Die Musik steht der Musik im Weg

In der Luftschiffkappelle kann Julius noch immer auf höchstem Niveau für sich und alle Kommilitonen Saxophon spielen.

Verkannte, versteckte und große Talente stecken hinter den verschiedenen Abkürzungsstudierenden der ZU. Und was passiert mit den Zweitleidenschaften, wenn man einmal hier ankommt? Die Antwort liegt zwischen Karriere und Kompromissen – wie auch bei Julius, Mitglied der Luftschiffkappelle und CCM-Student im 4. Semester.

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Warum ich mich gegen den Weg des Berufsmusikers entschied

Fast alle Menschen finden auf die eine oder andere Weise zu der Musik, ganz gleich, ob sie bloß zuhören oder sie selbst machen. Musik ist eine Konstante, mit der sich jeder auf irgendeine Weise verbunden fühlt. Kreuz und quer oder beständig, laut oder leise, melancholisch oder bombastisch, Dubstep oder Klassik; die Musikgeschmäcker könnten nicht unterschiedlicher sein und dennoch lassen sich die verschiedenen Genres auf ein und denselben Ausgangspunkt zurückführen: Der Begeisterung des Menschen für rhythmische, raffiniert komponierte Klänge. Doch diese Klänge sind nur so gut, wie die diejenigen, die sie erzeugen. Musik wird nämlich erst in der individuellen Interpretation des Instrumentalisten lebendig; ohne den Musiker wäre jede Faszination an der Musik hinfällig.

Vor fast 14 Jahren habe ich damit begonnen, Saxophon zu spielen, habe gelernt, selbst mit der Musik, die mich begeistert, andere zu begeistern. Das Musizieren ist in dieser Zeit zu meiner primären Leidenschaft geworden. Angefangen im Alter von 4 Jahren an dem Instrument, mit dem schlechterdings jeder angehende Musiker seinen ersten Bezug zur Grundpraxis der Musik erhält, der Blockflöte, über den Findungsprozess eines „echten Instruments“, bis hin zum Beginn des wöchentlichen Saxophonunterrichts in der lokalen Musikschule. Mit der Zeit zeichnete sich zu meiner Freude ein gewisses Talent für die Handhabung dieses Instruments ab und ich begann zum ersten Mal darüber nachzudenken, ob eine akademische Musikausbildung und eine Musikerkarriere für mich das richtige sein könnte. Im ersten Moment hörte sich diese Idee auch sehr aussichtsreich an; ich würde mein liebstes Hobby zu meinem Beruf machen, träfe musikalische Ikonen meiner Jugend und hätte eine Ausbildung vor mir, zu dessen erfolgreichem Abschluss ich die meisten Bedingungen schon mitbrächte.

Doch die Realität sieht leider anders aus. „Die Musik ist eine brotlose Kunst“ ist das Hauptargument gegen das professionelle Musizieren und tatsächlich, wie in fast jeder Form der Kunst, fällt es den meisten Musikern sehr schwer, von ihrem Handwerk zu leben. Ausgebildete Instrumentalisten, die ihr Schaffen auf das reine Musizieren beschränken, haben es besonders schwer. Zwar gibt es Künstler, die heute den meisten Menschen ein Begriff sind, sich auf der Bühne so sehr profiliert haben und ihre Auftritte so regelmäßig und zu so guten Konditionen gespielt werden, dass sie von den Gagen leben können, doch so eine Karriere ist nur sehr wenigen Musikern vergönnt. Um so einen Status zu erreichen, bedarf es eines sehr großen Talents, auf das die Musikwelt schon sehr früh aufmerksam wird. Durch selektive Förderung oder gewonnene Wettbewerbe kann sich ein Musiker durchaus profilieren, Wettbewerbe wie Jugend Musiziert werden nach erfolgreicher Teilnahme oftmals als Sprungbrett in die Öffentlichkeit der Musikszene genutzt. Ich selbst habe an diesem Wettbewerb teilgenommen und auch gewonnen, die zwei großen Tageszeitungen der Region veröffentlichten Artikel über meine erfolgreiche Teilnahme und tatsächlich begannen sich Angebote für Auftritte mit meinen Ensembles zu häufen. Aber wie es in dieser Branche üblich ist, hielt dieser Höhenflug nicht sehr lange an. Schon nach einem halben Jahr war die Aufmerksamkeit verflogen und die Musikwelt hatte mich wieder vergessen.

