Francesco Tristano oder die Illusion der klassischen Musik

Quelle: ZU/Samuel Groesch

Der Artist, der in diesem Jahr beim Bodenseefestival auftritt, kann zweifellos als musikalischer Kosmopolit beschrieben werden. Die Rede ist von Francesco Tristano, in seinem Werdegang eigentlich Pianist, der jedoch wie kaum ein anderer die eigene musikalische Herkunft transzendiert. Futur drei hat ihn getroffen und über die Musikindustrie, klassische Musik in der Gegenwart und sein Verhältnis zum Publikum gesprochen. Für diejenigen, die unweigerlich Social Media und den Fallenbrunnen in der letzten Woche gemieden haben, versucht der erste Teil zu umschreiben, was an Mensch und Musiker Tristano neu und besonders ist.

Sein Curriculum ist zum Zunge schnalzen für den Connaisseur klassischer Musik: Im Alter von 5 Jahren begann er das Klavierspielen, mit 13 folgte das erste Konzert mit eigenen Kompositionen, danach der Besuch der Julliard School in New York, die sich für verschiedene Musikrichtungen als eine der renommiertesten Talentschmieden weltweit gestaltet. So weit, so beeindruckend.

Jedoch würde es zu kurz greifen ihn auf seine Brillanz am Klavier zu beschränken. Zeugnis können davon YouTube Videos geben, die gegenwärtig im Kreis der musikaffinen Studierenden (#Dezibel) viral gehen.
Fast alle beginnen mit ihm in klassischer Pose am Klavier, den langen und filigranen Fingern, die über die Tasten schnellen, die kleinen Spielereien, um das Publikum zu unterhalten. Danach jedoch verändert sich die Musik: Elektronische Beats setzen ein, nicht zu aufdringlich, vielmehr runden sie den Klang des Klaviers durch ihre dumpfe Begleitung gekonnt ab.

Aber was daran ist neu?

Zweifellos ist die Überschreitung von musikalischen Genres der Motor musikalischen Fortschritts schlechthin: so ist es momentan en Vogue, dass Auto-Tune ehemaligen Gangsterrappern eine melodische Singsangstimme verleiht. Zugegeben ein etwas ausuferndes Beispiel.

Die Kür dabei ist es jedoch zweierlei zu schaffen: Das Wesen der ursprünglichen Musik beizubehalten, aber dennoch etwas gänzlich Neues daraus entstehen zu lassen. Genau an dieser Schnittstelle hat Tristano seine eigene Nische gefunden: Es ist eine Musik der Gegensätze: Klassik – Modern/ Johann Sebastian Bach – John Cage/ Klavier – Synthesizer/ Carnegie Hall, New York – Boiler Room, Paris. Er schafft mehr als die Repetition des schon Bestehenden, sonder geht gänzlich neue Wege, ohne das Alte am Wegesrand liegen zu lassen.

Aber was daran ist so besonders?

Dass das Übergang von unterschiedlichen Musikelementen nicht einseitig erfolgt, wie man es vielleicht einem David Garrett, ebenfalls Zögling der Julliard School, vorwerfen kann, der moderne Rhythmen auf seiner Geige umdichtet, dabei allerdings stilistisch ein Stück weit erwartbar wird.
Hingegen will Tristano’s bisheriges Schaffen das Konzept der musikalischen Grenzziehung als solches in Frage stellen, wenn er beispielsweise den House-Klassiker „Strings of Life“ am Klavier umdeutet, andererseits im Einklang mit Carl Craig eine Neuinterpretation von „The Melody“ kreiert.

Zwei Momente des Konzertes bleiben haften und illustrieren, was gemeint ist. Zum einen die dreiminütig währende Anarchie im ersten Drittel, ausgelöst durch Cages Bach Revolte. Die vorher so sinnlich vor sich hinplätschernde Musik wird jäh unterbrochen, Tristano beginnt auf den Flügel einzuschlagen. Das andere Momentum ist seine eigene Impression am Ende: er erhebt sich und beginnt rhythmisch auf dem Flügel zu trommeln und hin und wieder an einer Seite zu ziehen. Die Musik wird körperlicher, man hat den Impuls sich zu bewegen. Elektronische Musik ohne Elektronik, sozusagen.

