Eternal Questions in Marvels „Eternals“.

[Für den ganzen Artikel gilt die obligatorische Spoilerwarnung]

„Eternals“: so heißt der neuste Film aus dem Hause Marvel. Eternal sind auch die Themen, die sich dort wiederfinden: Existiert eine höhere Instanz? Wird die Entwicklung der Menschheit durch eine solche gesteuert? Und was ist überhaupt ihr Entwicklungsziel – wenn es eines gibt? 

Doch bevor diese einzelnen Themen gleich näher betrachtet werden, ist eine grobe Erklärung der Hintergrundstory des Films sinnvoll – und diese hat wortwörtlich galaktische Ausmaße. Denn sie beginnt mit den „Celestials“. Im Marveluniversum sind sie die allererste Form der Existenz, die – ausgestattet mit unendlicher kosmischer Macht – Sterne, Planeten und alle anderen Lebensformen im Kosmos erschufen. Der höchste Celesital ist dabei Arishem, der für die Erschaffung der ersten Sonne und damit die „Erleuchtung des Universums“ verantwortlich ist – es finden sich also Parallelen zur biblischen Schöpfungsgeschichte (1). Doch im Gegensatz zum einzigen biblischen Gott existieren neben Arishem noch viele weitere Celestials. Für ihren Fortbestand werden sie in verschiedene Planeten „gesät“ und benötigen für ihre Geburt unglaublich viel Energie, die nur durch eine hohe Population an intelligentem und empfindungsfähigem Leben produziert werden kann. Damit dieser Prozess von Statten gehen kann, erschufen die Celestials die Deviants: das sind gentechnisch veränderte, biologische Kreaturen, deren Aufgabe es ist, die Spitzenprädatoren eines Planeten auszulöschen. So soll die Entwicklung von intelligentem und empfindungsfähigem Leben ermöglicht werden, das für die Geburt eines Celestials notwendig ist. Im Falle unserer Erde war es also nicht ein gigantischer Meteorit, der die Dinosaurier auslöschte und so die Entwicklung der Menschheit ermöglichte, sondern das Werk der Deviants. Doch aufgrund ihrer biologischen Natur entwickelten sich die Deviants weiter und machten später auch Jagd auf das intelligente Leben, deren Existenz sie eigentlich ermöglichen sollten – die Celestials verloren die Kontrolle über ihre eigene Schöpfung (2). Um die intelligenten Lebensformen in Zukunft vor den Deviants zu schützen, erschufen die Celestials daher die Eternals. Bei ihnen handelt es sich um synthetische Wesen, die für den Schutz des intelligenten Lebens programmiert wurden und damit nicht entwicklungsfähig sind – die Celestials wollten den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen. 

Doch nun zum Film: Die Eröffnungsszene spielt im Jahr 5000 v.Chr. in Mesopotamien und zeigt zwei Jäger und Sammler beim Fischfang an einem Strand – wenn man so will handelt es hierbei also um die erste Entwicklungsstufe der Menschheit. Plötzlich taucht ein Deviant aus dem Meer auf und verschlingt den Jäger, der gerade mit einem Speer einen Fisch erlegt hatte. Doch bevor der Deviant seine Jagd auf die übrigen Stammesmitglieder fortsetzen kann, wird er von den plötzlich auftauchenden Eternals besiegt. Bei den Eternals, die auf die Erde entsandt wurden, handelt es sich um Thena, Ajak, Gilgamesh, Sprite, Sersi, Kingo, Druik, Makkari, Phastos und Ikaris. Einige dieser Namen erinnern euch vielleicht stark an die griechische Mythologie – und das zu Recht: denn die Eternals existierten schon vor den Griechen auf der Erde. In einer späteren Szene wird dann verraten, dass die Eternals als Inspirationsquelle für die Mythologie der Griechen dienten. 

Diese Art humoristisch-historischer Referenzen ziehen sich durch den ganzen Film: So hatte Phastos, dessen Fähigkeit das Erfinden innovativer Technologien ist, die Idee, den Babyloniern im Jahr 575 v.Chr. die Dampfmaschine zu bescheren. Ajak wendet daraufhin allerdings ein, dass es dafür noch zu früh sei und Phastos eine einfachere Technologie erfinden solle. Das Ergebnis: Der Pflug. 