Genau da liegt das große Problem der modernen Musikszene: Als Instrumentalist ist es fast unmöglich, mit einer Solodarbietung noch zu begeistern oder zu überraschen. Die Möglichkeiten, die einem bleiben, sind entweder herausragendes Talent, mit dem man sich effektiv gegen eine überwältigende Konkurrenz durchzusetzen vermag, wie es Jonas Kaufmann schaffte oder die Idee, die hinter dem musikalischen Schaffen steht, ist so ungewöhnlich, interessant und vor allem einzigartig, dass die Musikwelt zwangsläufig aufmerksam werden muss. David Garrett hat beispielsweise mit seiner Crossover-Musik von Klassik und Rock solch ein Kunststück bewältigt.

Natürlich gibt es noch die Möglichkeit, sich in Besetzungen wie einer Big Band oder Orchestern als Musiker zu etablieren und auch so seinen Lebensunterhalt zu verdienen, allerdings gilt auch hier, dass ein gesichertes und auch angemessen hohes Gehalt nur dann möglich ist, wenn das Ensemble sich in einer Trägerschaft des öffentlichen Rechts, wie der WDR Big Band oder eines Landes, wie den Berliner Philharmonikern, befindet. Ensembles in privater Trägerschaft sind höchst selten und noch viel seltener wirklich erfolgreich. Natürlich können Plattenlabels solchen Ensembles zu Bekanntheit verhelfen, doch auch die Labels müssen erstmal auf die oder den Musiker aufmerksam werden. Ensembles wie die WDR Big Band können sich natürlich weiterhin aussuchen, wen sie als Mitglied, gemessen an musikalischer Kompetenz und besonders im Falle der Berliner Philharmoniker, sozialer Kompatibilität, akzeptieren. Mit anderen Worten herrscht auch hier eine gewaltige Konkurrenz, die es Instrumentalisten sehr erschwert, aus ihrer Leidenschaft ohne Weiteres einen Beruf zu machen.

Zusammengenommen habe ich mir über all diese Faktoren viele Gedanken gemacht, habe abgewogen, was ich bereits erreicht habe und was ich noch erreichen müsste, um von meinem Hobby leben zu können. Denn auch, wenn ich viel Auftritts- und Praxiserfahrung in eine akademische Musikausbildung mitbringen würde, so wäre es letztendlich sehr ungewiss, wo der Weg mich hinführen würde. Wenn nämlich die Chance verpasst wird, sich als Solokünstler in der Musikwelt zu beweisen, so bleibt einem nichts Anderes übrig, als den Beruf eines Musiklehrers zu ergreifen und zumindest im Raum Münsterland steht diese Profession unter keinem guten Stern. Den Musikschulen laufen sowohl die Schüler, als auch konsequenterweise die Lehrer aufgrund fehlenden Interesses und zu schlechter Bezahlung weg. Die Aussicht, potenziell in einer Branche zu arbeiten, deren Zukunft so ungesichert ist, hatte auf mich eine sehr abschreckende Wirkung. Es ging mir dabei weniger um die schlechte Bezahlung, die damit einhergehen würde, sondern die geringen Möglichkeiten, mich als Künstler zu verwirklichen. Mein damaliger Saxophonlehrer aus der Schulzeit wurde von seinen zwei (!) Lehrstellen, die 200 Kilometer voneinander entfernt lagen, so sehr vereinnahmt, dass er als Instrumentalist sich nur noch auf das Lehren beschränkte. Eigene Gigs, geschweige denn überhaupt der Versuch, in einer eigenen Band zu spielen, waren ihm absolut unmöglich. Ich halte ihn bis heute für einen der fähigsten Musiker, mit denen ich je gespielt habe, und zu sehen, wie ein so passionierter Instrumentalist sein Talent nicht zeigen kann, da ihn eben dieses an seinen vereinnahmenden Job bindet, hat mir sehr zu denken gegeben.

Ich bin letztendlich zu dem Entschluss gekommen, dass ich meine Zukunft nicht in der Musik sehe, zumindest nicht im Orchestergraben oder auf der Bühne. Die Gefahr, dabei seine Kunst des Geldes wegen aufzugeben war mir zu hoch. Als weiterhin aktiver Instrumentalist kann ich meine Musik ohne Druck weiterhin ausleben und natürlich verdiene ich auch damit einen gewissen Betrag, der mir als Student oftmals recht zu Gute kommt, doch davon zu leben und meine Karriere zu gründen? Nicht mit mir!

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