“Eigentlich sind wir nach wie vor im Krieg“

Aufnahme vom Runden Tisch 1989, die im European Solidarity Center in Danzig ausgestellt wird (Quelle: privat)

Das Attentat auf den Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz hat die Zerrissenheit Polens auch in Deutschland wieder in die Schlagzeilen gespült. Ich bin in Polen unterwegs gewesen, um mit Menschen aus allen Ecken des politischen Spektrums über Erinnerungspolitik zu sprechen. Auf meiner Reise habe ich einen Blick in den Alltag zweier sehr gegensätzlicher Danziger Kulturinstitutionen werfen können.

Danzig mit der Westerplatte, auf welcher der Zweite Weltkrieg begann, und ihrer Werft, wo sich die Solidarność-Gewerkschaft gegründete, ist eine Stadt, in der das Ringen um den Umgang mit der Vergangenheit spürbar ist. Versinnbildlicht scheint dieser Konflikt in den beiden größten Danziger Kulturinstitutionen: Dem Museum des Zweiten Weltkriegs, seit Kurzem unter der Leitung des von der Regierung eingesetzten Karol Nawrocki, und dem European Solidarity Centre als Zentrum europäischen, liberalen Denkens.

In Danzig treffe ich Andrzej Potocki. Er ist ein großer Mann Mitte fünfzig, trägt Militärweste, Sonnenbrille und schwere Stiefel. Andrzej erwartet mich mit einem breiten Lachen und schenkt mir eine Ausgabe Mr Cogito Seeks Advice des polnischen Lyrikers Zbigniew Herbert. Ich habe ihn auf einem Weiterbildungsseminar der rechten Zeitung Gazeta Polska in Duszniki Zdrój kennen gelernt. Er ist Journalist für zahlreiche rechtsnationale Blätter und begeisterter PiS-Anhänger. Gemeinsam wollen wir das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig besuchen. Andrzejs Meinung nach zeigt das Museum nun, seitdem es eine neue Leitung hat, endlich die „richtige“ Version der Geschichte.

Wir betreten das Museum und müssen eine Weile warten, bis wir in die Ausstellung hineinkommen. Schülermassen drängen sich durch die großzügigen Hallen, die an Yod Vashem, die Erinnerungsstätte des Holocausts in Jerusalem erinnern. Andrzej erklärt, bis zum Wechsel des Direktors, habe das Ziel der Ausstellung darin bestanden, den Besuchern zu vermitteln, dass der Nationalismus den Weltkrieg ausgelöst habe. Außerdem sollte dem Besucher eingeredet werden, dass die Polen Antisemiten seien. Ereignisse wie jenes von Jedwabne wurden dafür, so Andrzej, als historische Tatsachen verkauft. In dem Dorf Jedwabne wurde 1941 die jüdische Bevölkerung in eine Scheune gesperrt und von ihren polnischen Nachbarn unter Aufsicht der Nazis verbrannt. Laut Andrzej ist diese Geschichte pure Ideologie: Weder habe der Nationalismus den Krieg ausgelöst, noch seien irgendwelche Beweise gesichert, dass die Polen Antisemiten waren oder Jedwabne stattgefunden habe. Von der Darstellung dieser unbestätigten Vermutungen als Tatsachen sehe das Museum nun endlich ab – anders als zuvor. Vor dem Wechsel habe sich die Museumsdirektion von einer „political correctness“ und nicht von einer Korrektheit der Fakten leiten lassen. Ausserdem lag der Schwerpunkt damals zu sehr auf dem Leiden der Bevölkerung und nicht auf polnischen Heldengeschichten. „Warum interessieren wir uns denn für Geschichte und gehen ins Museum?“, fragt mich Andrzej. „Ja wohl nicht, um zu erfahren, dass Krieg auch Leid verursacht. Wir wollen etwas über uns, unsere Helden erfahren und stolz sein können!“

Dieser Idee folgend wurde die Ausstellung stückweise umgebaut. Die Abteilung über Jedwabne wurde gestrichen, dafür aber mehr Raum für die Heldentaten der „Vergessenen Soldaten“ geschaffen. Die Nachstellung einer polnischen Straße Ende der 30er-Jahre wurde von Hinweisen auf eine antisemitische Gesinnung der Bevölkerungen befreit. Vorher klebten judenfeindliche Plakate an den Wänden und waren antisemitische Bücher in den Schaufenstern zu sehen sowie Boykottaufrufe Kauft nicht bei den Juden – davon gibt es nun weniger. Jetzt sind die richtigen Proportionen wiederhergestellt, findet Andrzej.

Die Ausstellung schließt mit einem Kurzfilm in Computerspielgrafik, die mich sehr and World of Warcraft erinnert. Die Geschichte des polnischen Widerstands seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird in drei Minuten zusammengefasst. Es ist eine Aneinanderreihung von Darstellungen muskulöser polnischer Soldaten. Sie kämpfen gegen immer gleich aussehende Feinde, die sie aus dem Hinterhalt überfallen. Der Film endet mit dem Fall der Sowjetunion, der Ankündigung, dass der zweite Weltkrieg nun beendet sei und den Worten We Prevail.

