Ist das noch Handwerk oder schon Obscene? Mein Wochenende auf der Kinkster-Messe | #TheOtherSide

Halskorsett mit Risslackierung von Michael Geyer
Halskorsett von Metall Geyer

Der Süd-Westen Deutschlands ist beschaulich. Hier arbeitet man für Daimler, trinkt seinen Soja-Latte, um sich etwas internationaler zu fühlen, und geht im September auf den Cannstatter Wasen. In Sindelfingen erwartet man eher Automobil- und Grillmessen. Vergangenes Wochenende drehte sich hier alles um Erotik, BDSM, Fetisch, Gothic und Steampunk. Die Obscene vermittelt ein ganz eigenes Lebensgefühl und ist Treffpunkt für Menschen abseits des Mainstreams.

Sindelfingen. Jeder Besucher der Obscene ist einzigartig. Hier findet man Unternehmer, Rentner, Bäcker und Banker. Manche kommen im Anzug, andere in Kettenkleid oder Korsage – die Umkleide vor dem Eingang der Messe hat mit Sicherheit ihre Berechtigung. Während ich meine bequemen Reiseklamotten gegen ein schwarzes Hemd und Lederschuhe tausche, verwandelt sich die Zierliche zwanzigjährige in der Kabine nebenan in eine Kitsune (Japanische Sagengestallt) inklusive Fuchsschwanz-Butt-Plug. Aus der Nachbarkabine tritt ein Offizier mit Sklavin heraus.

Auch, wenn Kinkster jeder Coleur (meist in Schwarz) die Messe besuchen, sind wir hier nur das notwendige Beiwerk. Die eigentlichen Stars haben sich wochenlang auf die Messe vorbereitet und kommen aus ganz Europa – von England bis Österreich, Berlin bis Portugal. Insgesamt haben sich 107 Aussteller auf der Messe eingefunden. Erst durch ihre Leidenschaft, ihr Handwerk und Design, können wir uns voll ausleben.

Neben den Ausstellern wird Besuchern ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten: Jede Stunde tritt ein anderer Künstler auf – die Bühnenshows reichen von Fesselkünsten über Modenschauen bis Burlesque. In insgesamt 30 Workshops wird Einsteigern und Fortgeschrittenen die Möglichkeit geboten, ihr Spiel zu verbessern und neue Techniken zu lernen. Neben Peitschenkunde, Spanking- und Fesselworkshops war Words of Lust – Erotischer Mindfuck sofort ausgebucht. Hier lernten Teilnehmer Erotic Talk und ihre Wünsche in Worte zu fassen.

Die Edelmetall Lounge

Schmuckauslage von Metall Geyer

Nach einer guten Dreiviertelstunde habe ich mir eine grobe Orientierung in der Halle verschafft. Meine erste Anlaufstation ist die Edelmetall Lounge. Der Gemeinschaftsstand besteht aus Ero Chains, PainTools und Metall Geyer – sie alle teilen nicht nur ihre Leidenschaft für BDSM, sondern auch für Metall als formbares Element. Für die Lounge Atmosphäre sorgen die mit schwarzem Samt verhangenen Wände, eine Sofalandschaft und Kaffee für Standgäste. Ich vergesse den Messetrubel für einen kurzen Moment. Entschleunigt betrachte ich die Auswahl der ineinander überfließenden Ausstellungen.

Kaltes Metall für heiße Nächte – Ero Chains

Schwarzes Hemd, grauer Bart, Krawatte aus Edelstahlringen. Das ist Ero-Chains Gründer Dietmar. Seit 2008 beweist er mit seinem Unternehmen wie sexy Metall sein kann. Seine Spezialität sind Kettendessous und Hemden nach Maß. Jedes Stück ist ein Unikat. Während ich eines der Hemden anprobiere, erklärt mir Dietmar begeistert den Designprozess des Hemdes, und wie er von Hand die knapp 17.000 Aluminiumringe verflochten hat. Aufwand und Liebe zum Detail erklären auch den Preis von gut 900 Euro. Für kleinere Geldbeutel ist vor allem der Schmuck interessant. Ohrringe, Halsbänder und Leinen auf geflochtenen Kettengliedern.