Natürlich hat er das Rad nicht neu erfunden, und falls es doch so sein sollte, fehlt mir die metamusikalische Kompetenz dergleichen zu erkennen. Was aber im Graf von Soden Forum ersichtlich wird, ist die Dynamik seiner Musik, bewerkstelligt durch die vielfältigen Kontraste, welche das ganze Publikum in seinen Bann schlägt. Ein Kind, welches seinen Eltern davonläuft, normalerweise als Ablenkungsmanöver ausreichend, um jede andere Veranstaltung zu sabotieren, findet kaum Beachtung.

Mit ihm kommt ein Hauch von Weltmännischkeit an den See und gleich zweimal an die Zeppelin Universität, wo er neben einer musikalischen Kostprobe auch einen Workshop leitet.

Bei der Pressekonferenz des Bodenseefestivals bot sich die Möglichkeit mit Tristano zu sprechen. Er macht einen eher zurückhaltenden Eindruck, weiß durchaus eloquent auf alle Fragen zu antworten, erscheint allerdings wenig motiviert, abseits der Musik, über längere Zeit im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen.

Welches Gefühl überwiegt eigentlich nach einem absolvierten Konzert? Ist es die Pflicht, da Auftritte gleich welcher Art zum Künstlerdasein eben dazugehören oder ist es die Muße, die Audienz mit deiner Musik begeistern zu können?

Als Pflicht würde ich es nicht beschreiben. Das erste Gefühl ist schlichtweg Verwirrung, alles ist chaotisch, weil die Musik nun schweigt. Während des Konzertes ist man über lange Zeit hoch konzentriert, hoch fokussiert und erlebt alles äußerst intensiv. Ein Ausnahmezustand, Körper und Geist sind dopamindurchflutet. Ich muss danach immer erst einmal zu mir selbst finden, brauche etwas Zeit, um die Erfahrung verarbeiten zu können. Es ist danach nicht besonders einfach für mich zu reden, vor allem nicht über mich selbst. Aber das Gespräch gestern mit Herr Tröndle war schon ok, auch dem Genuss eines Biers geschuldet. (lacht)

Du bist ein Kind der heutigen Zeit: verhältnismäßig jung, lebst in verschiedenen Ländern und bist im Internet vertreten. Deswegen die Frage: Wie wichtig ist es für klassische Musik sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anzupassen, um nicht als „Altherrengenre“ belächelt zu werden?

Zunächst sei gesagt, dass klassische Musik sehr lebendig ist. So erwacht Bach grade als Komplementär zu John Cage zum Leben, beide befinden sich im Moment der Musik im Dialog miteinander. Auch ist die Autorität der Partitur von großer Bedeutung. So verändert die Zeit die Musik, schafft ein kontinuierliches Update und lässt sie dadurch immer wieder modern werden.
Der Kontext ist entscheidend, um klassische Musik lebendig werden zu lassen, und genau hier sehe ich auch meine Aufgabe: Unterschiedliche Settings, unterschiedliches Publikum, um unterschiedliche Musik miteinander zu verbinden. Dazu gehört zum Beispiel ein Format, wo ich Bach auf einem Klavier spiele, welches jede einzelne Note an einen Computer sendet, der in Echtzeit eine Stadt konzipiert und visualisiert. Ein utopisches, anachronistisches Happening, bei welchem Bach eine Stadt baut.

Was denkst du vom gegenwärtigen “State of the Art”, also dem Geist der Gegenwart in der heutigen Musik, kannst du beispielsweise der Musik, die im Radio läuft, etwas abgewinnen?

Musik muss nicht anspruchsvoll sein, um interessant zu sein. Wenn jedoch ganz, ganz viele Menschen etwas mögen, muss daran etwas faul sein. Das liegt weniger am Publikum, als an der Wirtschaft, die im Hintergrund die Pfäden zieht. Es ist das kommerzielle Interesse, was Musik zur Geldmaschinerie werden lässt, jedoch ihr eigentliches Wesen marginalisiert.
Ich beobachte all das von außen, bin aber auch Teil der Musikindustrie. Natürlich ist es mir nicht egal, dass die Plattenverkäufe stark zurückgegangen sind, da ich Musik nicht nur als Lebensaufgabe betreibe, sondern auch um zu leben.

Man kann dich als Jemanden bezeichnen, der Neues schafft. Ist das eine bewusste Entscheidung oder eher zufälliges Ergebnis?

