Gaudí, Graffiti und Dosenbier: Erasmus in Barcelona

Barcelona - Fotos von Donna Schons

Am Tag meines Hinflugs nach Barcelona sitze ich vollkommen übermüdet am Gate, während eine Gruppe Kleinkinder lautstark schreiend um mich herumrennt und eine ältere spanische Dame direkt neben mir eine Operette über die Lautsprecher ihres Handys abspielt. Ich verdrehe genervt die Augen und verfluche mich selbst dafür, dass ich meine Kopfhörer versehentlich in meinen Koffer statt ins Handgepäck gesteckt habe. Ich habe den vergangenen Sommer in Berlin verbracht, wo ein mir sehr angenehmer Konsens darüber zu herrschen schien, dass man sich in der Öffentlichkeit ruhig verhält, vor allem in den frühen Morgenstunden. Die Spanier um mich herum hingegen scheinen sich nicht an Lärm und lautem Gerede zu stören und erfüllen damit schon vor meinem Abflug das erste Vorurteil, das sich in meinem Kopf verankert hat. Natürlich freue ich mich auf meinen Auslandsaufenthalt, gleichzeitig habe ich trotzdem Vorbehalte gegenüber dieser Stadt, die mir mit ihrer modernistische Architektur auf Fotos immer ein wenig zu bunt, zu theatralisch und zu kitschig vorkam.

Meinen ersten Abend in der Stadt verbringe ich im Razzmatazz, dem größten Club Barcelonas. Es ist das erste Mal, dass ich so richtig alleine feiern gehe und zunächst streune ich ein wenig verloren zwischen den insgesamt sechs Floors hin und her. Auf dem Pop-Floor höre ich zum ersten Mal den Latino Remix von Justin Biebers Sorry, einen Raum weiter läuft Reggaeton, ein Genre, das sich wohl am besten als Mischung aus Trap und Dancehall beschreiben lässt und das in Barcelona bei jedem Vortrinken, auf jeder Hausparty und bei jeder Afterhour gespielt wird. Zwei Techno-Floors gibt es hier auch, auf dem größeren von beiden legen meist internationale DJs wie Röyksopp und The Black Madonna auf. Auch wenn der Eintritt von ca. 15 Euro etwas happig ist, bietet ein Razzmatazz-Besuch den idealen Crashkurs in Sachen spanischer Feierkultur. Um 6 Uhr morgens ist die Party schon wieder vorbei, so wie fast überall in Barcelona. Im Sommer kann man dann nach einem kurzen Fußweg bei Sonnenaufgang im Meer schwimmen gehen, ein Luxus, den sonst nur die überlaufenen Clubs mit Bottle Service am Touristenstrand Barceloneta bieten.

MACBA

Das Museum für zeitgenössische Kunst MACBA

Am nächsten Tag fahre ich mit der Metro zum Plaza Espanya, von dem aus man nach einem kurzem Fußweg und vielen, vielen Treppenstufen den Eingang des Museums für katalanische Kunst MNAC erreicht. Von hier oben ist der Blick über die Stadt magisch, und jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehre – sei es für einen Spaziergang im umliegenden Park, die Besichtigung des Mies van der Rohe-Pavillons oder einen Besuch in der avantgardistischen Fundació Joan Miró – bin ich wieder aufs Neue beeindruckt. Die nächsten Tage verbringe ich entweder in Galerien oder am Strand – bei ersteren lohnen sich vor allem die ADN Galeria in Eixample und L&B Contemporary in Poblenou, bei zweiterem, gleich in Poblenou zu bleiben und den queeren Strandclub Be Gay aufzusuchen.

Nach einer Woche voller Sonne, Museumsbesuchen und neuer Bekanntschaften, die sich dank der internationalen und offenen Atmosphäre der Stadt wie von selbst knüpfen, verpasst mir der Unialltag den ersten Dämpfer. Trotz kleiner Kursgruppen bin ich von den meisten meiner Fächer enttäuscht. In den Vorlesungen werden häufig Dokus geschaut und banale Themen abgehandelt – so wird uns in Technological Innovations in Journalism beispielsweise in langer Breite erklärt, wie man einen Tweet verfasst (maximal 140 Zeichen, mit @ kann man Personen markieren, mit # thematische Kategorisierungen vornehmen, danke dafür). Dazu  herrscht eine Anwesenheitspflicht von 80 Prozent, die von den meisten der Dozenten sehr ernst genommen wird. Die Prüfungsleistungen sind ähnlich verschult wie die Kurse an sich. Wissenschaftliche Paper schreibt man hier kaum, stattdessen gibt es Endtermklausuren und eine kontinuierliche Evaluation bestehend aus Gruppenarbeiten, Multiple Choice Tests und benoteten Hausaufgaben. Der Campus hat mit seinen glänzenden Terpetinböden und der mit Kinosesseln bestuhlten Kapelle, die auch als allgemeiner Versammlungsort dient, zwar einen gewissen Charme, liegt jedoch so weit außerhalb des Zentrums, dass man den Weg hierher meist nur für die Kurse auf sich nimmt. Als Lernort empfiehlt sich stattdessen die Universitat an der gleichnamigen Metrostation, deren Bibliothek für alle offen steht und deren imposantes Gebäude mit seinen Gemälden, Wandteppichen und wunderschönen Innenhöfen ohnehin einen Besuch wert ist.

