenhilfe von der Fackel entfesselt, schwelen die Flammen nun in den Köpfen und auf den Straßen. Berkeley, Charlottesville, Pittsburg, Parkland. Wenn es heiß genug lodert, taut es vielleicht bald mal ein paar Entscheider aus dem emotionalen Cryoschlaf.

Ms. Liberty, we need to talk.

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