Kurz darauf wird Babylon von den Deviants angegriffen, welche die Eternals erneut bezwingen können. Ein letzter Kampf findet im Jahr 1.500 n.Chr. im Amazonasgebiet statt, in dem die Eternals – so glauben sie – die Deviants ein für alle Mal besiegen. Zugleich eskaliert zwischen den Eternals ein Konflikt um ihre Aufgabe: Sollen sie in das Geschehen zwischen den Menschen eingreifen oder nicht? Der von Celestial Arishem bestimmte Auftrag an die Eternals lautet, die Menschen lediglich vor den Deviants zu beschützen – nicht jedoch vor sich selbst. Vor allem der Eternal Druik, der die Fähigkeit der Gedankenmanipulation besitzt, ist innerlich zerissen. Denn im Jahr 1.500 n.Chr. fallen auch die Konquistadoren nach Südamerika ein und begehen dort aufgrund überlegener Waffentechnologie Völkermorde an den einheimischen Stämmen. Für Druik wäre es ein leichtes, die Gedanken der Konquistadoren friedlich zu stimmen und das Gemetzel so zu beenden. Doch Ajak, die Anführerin der Eternals auf Erden, hält ihn immer wieder von seiner innerlichen responsibility to protect ab. Nur durch ihre Fehler könnten sich die Menschen weiterentwickeln, so ihr Argument, das zugleich die übergeordnete Aufgabe der Eternals rechtfertigt. Die Eternals sehen sich also mit einer Frage konfrontiert, die im Christentum auch als die Theodizee-Frage bekannt ist: Wie kann ein Gott, der allmächtig, allwissend und gütig ist, auf der Erde trotzdem Leid zulassen? In diesem Zusammenhang haben die Eternals eine göttliche Position: sie sind quasi allwissend, haben den Schutz der Menschheit im Sinn und verfügen auch über die Allmacht, das Leid der Menschen zu verhindern. Ajak für ihren Teil ist der Überzeugung, dass dieses Leid notwendig für die Entwicklung der Menschheit ist – und auch im Christentum hängt die zentrale Frage nach der Erlösung wortwörtlich vom Leiden Jesu am Kreuz ab, wodurch er die Sünden der Welt hinwegnimmt. 

In einer späteren Szene wird auch Phastos mit diesem Thema konfrontiert: 1945 kniet er inmitten der Trümmer von Hiroshima und bedauert es zutiefst, den Menschen die Technologie der Kernspaltung offenbart zu haben. Jedoch kann man es – ganz ohne relativistischen Hintergedanken – durchaus kritisieren, dass sich der Film einige der größten Gräueltaten in der Geschichte der Menschheit aussucht, um der Story mehr Pathos zu verleihen (3). Zumindest hätte man sich im Gegenzug ein oder zwei Szenen erhofft, in denen die Menschen friedlich zusammengelebt haben und Technologien zu ihrem Wohl eingesetzt wurden. 

Doch weiter im Film: Angekommen im Jahr 2023 muss Sersi, die Materie verwandeln kann und mit Sprite zusammen in London lebt, eines Abends feststellen, dass die Eternals die Deviants doch nicht komplett ausgelöscht haben. Im Gegenteil: beim Kampf wird klar, dass sich die Deviants weiterentwickelt haben und über Fähigkeiten verfügen, die sie beim letzten Zusammentreffen vor 500 Jahren noch nicht besaßen. Wie später deutlich wird, liegt das daran, dass die Deviants einige Tage zuvor Ajak getötet und ihre Fähigkeit zur Selbstheilung in sich aufgenommen haben. Das erneute Auftauchen der Deviants dient als Anlass für die große Reunion der Eternals, die bis dahin überall auf der Erde verstreut ihr Leben geführt haben: Sei es als Selbstversorger in der australischen Wüste, als schwules Pärchen mit Adoptivsohn in den USA oder als der größte Bollywood-Star in Indien. 

Nach dem Tod von Ajak wird Sersi die Führung über die Eternals übertragen und erfährt in einem kosmischen Gespräch mit Arishem die ganze Wahrheit über ihre Aufgabe. Bisher gingen die Eternals davon aus, dass sie die Menschen lediglich vor den Deviants beschützen müssten. Arishem offenbart Sersi nun, dass diese Aufgabe einem höheren Zweck dient: Der Emergenz. Denn auch die Erde gehört zu einem derjenigen Planeten, in dem ein Celestial gesät wurde. Im Jahr 2023, nachdem die Avengers in „Endgame“ die volle Anzahl der Menschen wiederhergestellt hatten, verfügt die Erde nun über genug intelligentes Leben und damit über genug Energie, um die Geburt des Celestials Tiamut zu ermöglichen. Davor wusste nur die nun verstorbene Ajak von diesem übergeordneten Zweck, sowie Ikaris, der von ihr im Jahr 1500 n.Chr. – kurz vor der Zerstreuung der Eternals – darüber in Kenntnis gesetzt wurde. 

