Die Medien und der Nahe Osten: Böser Bube Israel?

Zwischen Krieg und Frieden, Aggressor und Verteidiger liegt oft nur ein Blickwinkel. Jakob und Christopher plädieren für ausgeglichenere Berichterstattung.

Kein Land der Welt ist im Verhältnis zu seiner Größe medial so präsent wie das kleine Israel. Zuletzt war die israelische Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland Gegenstand umfangreicher Berichterstattung in Deutschland.
Letzte Woche berichteten wir unter Anderem von den deutsch-israelischen Beziehungen in den Augen Richard Schneiders. Doch was sagen eigentlich ZU-Studenten vor Ort? Jakob und Christopher haben seit Oktober 2016 im Rahmen ihres Auslandssemesters am IDC Herzliya Eindrücke gesammelt und regen zu einem differenzierteren Blick auf Israel an.

„Machst Du das freiwillig? Ist es dort überhaupt sicher?“ – Fragen wie diese wurden seitens unserer Freunde und Bekannten immer wieder aufgeworfen, nachdem wir uns für Israel als Ort unseres Auslandssemesters entschieden hatten. Um es vorweg zu nehmen: Einer ständigen Bedrohungssituation, wie sie in Deutschland oft vermutet wurde, haben wir uns in den vergangenen vier Monaten zu keinem Zeitpunkt ausgesetzt gefühlt. Im Gegenteil, aus unserer Sicht ist das Leben hier sicher. Zudem ist die israelische Lebensart von einer inspirierenden und ansteckenden Vitalität geprägt, die einen durchaus willkommenen Kontrast zum eher gemächlichen Leben in Friedrichshafen darstellt.

Das Bild, das wir vor unserer Ankunft von Israel und dem Nahost-Konflikt hatten, war geprägt durch die relativ israelkritische deutsche Medienberichterstattung. Mit fortschreitender Dauer unseres Aufenthalts ließ sich jedoch immer wieder eine gewisse Diskrepanz zwischen jenem in Deutschland medial vermittelten Bild und unseren eigenen Eindrücken beobachten. Konkret wird sich hinsichtlich aktueller innenpolitischer Entwicklungen in Israel aus unserer Sicht auf einen kleinen und nicht wirklich repräsentativen Teil der israelischen Gesellschaft fokussiert. Speziell im Kontext der israelischen Siedlungspolitik stehen häufig die Lebensrealitäten und gesellschaftspolitischen Forderungen der jüdischen Siedler im besetzten, überwiegend palästinensisch-bewohnten Westjordanland im Vordergrund. Keine Frage, diese verdienen mediale Aufmerksamkeit; jedoch entsteht so ein stark verzerrtes Bild Israels in Deutschland. Anders als dieses Bild vermuten lässt, ist der überwiegende Großteil der israelischen Gesellschaft, sowohl säkulare, als auch religiöse Israelis, mit Blick auf die Zukunft an einem respektvollen und friedlichen Austausch mit den Palästinensern interessiert. Nicht wenige betrachten die Folgen der Siedlungspolitik ihrer Regierung ähnlich kritisch wie die internationale Gemeinschaft – mediale Aufmerksamkeit wird diesem Teil der Bevölkerung aber kaum zuteil.

Darüber hinaus wird eben jene Siedlungspolitik sowohl in Deutschland, als auch von der internationalen Gemeinschaft immer wieder für die Stagnation der Friedensbemühungen verantwortlich gemacht und als Haupthindernis für eine nachhaltige Lösung des Nahost-Konflikts angesehen. Sicherlich, die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland ist kritikwürdig und trägt nicht zu einer Annäherung beider Seiten bei. Aus ihr jedoch – wie medial oft vermittelt – ein grundsätzliches Desinteresse des israelischen Staates an jeglichen Friedensbemühungen abzuleiten, ist ein zu vereinfachender Ansatz. Hierdurch werden nicht zuletzt jegliche israelischen Annäherungsbemühungen negiert, die es in den vergangenen 20 Jahren gegeben hat, aus unterschiedlichen Gründen aber nie zum Ziel geführt haben.

