Eine Typologie von Fehlern an der ZU

Foto: Andreas Meichsner; Farbgestaltung im Treppenhaus: Harald F. Müller

Dieser Artikel unterscheidet Fehler, die man an unserer Universität machen sollte, von solchen, deren persönliche Erfahrung das ”Curriculum ZU” nicht bereichern. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich hierbei nicht um ein Plädoyer für eine positive Fehler- oder Scheiterkultur an der ZU, –  Ansprechpartner diesbezüglich sind die Jungen Liberalen – sondern vielmehr um das Resümee eines fehlerdurchzogenen Studiums.

 

Von Anfängen und Enden

Was für ein ungewöhnliches Semester. Irgendwie so altvertraut, aber doch wird man den Eindruck nicht los, dass sich der ZU-Kosmos nicht mehr um PCG, Luhmann und den See dreht, sondern Corona auch nach dem Sommer das bestimmende Thema geblieben ist. Bestes Beispiel sind die fünf Fälle, die schon ausreichen, um den universitären Betrieb zum Stillstand zu bringen. Und danach?

So wirklich scheint dies niemand zu wissen, passend zur allgemein um sich greifenden Unsicherheit und Verwirrung. Doch auch an anderer Stelle hat sich das Profil der Uni im Vergleich zum Vorsemester deutlich verändert: Seit Juni ist Klaus Mühlhahn neuer Präsident der ZU. Durch die Coronakrise übertönt ist die Ära Insa Sjurts ziemlich leise zu einem Ende gekommen. Böse Zungen meinen, dass dieser Abgang irgendwie an ihre Präsidentschaft erinnere. Dazu die neuen Erstis, 240 an der Zahl und damit das größte Semester der ZU-Geschichte. Aber die Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren, dass dieser Superlativ zumeist nur ein Jahr Bestand hat, bevor im Fall 21 ein noch zahlenstärkeres Semester die Gänge der Uni fluten wird.

Sucht man nach Beständigkeit in einer derart unbeständigen Zeit, hilft der Verweis auf die eigene(n) Fehler(haftigkeit) im Kontext der ZU. Deswegen dieser Artikel, der die Typologie von Fehlern zum Thema hat; also zwischen solchen unterscheidet, die man an der ZU machen sollte, und solchen, auf die man getrost verzichten kann. Klar arbeitet der Artikel mit einer ziemlich frei gewählten Grenzziehung, denn was als Fehler zu gelten hat, ist nichts anderes, als eine persönliche Bewertung. Aber nach acht Semestern ZU-Erfahrung wird man das Gefühl nicht los, dass sich hier gewisse Muster semesterübergreifend wiederholen.

Die Sturm-&-Drang-Phase eines ZU-Studiums/
Studium an der ZU als biographische Sturm-&-Drang-Phase

Angefangen sei mit der vollständigen Überforderung durch das akademische Angebot der Uni, deren Erschaffung zweifelsohne zu den Fehlern zu zählen ist, die man gemacht haben sollte. Jede*r sollte in seinem ZU-Dasein einmal die Gesellschaft als System, die Unirekrutierung als habituelle Elitenreproduktion und den Kapitalismus als Produkt der prostetanistischen Ethik ansehen. Zugegeben, streitbare Thesen, jedoch macht eben diese völlig übersteigerte Identifikation der Studierenden mit dem Erlernten die besondere Atmosphäre an der Uni aus. Studieren an der ZU ist eben ein bisschen spätpubertär, nur dass man jetzt den Eltern oder welchen Autoritäten auch immer die Namen Luhmann, Bourdieu oder Weber zur Untermauerung des eigenen Argumentes um die Ohren hauen kann. Natürlich könnte man dies auch mit Hayek, von Mises oder Friedman probieren, doch mir fehlt das Vorstellungsvermögen, um zu verstehen, wogegen man damit denn nun eigentlich rebellieren wollen würde. Nein, das vollständige Eintauchen in die Gründe und Abgründe der verschiedenen hier gelehrten Wissenschaften ist per se eine Erfahrung, die das Studium auszeichnet und im späteren Berufsleben als jugendlicher Idealismus mit einem teils spöttischen, teils sehnsüchtigen Lächeln quittiert werden wird.

Wissenschaftliches Arbeiten oder wie es nicht geht

Anders verhält es sich mit der Bearbeitung von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten. Hier erscheint es ratsamer, mit ein bisschen Orientierung und Präzision ans Werk zu gehen. Ich kann hierbei gleich zweimal aus eigener Erfahrung sprechen. Zunächst zu meinem Zeppelin-Projekt, welches ich mit vier gemeinsamen Freunden bearbeitet habe.

Erster Fehler: Nur weil ihr euch auf einer persönlichen Ebene gut versteht, heißt das nicht zwangsläufig, dass es ratsam ist, die gleichen Kurse, Initiativen oder eben Projektarbeiten zu wählen. Klar, das ganze wird ad absurdum geführt, wenn der*die Andere aufgrund eines Mangels an persönlicher Sympathie gleich suspekt erscheint. Naja, wie dem auch sei, unser bescheiden gehaltenes Thema war, welche Rückschlüsse der Staat aus den vergangenen industriellen Revolutionen ziehen kann, um diese auf die gegenwärtige industrielle und sozialpolitische Lage anzuwenden.

Zweiter Fehler: Ganz klar, suche dir ein Thema, das tatsächlich realisierbar ist. Natürlich ist es spannend, über die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge mit pseudointellektuellem Vokabular zu referieren, aber bedeutet wissenschaftliches Arbeiten eben primär auf den Schultern von Riesen zu stehen. Anders ausgedrückt: Du bist für die Institution Wissenschaft auch nach Abschluss deines Bachelors immer noch eine indifferente Eintagsfliege, die nicht wirklich weiß, in welche Richtung sie denn eigentlich unterwegs ist. Vielleicht sollte man mal “Wenn Wissenschaft einfach wäre, würde es Fußball heißen” an die Tafelwände schreiben.

