Ein Plädoyer für Zukunftsfreude (ACHTUNG: Pathos)

Frank-Walter Steinmeier mit Helm und Splitterschutzweste in Kabul. Quelle: focus (http://www.focus.de/fotos/mit-helm-und-splitterschutzweste-laeuft-frank-walter-steinmeier-ueber-das-rollfeld-des-flughafens-in-kabul-der-bundesaussenminister-ist-zu-einem-zweitaegigen-besuch-in-der-region_id_4911977.html)

Man hört es überall: „Die Welt ist aus den Fugen!“. Angela Merkel, Navid Kermani, der designierte Bundespräsident, posthum auch Peter Scholl-Latour, sowie bundesweit unkreative Veranstaltungsleiter drücken diese Aussage mit großer Vehemenz in das öffentliche Bewusstsein. Es klingt auch so schön epochal, nach Ragnarök, steinernen Mienen und schicksalsergebenen Menschen. Das Problem daran ist, dass nichts darauf hindeutet. Keine aktuelle Krise der Menschheit – oder dem Teil davon der in Deutschland lebt – ist unlösbar oder existenziell bedrohlich. Viele erfordern Kraft, ein Umdenken, Umgewöhnung und Kooperation über alte Grenzen hinweg. Aber dies sind nur die Begleiterscheinungen von tiefgreifenden, langsamen, historischen Veränderungen. Doch statt reger Debatten über die Art und Weise der Veränderungen und unsere Antworten darauf erleben wir diese Zurschaustellung gesellschaftlicher Ermattung.

Hamlet. 1. Aufzug, 5. Szene. „Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein, Muß ich sie herzustelln geboren sein!“ – so das Zitat aus dem Shakespeare-Stück, das hierzulande auch gerne dank August Schlegel als „Welt [..] aus den Fugen;“ übersetzt wird, und sich mittlerweile als bildungsbürgerliches Alarmappell an das literarisch bewanderte Publikum etabliert hat. Gerne wird dabei die Frage nach den Fugen übergangen. Anscheinend ist es klar, was die Welt – im innersten? – zusammenhält. Die Fuge ist dabei eine merkwürdige Übersetzung. Sie ist das technische Pendant zum „joint“ des Originaltexts. Ein einfacher handwerklicher Terminus, häufig in einem Satz gemeinsam verwendet mit: Silikon, Dichtung (Aha!), Mauerwerk. Sie verbindet durch Spaltung, erlaubt Bewegungsfreiheit, und sichert so die Standhaftigkeit einer Konstruktion. Das englische „joint“ wiederrum wird primär als Gelenk übersetzt, beinhaltet also auch eine gewisse Lenkungsfunktion und Körperlichkeit. In beiden Sprachen, bzw. Übersetzungen, steht der Begriff also für Bewegungsfreiheit. Was bedeutet dieser entfremdete Satz denn nun? Ist die Welt ihrem schrecklichen Schicksal unausweichlich ausgeliefert?

Dieses Sprachbild ruft unausweichlich den Gedanken an die alte christlich-abendländische Sehnsucht nach der Apokalypse hervor. Zunächst scheint alles schlechter zu werden. Die deutsche Wirtschaft soll irgendwann dank unseres demographischen Problems kippen, Hans-Werner Sinn stört in der Tagesschau, Exportweltmeister zu sein ist vielleicht kein Titel, sondern ein Fluch. Die Briten isolieren sich selbst, die Amerikaner wählen einen Horrorclown zum Präsidenten, die Türken hatten wohl schon länger einen, und in Österreich hätte es fast Waldheim II gegeben, nur diesmal ganz öffentlich alldeutsch-braun mit der Kornblume im Revers. Der Westen wankt. Mehr Alliterationen folgen in der Tagespresse.

Einschlag links, Einschlag rechts. Wie können unsere Auguren nur anders als aus den vorbeifliegenden Krisen das Ende unserer Welt zu deuten? Zum Glück tun sie das ja nicht, und erklären ein Jahr nach dem Anderen mindestens zum Krisenjahr X.

Auf die Frage: „Wie beurteilen Sie die politische Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren?“ bekommt man ganz herrliche Antworten. Häufig spielen diese Antworten auf eine vermeintliche Verrohung des gesellschaftlichen Klimas im Inland an, auf gierige Banker und Konzernchefs, angeblich steigende Gewalt durch „kriminelle Ausländer“ und eine verlorene Jugend, aber auch auf eine vom Elbflorenz ausgehende Renaissance der politischen Rechten. In „der Welt“ sieht es aus diesem Blickwinkel nicht besser aus. Man erhält den Eindruck Kriege überzögen das Erdenrund, die internationale Ordnung könnte jeden Moment zusammenbrechen, der politische Islam, China, Russland oder der internationale Faschismus stünden kurz vor der Weltherrschaft, und wir seien zu schwach diesen Herausforderungen zu begegnen. Man hatte uns doch Ruhe versprochen! War der „Sieg“ über den Sowjet-Kommunismus nicht das Ende der Geschichte?