Ersteres, ich bin mir darüber bewusst und das ist auch schon immer so gewesen. Als elfjähriger Junge war ich in dieser Bestrebung schon sehr stur und erklärte meiner damaligen Musiklehrerin, dass ich nur Bach und meine eigene Musik spielen will. Sie erwiderte, dass es doch noch so viel anderes geben würde, was zu spielen sei.
Auf der Julliard School war es das gleiche: ich war ein Outsider, da meine musikalischen Lehrer meinten ich sei kein richtiger Pianist, wenn ich nicht Chopin, Beethoven und so viele andere im Repertoire hätte.
Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber der Grundsatz, den ich schon mit elf gefasst hatte, steht immer noch.

Apropos, Julliard School: Neben dir sind Miles Davis oder aber David Garret, um eine deutsche Prominenz zu nennen, berühmte Emporkömmlinge dieser Schule. Euch eint, dass ihr Musik nicht nur umdeutet, sondern gänzlich neu interpretiert. Ist das expliziter Teil der Ausbildung oder logisches Ergebnis, wenn musikbegeisterte Menschen, die obendrein noch mit Talent gesegnet sind, zueinander finden?

Ich glaube, da sind wir eher die Ausnahme. Die Julliard ist eigentlich sehr klassisch. Es handelt sich um ein Konservatorium, wobei der Begriff “konservativ” mehr als nur wortverwandt ist. Nein, für mich war es das Ereignis New York, was weiter nachhallt. Das war die eigentliche eye-opening experience: ich bin mit 16/17 in die Stadt gekommen, die niemals schläft. Ganz viel von dem, was ich heute bin, ist in meiner Zeit in New York verwurzelt. Ich habe mich dort selbst entdeckt, da ich mir hier zum ersten Mal die Sinnfragen gestellt habe: Wovon bin ich überzeugt? Was will ich vom Leben? Es war also nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch menschlich die Zeit, in der ich erwachsen geworden bin.

Heute jedenfalls wirkst du sehr ruhig, sehr gelassen. Ob Konzert oder Interview, du strahlst Ruhe aus. Glaubst du das ist auf dein Naturell zurückzuführen oder liegt das an der langen Zeit, die du inzwischen schon dabei bist?

Ich kann einfach mit Stress nicht arbeiten, weder Musik machen noch diese aufführen. Deswegen ist es mein Privileg, indem was ich tue, ich selber sein zu können. Hier gründet auch meine Apathie vor dem Begriff der “Klassische Musik”: das hört sich doch nach einem Kasten an, aus dem man nicht rauskommt. Jedoch ist das nur die Bedeutung, die wir dieser Musik von außen zuschreiben. Bach hat keine klassische Musik, sondern einfach nur Musik gemacht. Auch hat man ihn hin und wieder in der Orgel erwischt, nicht allein. Was hat das mit unserem Verständnis von klassisch zu tun? Für mich ist es Freizeit auf die Bühne zu gehen. Wenn ich mich selbst nicht überraschen kann, kann ich auch mein Publikum nicht überraschen.

Was hast du eigentlich für ein Publikum?

Ich kann mein Publikum nicht beschreiben, da ich an sehr diversen Orten spiele, die unterschiedliche Menschen ansprechen. Klar ist aber auch, dass ich in erster Linie Pianist bin, was zwei Probleme mit Clubs und Diskotheken mit sich führt: Raum und Zeit. Andererseits ist es manchmal auch für junge Menschen schwer, den Code zu ändern und ins Konzert zu gehen.
Aber eigentlich wünsche ich mir immer Locations mit heterogenem Publikum, ohne Grenzen jedweder Art. Natürlich ist das work in Progress, also nicht von heute auf morgen zu erreichen.

Wie ist die Beziehung zwischen dir und deinem Publikum zu beschreiben. Kann man deine Musik als Sprache, ohne Wörter verstehen?

Ja als eine sehr abstrakte Form von Sprache. Sie funktioniert nicht unidirectional, also einseitig, sondern muss Resonanz im Publikum finden. In der Musik gibt es ein vor und nach John Cage. Vor allem auch wegen seiner Musikvision, die die Autorität des Musikers an sich in Frage stellt. Das Publikum wird auf eine Stufe mit ihm gehoben, wirkt also an der Musik mit.
Daneben ist der Kontext entscheidend, um kommunizieren zu können: Raum, Bühne, Licht, Temperatur. Ich nehme diese Dinge sehr intensiv wahr, weiß eigentlich immer, wie das Konzert werden wird.

Wann hast du dich das letzte Mal verspielt?

Gestern. (lacht)

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