MACBA

Das MACBA, weil es so schön ist noch einmal

Auch wenn der Unialltag dröge ist, zweifle ich während meines gesamten Aufenthalts keine einzige Sekunde an der Entscheidung für Barcelona. Mit der Zeit gewinne ich Einblick in eine offene und leidenschaftliche Kulturszene, in der gemeinsame Kollaborationen einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Ich verbringe meine Zeit auf improvisierten Gruppenausstellungen in heruntergekommenen Ateliers und bei Jam Sessions, wo mir trotz meines akuten Mangels an Taktgefühl immer wieder mit ermutigendem Lächeln ein Instrument entgegengestreckt wird. Die meisten Veranstaltungen dieser Art führen mich nach Raval. Dem Stadtteil eilt immer noch der Ruf des heruntergekommenen Prostituiertenviertels voraus, und dementsprechend verirren sich verhältnismäßig wenige Touristen hierher. Dabei wimmelt es hier vor kleinen, interessanten Galerien, gemütlichen Bars und Orten wie dem linksautonom geführten von kunstvoller politischer Street Art eingerahmten Stadtgarten in der Carter de la Rierta. Sehr zu empfehlen ist hier unter anderem Marsella, die älteste Bar Barcelonas, die auch inVicki Christina Barcelona in einer kurzen Sequenz zu sehen ist. Die Tapete löst sich langsam von der Decke, die Regale stehen voll mit uralten leeren Flaschen und an runden Bistrottischen wird einem Absinth serviert, von dem man auf eine wattig-gemütliche Weise betrunken wird. Ein paar Straßen weiter liegt das MACBA, ein architektonisch beeindruckendes Museum für zeitgenössische Kunst, vor dem die begabtesten Skater der Stadt zu jeder Jahreszeit ihre Tricks vorführen. Abends ist der Platz gefüllt mit Menschen, die Musik spielen und von Straßenverkäufern angebotenes Dosenbier trinken. Ein typischer Abend in Raval beginnt meist hier und endet im MOOG, einem kleinen aber feinen Techno-Club mit einem wohnzimmergroßem, spiegelverkleideten 80s Pop-Floor im oberen Stockwerk.

Open Walls Conference in Poblenou

Open Walls Conference in Poblenou

Wie fast alle Orte abseits der Touristenzentren ist Raval voll von Graffiti. Viele meiner Freunde verbringen ihre Abende damit, mit Bier und Spraydose in der Hand gemeinsam durch die Straßen zu laufen und ihre Spuren an den Wänden zu hinterlassen. Wer Graffiti nicht generell kritisch gegenüber steht, wird früher oder später ein Auge dafür entwickeln, sich ähnelnde Tags und Schriftzüge in verschiedenen Teilen der Stadt wiederkennen und hin und wieder mal ein Foto von besonders gelungenen Werken machen. Bei wem nach einigen Wochen das Interesse geweckt ist, dem sei ein  Besuch der Open Walls Conference ans Herz gelegt, einer Messe für Graffiti und Street Art, die in einer ehemaligen Lagerhalle im Industrieviertel La Sagrera stattfindet und bei der unter anderem Zines, Bücher und Zeitschriften aus ganz Europa vorgestellt werden.

Sagrada Familia

Sagrada Familia

Als mich meine Mutter Ende Dezember besuchen kommt, beginnt für mich eine Woche voll von dem Touristenprogramm, das ich aufgrund hoher Eintrittspreise und Wogen an Selfiesticks bisher immer vermieden habe. Wir besichtigen jedes der Gaudí-Gebäude, das die Stadt zu bieten hat und schauen uns abends im opulent dekorierten Palau de la Musica eine Oper an. Die modernistische Architektur habe ich an diesem Punkt schon längst ins Herz geschlossen, und an diesem Wochenende schlägt meine Sympathie in regelrechte Begeisterung um. Zum Abschluss des Wochenendes geht es in die Sagrada Familia, wo das durch die Fenster fallende Sonnenlicht zwischen den hohen Steinsäulen bunte Schatten wirft, die so schön sind, dass sie den Eintrittspreis von 20 Euro irgendwie wieder gutmachen.

Wenige Wochen später kehre ich nach Deutschland zurück. Ich sitze ich erneut am Düsseldorfer Flughafen, und wieder läuft eine Gruppe laut kreischender Kinder um mich herum. Neben mir schnappt sich ein junger Spanier seinen Gitarrenkoffer vom Rollband und beginnt spontan Flamenco zu spielen. Dieses Mal gibt es von mit kein Augenrollen, sondern stattdessen ein breites Lächeln. In diesem Moment fühlt es sich fast so an, als sei das gerade der Prolog meinens Erasmus-Aufenthaltes, der gemeinsam mit der Flughafenszene am Tag des Abflugs einen La Dolce Vita-haften Rahmen um meine Erlebnisse bildet. Barcelona hat mich wohl auch ein wenig theatralisch und kitschig gemacht. Wie schön.

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