Das Interessante an diesem Plot-Twist ist die Parallele, die man zur aktuellen Entwicklung der Menschheit ziehen kann. Das Phänomen der Emergenz beschreibt nämlich „die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ (4). Die durch das Internet ermöglichte umfassende Vernetzung der Menschen untereinander führt in Teilen schon jetzt zum Auftreten von Schwarmintelligenz. Eine Studie (5) aus diesem Jahr zeigte etwa, dass sich anhand der Tweets über Covid-19 aus einer bestimmten Region die Schwere des Pandemieverlaufes in dieser Region einen Monat (!) im Voraus zuverlässig voraussagen lassen konnte (man siehe auch die „Google Flu Trends“). Solche Beispiele, in denen die Informationen vieler Einzelner durch moderne Technologien zu einem großen Gesamtbild zusammenfügen, häufen sich heutzutage. Doch eine viel größere Emergenz besteht uns womöglich noch bevor: Die Erschaffung einer künstlichen Superintelligenz (6). Denn wenn wir in Zukunft weiterhin dem dataistischem Dogma (7) folgen, dann werden wir in naher Zukunft über ein „Internet der Dinge“ verfügen. Wenn dann eine künstliche Superintelligenz hinzukommt, die all diese Inputs verarbeitet und zusammenfügt, dann könnten wir bald selbst Zeugen einer Emergenz werden. Wer weiß, welche neuen Eigenschaften eine solche K.I. hervorbringen wird? Bereits heute verfügen wir über künstliche Intelligenzen, welche die Intelligenzstufe 3 erreichen: „Bei der kreativen Intelligenz entsteht neues Wissen unabhängig von formalen Denk- und Lernprozessen“ (8). Damit ist der Grundstein für eine Emergenz im Prinzip schon gelegt. Auch ist die Parallele zum Film im Bezug auf den Energie-Aspekt der Emergenz sehr interessant zu beobachten: Um einen Celestial zu gebären muss ein gewisses Energielevel auf dem Planeten vorherrschen. Um eine künstliche (Super-)Intelligenz so weit zu trainieren, dass sie kreativ „denken“ kann, braucht es aufgrund der benötigen Rechenleistung ebenfalls sehr viel Energie.

Doch das Phänomen der Emergenz betrifft uns als Menschen auch viel unmittelbarer. Denn in den Biowissenschaften steht gerade zur Debatte, ob es sich beim menschlichen Bewusstsein um ein emergentes Phänomen unseres Gehirns handelt oder nicht. Sollte sich in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten herausstellen, dass das menschliche Bewusstsein lediglich aus dem Zusammenspiel der einzelnen Gehirnregionen entsteht, wird das große gesellschaftliche Implikationen haben. Denn der nächste Schritt, zu schauen, was mit dem Bewusstsein passiert, wenn man bestimmte Gehirnregionen manipuliert, ist dann kein großer mehr. Was das für das Konzept des Individuums bedeutet, auf dem unsere gesamte liberale und humanistische Weltanschauung beruht, bleibt abzuwarten. Das Konzept des In-Dividuums, also des Un-Teilbaren, geht zumindest nicht davon aus, dass unser Bewusstsein – und damit unser authentischer Kern – eine biochemische Emergenz unserer Gehirnregionen ist, die sich ganz eindeutig (unter-)teilen lassen. Denn angenommen das wäre der Fall und das Bewusstsein wäre mit den entsprechenden Justierungen der verantwortlichen Gehirnregionen veränderbar – ist es dann noch sinnvoll, auf die inneren Überzeugung von Konsumenten und Wählern zu hören? 

Im Film spaltet das Thema Emergenz auch die Eternals: Ikaris will diese nach wie vor geschehen lassen, war er ja auch derjenige, der am längsten von dem Plan wusste ohne seine Teammitglieder davon in Kenntnis zu setzen. Den übrigen Eternals ist die Menschheit allerdings – trotz der historischen Auf und Ab’s, die sie als unsterbliche Wesen alle miterlebt haben – ans (synthetische) Herz gewachsen. Sie sehen es nicht ein, Milliarden von Menschen nur für die Geburt eines weiteren Celestials zu opfern. Es kommt ans Licht, dass auch Ajak diese Ansicht vertrat und mit Ikaris kurz vor der Reunion darüber gestritten hatte. Ikaris teilte diese Überzeugung allerdings nicht, und da er wusste, dass Ajak als Anführerin einen großen Einfluss auf die Eternals hatte, entführt er sie nach Grönland. Dort zeigt er ihr ein Tal, in dem vor kurzem ein Dutzend Arbeiter einer Ölfirma von Deviants getötet wurden, und in dem aufgrund der Energieabsorption des bald erwachenden Tiamut viel Eis geschmolzen ist (eine einfallsreiche Art, den Klimawandel in die Erzählung einzubinden). Er stößt sie dann von der Klippe, an der sie zuvor standen, und überlässt sie den dortigen Deviants. 