Sind dies nun alles Anzeichen für eine pervertierte Form von Fukuyamas Trugschluss? Unser Fin-de-Siècle? Meines Erachtens nicht. Für mich sind diese Aussagen – am Stammtisch ebenso wie am Rednerpult im Reichstag – Ausdruck von fehlendem Mut, Voreingenommenheit und mangelndem historischen Bewusstsein. Unsere Öffentlichkeit neigt dazu, Realität entweder mit der Illusion historischer Stagnation oder einem zyklischen Geschichtsbild zu vergleichen.

Der populäre Evolutionspsychologe Steven Pinker hat 2011 ein bemerkenswertes Buch veröffentlicht: The Better Angels of Our Nature. Darin beschreibt er die außergewöhnliche Entwicklung menschlicher Gewalt in den letzten beiden Jahrhunderten. Das 21. Jahrhundert hat bislang das friedlichste Jahrzehnt der menschlichen Geschichte seit den ersten Aufzeichnungen hervorgebracht. Es mag zynisch sein, darauf zu verweisen, aber im syrischen Bürgerkrieg sind bisher weniger Menschen gestorben als zwischen dem 21.02. und 18.12.1916 auf einem Feld bei Verdun oder während der mongolischen Eroberung Bagdads im Jahr 1258. Das macht keinen einzigen Toten weniger tragisch, verdeutlicht aber die Dimensionen von Krieg, mit denen wir heute konfrontiert sind. Gewaltige Feldzüge mit millionenstarken Heeren und Gefallenenlisten scheinen äußerst unwahrscheinlich geworden zu sein, trotz deutlich gestiegener Mobilisierungsmöglichkeiten. Weniger die Intensität, als die enorme Länge und Zähigkeit zeichnen heutige Konflikte aus. Und zugleich werden solche Konflikte bei weitem nicht mehr so einfach hingenommen.

Auch im Inland ist die Angst vor Gewalt zwar nicht unbegründet, aber definitiv weniger berechtigt als noch am Anfang des Jahrtausends. Gewaltkriminalität in Deutschland ist abgesehen von einigen Problemvierteln in den Großstädten heute weitaus weniger verbreitet als in der Hochphase der 1980er Jahre, und stagniert auf die Proportion bezogen auf dem Niveau der 1960er. Von einer Welle der Gewalt zu sprechen wäre unangemessen – im Inland als auch mit Blick auf die Welt.

Tatsächlich bezieht die um sich greifende Angst sich aber wohl auf ein wachsendes Gewaltpotential. Nach einer Studie im Auftrag der R+V Versicherung aus dem Jahr 2016 sind Terrorismus und politischer Extremismus die größten Ängste der Deutschen. Terrorismus ist schockierend, er hat sein Ziel wie die Umfrage andeutet allerdings schon erreicht: Angst. Wirklich gefährdet sind wir nicht, zumindest solange die Terroristen unorganisierte Laien und nicht disziplinierte Kämpfer sind. Europa bleibt der Nebenschauplatz verschiedener Konflikte in mehrheitlich muslimischen Ländern, in denen Terrorakte aus verschiedenen Gründen „klassische“ Landkriege ergänzen. Vor allem aber ist er kein neues oder völlig unerwartetes Phänomen. Kippt er wirklich „die Welt“ – sprich den Westen – aus ihren Fugen?

Das historische Fundament (bzw. die Fugen?) auf dem Deutschland und Europa gebaut sind ist komplex. Liberale Demokratie, Marktwirtschaft, und Solidarität unter Demokratien – über die Ozeane hinweg. Wir beobachten momentan eine gewisse Erosion dieses Fundaments. Seine Stärke liegt aber nicht in seiner Unangreifbarkeit, sondern in seiner Unvermeidlichkeit. Das Sprachbild des Fundaments wird gerne gebraucht, eignet sich aber nicht wirklich, um das komplexe Universum moderner Demokratien zu erfassen. Nichts ruht auf diesem Fundament! Wir leben in einer Idee.

Vertreter einer historischen Theorie des Zivilisationszyklus – wie Stephen Bannon oder Björn Höcke – glauben den baldigen Untergang der westlichen Kultur, von Rassisten fatalerweise mit den Weißen gleichgesetzt, erahnen zu können. Sie verstehen aber nicht, was die Fugen tatsächlich sind. Diese bestehen nicht aus rassischer Superiorität, Männlichkeitskulten, Religion, oder wirtschaftlicher Dominanz. Nicht deshalb ist Europa immer noch erfolgreich, obwohl manche dieser Eigenschaften früher sicherlich auschlaggebend waren. Die eigentliche Voraussetzung für den Westen ist in jedem frei denkenden, philanthropischen Individuum angelegt. Obwohl der Begriff des Westens jahrhundertelang für die europäisch-atlantische Kultur und deren Weltmacht stand, kann man ihn heute als offenes Haus für Menschen aller Kulturen verstehen. Er beschränkt sich auch nicht geographisch auf sein Ursprungsgebiet. Stattdessen ist er doch längst in vielfältiger Ausprägung zum Sehnsuchtsobjekt von Menschen jedes Hintergrunds geworden, an dem sich Gruppen und Individuen in begrüßender oder ablehnender Weise abarbeiten; eine Oikumene für die Angekommen, ein Shangri-La der Sehnsüchtigen. Ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand ist ein unvergleichliches Versprechen und fordert engstirnige Misanthropen in aller Welt heraus.