Wie man es vermeidet mit dem Kopf zu häufig gegen die gleiche Wand zu laufen

Ich sage das mit Nachdruck, weil ich natürlich auch in meinem Humboldt-Projekt von dem Gedanken nicht lassen konnte, die Wissenschaft auf den Kopf zu stellen und mit dem noch bescheideneren Anspruch zu Werk ging, einen neuen Zugang zu Europäischen Identitäten zu dekodieren. Spoiler: Hat nicht geklappt.

Allerdings hätte das Ganze doch in etwas geregelteren Bahnen verlaufen können, als es dann tatsächlich der Fall gewesen ist. Das Stichwort und gleichzeitig der dritte Fehler ist hierbei die richtige Betreuung. Ganz in den Bann gezogen von rationaler Entscheidungsfindung und dem Anderen als negativer Ausgangsbedingung für das eigene Selbst war mir ziemlich egal, bei wem ich denn nun schreiben würde. Und vorsichtig ausgedrückt war es meinem Dozenten auch relativ gleich, auf welch holprigen Beinen meine Arbeit eigentlich erbaut war. So wurde meine Bestrebung über die Identitäre Bewegung im Europäischen Kontext zu schreiben schlicht mit der Aussage quittiert, dass doch irgendwie am Ende dabei rum kommen sollte, dass die Rechten die Bösen in der Geschichte seien. Selbstverständlich, – politisch auf jeden Fall meine Meinung – aber vor dem Hintergrund der zumindest angestrebten wissenschaftlichen Neutralität doch irgendwie schwierig. Jedenfalls war die Reaktion, als ich dann vier Wochen vor Abgabe entschied, anstelle der Identitären Bewegung über die EU-Türkei-Beitrittsgespräche zu schreiben, kaum mehr als ein Einzeiler à la „Machen Sie mal“.  

Um jede Fehldeutung auszuschließen: Ich habe vor wenigen Wochen noch mal die Arbeit durchgelesen und hab immer noch absolut keine Ahnung, was denn eigentlich das Thema gewesen ist. Klassischer Fall von “Verloren im Theorie-Dschungel”. Das Problem war nur, dass mir mein Dozent zu keinem Zeitpunkt eineindeutig zu verstehen gab, dass ich wahrscheinlich nicht derjenige sein würde, der der Europäischen Demokratie das Laufen neu beibringt. Dafür war schon ein Dietmar Schirmer vonnöten, der mir zwischen zwei selbstgedrehten Zigaretten verdeutlichte, dass mein fahriges Schwadronieren über Europa sehr viel Lärm um sehr wenig war. Deswegen wählt jemanden aus, der einerseits fachlich kompetent in eurem Bereich ist und der andererseits nicht davor zurückschreckt, euch an der richtigen Stelle mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren.

Das Leben der Mitkommilitonen

Aber natürlich besteht das Uni-Leben nicht nur aus akademischem Hochmut, sondern ist primär ein soziales Miteinandersein. Und eben diese sozialen Beziehungen werden maßgeblich darüber entscheiden, in welchen Kontexten ihr hier studieren werdet. Die Erfahrung, dass damit irgendwann auch eine Form der sozialen Be- und Überlastung einhergeht, dürften die meisten Studierenden relativ früh an machen. Hauptverantwortlich ist dafür der Ort Friedrichshafen, der, freundlich gesagt, nicht gerade vor ZU-fernen Alternativen strotzt. Deswegen wohnen, leben und feiern die meisten fast ausschließlich miteinander, sodass sich häufig der eigene Erlebnishorizont von Studenten-WG zu Unicampus erstreckt. Doch ist es definitiv nicht als Fehler anzusehen, sich hierauf vollständig einzulassen, denn die Dichte an unglaublich spannenden und inspirierenden Menschen, Ideen und Geschichten sucht ihres Gleichen. Besonders dann, wenn der Vergleichswert andere Privatuniversitäten in Deutschland sind. Die ZU lädt zum Verzetteln ein und das ist auch gut so. Die Uni ist ein Sammelsurium von Menschen, die in ihren verschiedenen Bereichen unglaublich talentiert sind: Das Praktikum bei Deloitte hier, das Gründen einer humanitären NGO da oder das Schreiben einer 1,0 in Wirtschaftsmathe, keine Ahnung, wie das gehen soll. Doch die Kehrseite der Medaille ist ein übersteigertes Bedürfnis mit den Qualitäten Anderer mithalten zu wollen. Die Folge ist, dass die eigene Entwicklung durch die ZU katalysiert wird – positiv wie auch negativ. Die Eine fühlt sich durch den ZU-Kontext dazu angespornt, sich in drei Initiativen zu engagieren und nebenbei noch eine Student-Study zu initiieren, während ein Anderer lieber den Boden diverser Gläser im Zapfi aus der Nähe betrachtet.

Von Hasen & Igeln

Somit ist der vierte und letzte Fehler der Folgende: Setzt euch keinen überhöhten Selbstansprüchen aus, denen ihr niemals gerecht werden könnt. Gerade an dieser Uni kann man leicht das Gefühl bekommen, die nicht besonders märchenhafte Rolle des Hasen innezuhaben, der, egal wie schnell er läuft, immer nur der Zweitschnellste sein kann. Doch in dem Fall, dass ihr auf eurem Weg kurz einmal stehen bleibt, realisiert ihr, dass die meisten Igel in erster Linie stachelige Trickbetrüger sind.

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