Andrzej hat ein Treffen mit dem Pressesprecher des Museums arrangiert. Dieser betont, dass es der Sozialismus und nicht der Nationalismus gewesen sei, der beide Weltkriege ausgelöst habe. Vor dem Wechsel der Leitung habe sich das Museum dem Diktat einer europäischen Perspektive unterworfen. Nun ginge es wieder darum, die polnische Perspektive zu zeigen. Dieser Perspektive nach sei die Krankheit eindeutig der Sozialismus, der Nationalismus hingegen die Medizin. Als ich ihn frage, warum das Video in der Ausstellung das Ende des zweiten Weltkrieges mit dem Fall der Sowjetunion gleichsetze, erwidert er, dass der Mai 1945 nur ein Wechsel des Besatzers, aber nicht das Ende des Krieges markiere. Und dann betont er noch: “Eigentlich sind wir nach wie vor im Krieg”.

Ich verlasse das Gebäude. Mir ist schwindelig.

Meine nächste Station ist das European Solidarity Center (ESC). Als Erinnerungsort für die Solidarność-Bewegung war es ursprünglich als Gegenpart des Museums des Zweiten Weltkriegs gedacht. Doch die beiden Einrichtungen haben seit dem Wechsel der Direktion des Weltkriegsmuseums nichts mehr miteinander zu tun. Da das ESC durch eine Kooperation zwischen der Stadt Danzig, dem Kultusministerium, der Region und der EU gefördert wird, schaffte es die Regierung bisher nicht, den Leiter des ESC, Basil Kerski, abzusetzen. Dieser setzt sich lautstark für eine pro-europäische liberale Zivilgesellschaft ein und gründete am ESC ein Zentrum für die Unterstützung von Immigranten in Danzig.

Nach dem vollgepackten und in vielerlei Hinsicht bedrängenden Museum des Zweiten Weltkriegs ist das ESC ruhig, leer und lichtdurchflutet. Die Dauerausstellung stellt die Geschichte der Solidarność-Bewegung im europäischen Kontext dar. Sie beschreibt deren Anfänge als Arbeiteraufstand in der grossen Danziger Werft, ihre Rolle beim Fall der Sowjetunion, ihre Führungsfiguren am Runden Tisch und die verschiedenen politischen Richtungen, die diese später einschlugen. Sie endet mit einem Appell an jeden Einzelnen, sein kritisches Urteilvermögen zu wahren und sich gegen jede Form der Unterdrückung und des Autoritarismus zu stellen. Vor allem öffnet sie den Blick auf eine europäische Zukunft, die nur durch ein gemeinsames europäisches Erinnern möglich wird. Alle Besucher sind aufgefordert, ihre Wünsche für die Zukunft Polens und Europas aufzuschreiben und aufzuhängen. Die rotweißen Notizkarten bilden zusammen ein Wort: Solidarität. Die letzten Sätze meines Audioguides lauten: „Die Ziele der Solidarność-Bewegung waren Freiheit, Würde und Gleichheit. Diese Lektion hat die Menschheit immer noch zu lernen.“

Leider hatte keiner der ESC-Mitarbeiter Zeit, sich mit mir zu treffen. In der Kantine begegne ich einem Tourguide und versuche, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. „Es sollte voll hier sein“, meint dieser traurig. Aber die Geschichte der Solidarność sei schon immer schwierig zu vermitteln gewesen. Seit 2015 hätten die Besucherzahlen am ESC besorgniserregend abgenommen. Er erzählt mir außerdem, die ESC-Leitung habe alle Hände voll mit von der Regierung verordneten Betriebsprüfungen zu tun. Sobald diese Prüfer eine falsch abgerechnete Cola-flasche in der Bilanz fänden, habe die Regierung das Recht, in die Organisation des ESC einzugreifen.

Das Treffen mit Andrzej Potocki ließ mich sprachlos zurück. Frustriert darüber, seiner Argumentation im Moment der Begegnung so wenig entgegengesetzt zu haben, wird mir bewusst, wie wenig ich in der Lage bin, mit Situationsintelligenz aus einer kritischen Haltung heraus gegen Geschichtsklitterei anzugehen. Es fehlt mir an Gespür für die wunden (und damit manipulierbaren) Punkte der Vergangenheit Polens – die Besatzung erst durch die Nazis, dann durch die Sowjets, die darauffolgende alles umwälzende Transformationszeit und den Prozess der europäischen Integration. Dabei ist ein Gespür sowohl für die Traumata der Nazi- und Sowjet-Besatzung als auch die Verwirrungen und Erfolge der Transformationszeit essentiell, um die gegenwärtigen erinnerungspolitischen Debatten in Polen zu verstehen.

 

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