Grundsätzlich fällt auf, dass die Politik Israels durchgehend auf enormes internationales Echo stößt. Ob von nationalstaatlichen Regierungen oder internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen, immer wieder sah und sieht sich Israel großer Kritik ausgesetzt. Dass Kritik, insbesondere im Hinblick auf Israels Besatzungspolitik, durchaus angebracht und legitim sein kann, steht hierbei außer Frage. Insgesamt kann man sich jedoch dem Eindruck einer gewissen Unverhältnismäßigkeit internationalen Interesses nicht entziehen. So hat etwa der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen seit seiner Gründung 2006 in Summe mehr Resolutionen gegen Israel verabschiedet als gegen alle anderen verurteilten Länder zusammen. Abgesehen von einer unter Menschenrechtsgesichtspunkten durchaus fragwürdigen Zusammensetzung dieses Gremiums , kann die überproportionale Kritik an Israel nicht ausschließlich im Vorgehen Israels selbst begründet sein – vielmehr liegt der Verdacht nahe, dass im Umgang mit Israel eine Doppelmoral der internationalen Gemeinschaft existiert. Diese trägt nicht zuletzt zum medialen Bild Israels als Aggressor bei, der durch vermeintlich rücksichtsloses Handeln seine dominante Stellung auf Kosten der Palästinenser und des zukünftigen Palästinenserstaates auszuweiten scheint.

Was in der medialen Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt hingegen häufig zu kurz kommt ist eine Miteinbeziehung der Rolle der palästinensischen Seite. Um eine Lösung des Konfliktes und eine Annäherung an das Ziel eines selbstständigen Palästinenserstaates zu erreichen, bedarf es nicht nur der Bereitschaft zu Zugeständnissen seitens Israels, sondern auch dem Annäherungswillen der Palästinenser. Voraussetzung hierfür ist auch ein gesellschaftlicher Konsens innerhalb der palästinensischen Bevölkerung. Insbesondere die Uneinigkeit zwischen den beiden wichtigsten politischen Akteuren Fatah und Hamas hat in den letzten Jahren mit dazu beigetragen, dass keine spürbare Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehung erreicht werden konnte. In diesem Zusammenhang sollte gerade eine an Frieden interessierte deutsche Gesellschaft um eine ausgeglichene, den gesellschaftlichen Realitäten entsprechende Position bemüht sein. Ebenso wie kritikwürdiges israelisches Verhalten, verdienen auch die ständigen Aggressionen und die das Existenzrecht Israels negierende Rhetorik seitens der palästinensischen Hamas und des Iran deutliche internationale Missbilligung. Nicht vergessen werden sollte, dass sich Israel auch im Jahr 2017, bald 70 Jahre nach seiner Staatsgründung, mit einer besonderen Situation konfrontiert sieht. Mit Syrien und dem Libanon verweigern zwei seiner vier Nachbarstaaten Israel jegliche diplomatischen Beziehungen. Hierbei legitimiert die Bedrohungssituation, der Israel ausgesetzt ist, keinesfalls eine internationale Sonderbehandlung, sie darf allerdings – genauso wie die Geschichte des jüdischen Volkes – bei der Beurteilung israelischen Verhaltens niemals übergangen werden.

Nach vier Monaten in Israel verlassen wir das Land mit einem differenzierteren Blick auf den hiesigen Konflikt. Es wäre dem Wunsch nach Frieden unserer Meinung nach nur zuträglich, wenn sich auch der gesellschaftliche Diskurs in Deutschland mehr an Ausgeglichenheit und weniger an einem Schwarz-Weiß-Denken orientieren würde. Wir jedenfalls sind zuversichtlich, dass die internationale Gemeinschaft durch eine differenziertere Sichtweise langfristig zur wünschenswerten Verbesserung der Situation im Nahen Osten beitragen kann.

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