Der Name ist Programm – auf einen Kaffee bei PainTools

Zwei Meter weiter, an der Sitzgruppe vorbei, stellt mir Dietmar Tommy von PainTools vor. Er ist ein echtes Energiebündel, mit festem Händedruck und einladendem Lächeln begrüßt er jeden Besucher persönlich, Szene-Freunde und Stammkunden sogar mit Namen. Beim Thüringer Hersteller gibt es vor allem eines: Qualität, die SM-Herzen höherschlagen lässt.

PainTools, by Daniel Kammerer

Ursprünglich hat der Gründer Marketingkaufmann gelernt – das spürt man im positiven Sinne. Für ihn geht es nicht um Umsatzziele, sondern um langfristige Kundenbeziehungen. Jeder Mensch ist anders, diese Individualität spiegelt sich auch in seiner Beratung wider. Man unterhält sich locker über die Produkte, darf sie gerne am Partner oder an einem Bock ausprobieren.

Begeistert erzählt mir Tommy: „Letztes Jahr kam eine ältere Kundin mit Arthrose in Schulter- und Handgelenken auf mich zu. Nach etwas Experimentieren haben wir gemeinsam eine Schlagtechnik gefunden und den Griff auf Ihre Bedürfnisse angepasst. Jetzt kann sie wieder schmerzfrei ihren Partner bestrafen!“

Aus den Kundengesprächen entstehen auch echte Szene-Innovationen. X-Wing und SpeedLock zählen dazu. Bei Letzterem lässt sich der Schlag (Peitsche, Rohrstock, etc.) mit einer Drehung am Griffstück in Sekunden wechseln. Der X-Wing ist ebenfalls ein Wechselsystem. Im Griffstück ist ein Kugellager mit angehängtem Karabiner verbaut. Durch das freie Schwingen des Schlags gibt es weniger Energieverlust und mehr Spielspaß. Neben klassischen Lederpeitschen finden sich hier auch vegane Alternativen.

Metall Geyer erzählt die Geschichte der O

Der letzte im Bunde ist Michael Geyer. Bei ihm gibt es Edelstahlschmuck nach Maß. Angefangen hat das Ganze vor über zehn Jahren, berichtet Michael mit zunehmender Begeisterung. Seine Inspirationsquelle ist der Roman „Die Geschichte der O“. Ursprünglich sollte es nur ein Halsreif für seine Frau werden. „Es ist unglaublich, wie sehr sich mein Schmuck über die Jahre weiterentwickelt hat.“ Die ersten Modelle waren aus Blech geschnitten und entgratet. Heute findet sich in seiner Kollektion neben blankem Stahl auch lackierte oder speziell gebürstete Bänder. Der Tragekomfort ist dank Leder oder Neopren auf der Innenseite deutlich gestiegen.

Seit den ersten Entwürfen gibt es zwei Konstanten: Handwerk und Inspiration. Der Großteil der Kollektion erzählt die Geschichte der O, von Halskorsett bis Ring. Auch nach über zehn Jahren zeichnet Michael noch immer jedes einzelne Band von Hand an und schneidet es selbst aus dem Blech. Jedes Stück ist ein Unikat. Auch auf den Messen hat er auch immer eine kleine Werkbank dabei, um Kunden sein Können unter Beweis zu stellen.

Stahlpeitschen von Ero Chains und PainTools

Dass sich die drei nicht nur thematisch gut ergänzen, spiegelt sich auch in den Produkten wider. Michael zeigt mir eine Stahlpeitsche das Griffstück stammt von PainTools, die vier Königsketten wurden von Ero Chains geflochten. Auch Michael hat Schmuck im Sortiment, der durch Dietmars Ketten ergänzt wird. So findet man einen Edelstahlreif mit byzantinischem Kettengeflecht in der Auslage.

„Alles ganz normale Menschen“

Ich biege um die Ecke und stolpere fast in die Ersthelfer des Roten Kreuz Sindelfingen. Viel zu tun haben sie nicht, die Messe ist doch recht beschaulich. „Für uns ist jede Messe spannend, man lernt immer wieder neue Menschen und Branchen kennen. Die Obscene ist in jedem Fall etwas Besonderes – sonst gibt es hier eher Automobil- und Grillmessen.“ Seine Kollegin, Ende Vierzig, ergänzt: „Erotikmessen haben ja immer ein etwas anrüchiges Image, aber im Grunde sind das alles ganz normale Menschen. Peitschen reizen mich nicht, aber ein Korsett im Gothic oder Steampunklook kann ich mir schon sexy vorstellen.“

Unartig, by Daniel Kammerer

Mit diesem Input mache ich mich auf die Suche nach Korsagen. Bei Lotte Peters werde ich fündig. Sie ist gelernte Damenschneiderin und hat sich 2012 mit Ihrer Manufaktur Unartig selbständig gemacht. „Die ersten vier Jahre waren wirklich hart, man muss um jeden Auftrag kämpfen, das meiste läuft über Mundpropaganda von Freunden und Bekannten. Mittlerweile sind die Auftragsbücher voll.“ Neben der Obscene findet man sie auch auf der Hochzeitsmesse in Calw. Qualität und Leidenschaft sind für Lotte das oberste Gebot.