Wenn deutsche Politiker und Intellektuelle glauben, diese westliche Welt stünde davor aus ihren Fugen zu kippen, dann missverstehen sie eben meiner Meinung nach diese enorme Wirkung westlicher Kultur. Natürlich erschrecken einen die Wahl Donald Trumps und das Referendum in Großbritannien. Man ist vielleicht angewidert vom lodernden Nationalismus russischer und türkischer Bürger. Aber die Ideen des Liberalismus sind da und werden bleiben, werden stören, inspirieren und provozieren. Angesichts der vielfachen Herausforderungen, vor denen wir tatsächlich stehen ist die Gewissheit der Richtigkeit westlicher Prinzipien von grundsätzlicher Bedeutung. Die Welt kippt aus den Fugen, wenn wir auf die Defätisten und Relativisten hören. Man könnte nun einwerfen, dass genau das doch in den USA, der Türkei, und den meisten Ländern dieser Welt passiert. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Wahl Donald Trumps, der Austritt Großbritanniens und die antidemokratischen Tendenzen in vielen Ländern der europäischen Peripherie eben nicht das Werk einer mehrheitlich anti-liberalen (Wahl-)Bevölkerung sind, sondern die letzten Versuche, ebendiese Transformation der westlichen Staatenwelt zu verhindern. In den USA (25,5%), Großbritannien (35,9%), Polen (22,2%) und Ungarn (40,2%) waren es Minderheiten, die Rechtspopulisten und Nationalisten ins Amt beförderten, beziehungsweise unterstützen. Was wir erleben ist eher ein zweiter – wenn auch verquerer – Vormärz, als die Geburt einer rechten Internationalen. Dem zwanghaften Versuch einer reaktionären Minderheit liberale Errungenschaften zurückzusetzen die Menschen in vielen dieser Länder, aber auch auf anderen Kontinenten, mit wachsendem Erfolg durch Proteste und Initiativen entgegen. Ob dadurch die Abtreibung in Polen legal, das Internet in Ungarn frei, Großbritannien europäisch oder in den USA die Religions- und Pressefreiheit gewährt bleibt – alles Anzeichen einer erwachten Gegenkultur. Und Anzeichen einer langsamen aber steten Entwicklung in diese Richtung gibt es überall, auch wenn Rückschläge ernüchtern.

Aber es gab auch großartige Nachrichten in den vergangenen Monaten: Kolumbiens Bürgerkrieg ist dank zivilgesellschaftlicher Initiative und gemeinsam mit dem Internationalen Gerichtshof als Mediator beendet worden. Der gambische Diktator Yahya Jammeh wurde durch die Staaten der ECOWAS Gruppe zum Rücktritt und der Anerkennung des Wahlergebnisses gezwungen. Überall auf dem Kontinent bilden sich regionale Kooperationen, und verschränken sich Bürgerrechtler und Demokraten über Staats- und Kulturgrenzen hinweg. In Myanmar hat sich die demokratische Regierung stabilisiert, und Frieden in der Provinz Rakhine scheint möglich. In der ASEAN Gruppe ist die Mehrheit der Staaten nun demokratisch!

Fantastische 93% der fünf- bis zehnjährigen Kinder auf diesem Planeten lernen lesen und schreiben! Eine unglaubliche Steigerung in den letzten Jahrzehnten. Die Menschheit ist so gesund, gebildet, frei, und reich wie nie zuvor.

Außerdem haben wir es als Spezies geschafft im letzten Jahr zum ersten Mal seit der industriellen Revolution vor 150 Jahren die CO² Emissionen nicht zu steigern. Mit der Einigung von Paris haben sich zudem die wichtigsten Industriestaaten zum ersten Mal gemeinsam auf verbindliche Klimaschutzziele geeinigt. Erneuerbare Energien wachsen in einer solchen Schnelligkeit, dass die Internationale Energieagentur ihre Prognosen drastisch korrigieren musste.

Die Welt verändert sich also, selbstverständlich. Ein amerikanischer Präsident mag angsteinflößend sein, doch er ist ein Mann der Reaktion. Schaut auf die Menschen, deren Wirken millionenfach das Heim der Menschheit aufwerten. Auf deren Arbeit Menschen wie Donald Trump oder Wladimir Putin – gefangen in ihrer engen Weltsicht – mit Unverstand blicken. Was sagt es über uns aus, dass wir erst jetzt, nachdem die Potentaten der Reaktion agieren, anfangen uns über Veränderung ernsthafte Gedanken zu machen?

Mehr Mut muss die Devise sein. Um es mit Victor Hugo zu sagen: „Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance“.

Punkt.

 

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