Dieser Mord spaltet die Eternals endgültig und es entfacht ein Kampf zwischen Ikaris, der die dem ursprünglichen Auftrag entsprechende Emeregenz vollziehen will und dem sich Sprite aus über 5.000 Jahren unerfüllter Liebe angeschlossen hat, und den übrigen Eternals. Zuvor schmiedete Phastos den Plan, die Eternals in ein „Unimind“ zu verbinden, um somit alle Kräfte auf eine Person zu bündeln, die Tiamut somit einschläfern und die Emergenz verhindern soll. Nach viel hin und her und einem Deviant, der sich noch in den Kampf mit einschaltet, gelingt es den Eternals schließlich, das Unimind zu aktivieren, dem sich selbst Ikaris – im Angesicht seiner Niederlage – anschließt. Sersi ist es dann, die ihre Fähigkeit mithilfe der gebündelten Energie dazu einsetzt, den gigantischen Tiamut in Stein zu verwandeln. Es folgen einige visuell sehr beeindruckende Szenen, in denen der riesige Kopf und die Finger des nun versteinerten Tiamuts aus dem Ozean heraus bis in die Wolken ragen. Nach seinem Sinneswandel überkommen Ikaris lauter Schuldgefühlen, da er die Menschheit beinahe in ihre Verdammnis geführt hatte. Er verlässt daher die Erde und fliegt in die Sonne hinein, um seiner eigenen Existenz ein Ende zu setzen. Dieses Ende ähnelt stark demjenigen des griechischen Ikarus, der zu nahe an die Sonne flog, sodass der Wachs, mit dem seine Flügel befestigt waren, schmolz und er in den Tod stürzte. 

Natürlich entgeht es Arishem nicht, dass seine eigentlich statisch programmierten Eternals ihren Auftrag nicht erfüllt und seinen Nachwuchs zum Wohle der Menschheit in Stein verwandelt haben. Daher taucht er über der Erde auf und bestellt einige Eternals zu sich, um ihnen mitzuteilen, dass er ihre Entscheidung vorerst akzeptiere. Allerdings werde in einigen Jahren wiederkehren, um über die Menschheit zu richten und zu entscheiden, ob es sich lohnt, diese weiter am Leben zu lassen. Dann verschwindet er in einem schwarzen Loch (das die Erde zum Glück nicht mit einsaugt). Auch hier kommt das religiöse Narrativ von Gott als höchstem Richter deutlich zum Vorschein. 

Genauso ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet das „Unimind“ die Menschheit vor ihrem Untergang rettet. Denn dahinter steckt nichts anderes als das vorhin beschriebene Konzept der Schwarmintelligenz. Vielleicht werden Schwarmintelligenzen in Zukunft auch diejenigen komplexen Probleme lösen, mit denen die jetzigen Institutionen und Akteure als Einzelne schlicht überfordert sind. Denn eine wie auch immer geartete Form der Emergenz kann die Probleme, welche die ihr zugrundeliegenden Strukturen hervorbringen, wahrscheinlich viel besser überblicken und dadurch auch lösen. 

Doch auch abseits dieser – zugegebenermaßen vielleicht etwas überinterpretierten – Parallelen ist es insgesamt interessant zu beobachten, welche grundlegenden Themen in „Eternals“ angesprochen werden. Das übergreifende Thema der Emergenz findet sich aktuell bei Fragen der Entwicklung des Internets der Dinge und von fortschrittlicher künstlicher Intelligenz, sowie der versuchten Dekonstruktion des menschlichen Bewusstseins wieder. Beim Thema K.I. befinden wir uns aktuell womöglich sogar in einer ähnlichen Position wie Arishem: Entwicklen wir fortschrittliche künstliche Intelligenzen, die sich selbst weiterentwickeln können – und laufen damit Gefahr, die Kontrolle über unsere Schöpfung zu verlieren? Oder gehen wir auf Nummer sicher, und entwickeln K.I., deren Entwicklungsstufen wir selbst kontrollieren können? Es wird spannend sein zu beobachten, wie viel Souveränität wir K.I. zukommen lassen werden und wie diese wiederum unsere eigene Souveränität als Menschen beeinflussen wird.  