Ich probiere ein Herrenkorsett – zufällig habe ich die gleichen Maße wie das Model, es sitzt wie angegossen. Solche Maßanfertigungen gehen hier für rund 650 Euro über die Ladentheke. Im Gegenzug halten ihre Unikate auch ein gutes Jahrzehnt.

Eine fesselnde Unterhaltung

Mittlerweile ist es kurz vor sieben. Die Gänge lichten sich ein wenig, in circa zwei Stunden öffnet der Einlass zur Partylocation. An seinem Stand treffe ich Peter Wettstein, Autor der Shibaku-Bücher. Er fand seine Begeisterung fürs Fesseln über Umwege. In der Vergangenheit war er im Messe- und Bühnenbau tätig, 2001 machte er sich als Grafikdesigner selbstständig. Bei der Arbeit am Computer fehlte ihm das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen.

Peter Wettstein, by Daniel Kammerer

Vor acht Jahren fesselte der Schweizer zum ersten Mal seine Partnerin. „Anfangs war alles so stressig, es war so viel Neues auf einmal. Mit Erotik oder Spaß hatte das noch nichts zu tun.“, erinnert sich Peter leicht verträumt. Im gleichen Moment spürte er das Fesseln als neue Leidenschaft. Er ist Perfektionist und war mit allen Anleitungen, Büchern und YouTube Tutorials unzufrieden. Sein Entschluss: es besser machen.

In der Folge entstand Shibaku. Ein kleines Wortspiel aus Shibari und Kinbaku. „Egal, ob man einen Stapel alter Zeitungen zusammenschnürt oder ein Schiff vertäut, Shibari ist das wie. Das Wort selbst bedeutet schlicht ‚Binden‘ egal ob es um Schuhe oder Verträge geht. Zeitglich beschreibt es aber auch die Techniken und Fertigkeiten des einzelnen Riggers, der als Fessler seinen Partner fixiert.“, erklärt Peter. „Kinbaku ist das was – die Kunstform an sich, das gebundene Objekt.“ Zusammen ergeben diese beiden Elemente Peters ganz eigenes Verständnis der Kunstform. Es geht nicht um bloße Fixierung, sondern um Ästhetik und Bewegung, trotz fester Knoten.

Über zwei Jahre gingen ins Land, ehe sein erstes Buch erschien. Perfektion als Antrieb. Deshalb entschied er sich auch dazu, nicht einfach ein Taschenbuch, sondern auch eine handgebunde Ausgabe zu fertigen. Den Entstehungsprozess von Druck bis Bindung hat er filmisch festgehalten. Eben diese Perfektion steht ihm gelegentlich im Weg. Trotz zahlloser Anfragen und drei veröffentlichter Bücher unterrichtet er nicht. Ende Juni wird sich das ändern. Gemeinsam mit Baumwollseil in Karlsruhe veranstaltet er seinen ersten Shibaku Workshop. Garantiert ein fesselndes Erlebnis.

Der Tag klingt aus und ich bin euphorisiert von Vielfalt und Ideenreichtum der Aussteller. Jedes Detail ist durchdacht, Weppy z.B. produziert Peitschen, die man als rockiges Halsband tragen oder sogar als Choker verwenden kann. Andere fertigen Peitschen aus Känguruleder. Jeder hat hier seine Nische – alle teilen jedoch gleiche Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die Besucher mitreißt und fesselt, auch ohne Seil.


Kommende Messen sind die BoundCon in München (Fr., 22. Mai 2020 – So., 24. Mai 2020) und die Passion in Hamburg (November 2020).

TheOtherSide – Die Kolumne für Sex, Liebe, Leidenschaft erscheint die kommenden zehn Wochen immer Donnerstags für euch. Letzte Woche habt Ihr Tipps zur Aftercare erhalten. Kommende Woche interviewe ich für euch Matthias Grimme von Schlagzeilen.

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