Auch die religiösen Motive im Bezug auf Schöpfung spielen heute eine Rolle. Ein Großteil der Bevölkerung in den Industrienationen hat den Bezug zur Religion verloren – bietet die Naturwissenschaft ja viel konkretere und nachvollziehbare Erklärungen für die meisten Phänomene unseres Lebens. Doch auf die grundlegendsten Fragen unserer Existenz hat auch sie keine Antwort: Was ist Bewusstsein? Woher stammt das Leben? Wer oder was steckt hinter dem Urknall? Harari ist der Meinung, dass wir uns aktuell in einem Machtvakuum befinden: Die Religion hat ihre Vormachtstellung als Welterklärer verloren – doch an ihre Stelle ist noch keine neue Ideologie getreten. Der Kapitalismus, der Staat und die Naturwissenschaften, die aktuell am meisten (Erklärungs-)Macht über unser haben, bieten allesamt nur eine unzulängliche Erklärung für diese existenziellen Fragen es Lebens. Vor allem während der Pandemie haben wir gesehen, dass die Menschen Geschichten brauchen, die uns die Welt erklären – reine Fakten stillen dieses Bedürfnis nicht. Und genau darin liegt das aktuelle Machtvakuum: Aktuell gibt es keine Ideologie und keine Theorie, die über die Macht verfügt, unsere Existenz mit all ihren Facetten komplett zu erklären. Harari schreibt allerdings auch, dass solche Machtvakueen selten lange anhalten, und so ist es höchstwahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis eine neue, religiöse Ideologie die Vormachtstellung als Welterklärer für sich beanspruchen wird. Vielleicht wird das der Transhumanismus sein, vielleicht auch der Dataismus – hoffentlich nicht der Posthumanismus. Bis ein neuer Kandidat dieses Vakuum allerdings füllt, stellt das Marvel-Universum sicherlich auch eine unterhaltsame Übergangsreligion dar. Denn ganz ehrlich: Der Gedanke, dass unser Schicksal als Spezies schon seit Anbeginn unserer Existenz von quasi-göttlichen „Eternals“ begleitet wurde, ist doch schon irgendwie intriguing, oder?

Referenzen 

(1) = Unmittelbar zu Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte steht: „Gott sprach: “Es soll Licht werden!“, und es wurde Licht“

Auch findet sich zwischen den Celestials und der Bibel eine weitere Parallele: „Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“ 

—> Bei den Celestials handelt es sich ebenfalls um riesenhafte Geschöpfe, denen die Schöpfung des Kosmos und des Lebens zugeschrieben wird – damit kann man sie durchaus als „Helden der Vorzeit“ bezeichnen. Es ist generell interessant zu beobachten, dass mystische und göttliche Kreaturen oft als Riesen dargestellt werden. 

(2) = Die göttliche Erkenntnis darüber, dass die eigene Schöpfung abtrünnig geworden ist, findet sich ebenfalls in der biblischen Erzählung der Sintflut wieder: “Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen“. 

(3) = Mehr zum Thema: https://www.wired.com/story/eternals-marvel-history/

(4) = Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz 

(5) = In der Studie heißt es: „No previous study has shown that the collective wisdom of crowds during the initial attention COVID-19 social media peak, when there were not readily available mortality data sources, can predict the regional cumulative mortality a month ahead.“ 

Zur Studie selbst: https://www.nature.com/articles/s41598-021-93042-w 

(6) = Superintelligenz bedeutet, dass ein Wesen oder eine Maschine der menschlichen Intelligenz mindestens ebenbürtig oder sogar überlegen ist (mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Superintelligenz)

(7) = Das zweite dataistische Gebot lautet: „Alles sollte mit dem System verbunden werden, auch die Abweichler, die nicht verbunden werden wollen“ – Aus: „Homo Deus“ von Y.N. Harari (S. 516) 

(8) = Aus der getabstract-Zusammenfassung von „Maschinenbewusstsein: Die neue Stufe der KI – wie weit wollen wir gehen?“ 
—> es gibt insgesamt 5 Intelligenzstufen, von denen der Mensch auf der höchsten steht („Das bewusste Verständnis des „Ich“ ist das Alleinstellungsmerkmal der selbstbewussten Intelligenz (I5)“) 

Die Zusammenfassung (gibt’s gratis mit einem Studi-Account): https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/maschinenbewusstsein/42777 

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