„Die Klitoris macht Männer impotent“

Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte schützt das Recht jeder Frau und jedes Mannes auf Leben, Freiheit und Sicherheit und soll die körperliche Unversehrtheit sicherstellen. Dennoch sind weltweit mehr als 200 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Ein Randthema, besonders in Deutschland. Und das, trotz einer wachsenden Minderheit, die auch hierzulande betroffen ist. Zu Gast beim Global Talk des Club of International Politics war Juliane von Krause, langjährige Terre des Femmes-Vorständin und engagiert im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Von Eva Glandt und Louis Denart

Am 26. September fand in der Black Box der Global Talk des CIPs „Frauenrechte heute: Weibliche Genitalverstümmelung – auch ein Problem einer deutschen Minderheit?“ statt – ein Thema, welches gerade in Europa kaum Beachtung findet und bei Betroffenen mit großen Schamgefühlen verbunden ist. Und genau hier liege das Problem, so Juliane von Krause. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für Aufklärung und Prävention der „Female Genital Mutilation“ ein und erhielt 2016 das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement.

Doch worum handelt es sich bei Female Genital Mutilation, kurz FGM, überhaupt?

Die Genitalbeschneidung von Säuglingen, Mädchen und Frauen ist eine jahrtausendealte Praxis, deren Ursprung noch vor dem der großen Weltreligionen liegt. Heutzutage findet sie bei einigen afrikanischen und asiatischen Ethnien Anwendung, vornehmlich in muslimisch geprägten Ländern. Doch auch Teile anderer Religionsgruppen wie Christen oder äthiopische Juden praktizieren FGM.

Begründet wird die Praxis mit Aussagen, die Fassungslosigkeit auslösen. So wird die Beschneidung als Schritt auf dem Weg zur „richtigen“ Frau gesehen, sie soll die Jungfräulichkeit bis zur Hochzeitsnacht sichern und Untreue verhindern. Medizinisch fragwürdiger Aberglaube, wie, dass die Klitoris den Mann impotent machen könnte und daher entfernt werden müsse, herrschen weiterhin vor. Verweigern sich Frauen der Beschneidung, müssen sie die soziale Isolation fürchten, was vor allem die Suche nach einem Ehemann erschwert. Auch Frauen mit einem höheren Bildungsstand sind von dieser Problematik nicht ausgeschlossen. So erlebte von Krause einen Fall, bei dem eine studierte Mathematikerin glaubte, ihre Schwierigkeiten schwanger zu werden, resultierten aus der Tatsache nicht beschnitten zu sein.

Die Folgen des Eingriffs sind gravierend. Enormer Blutverlust und die Möglichkeit von Infektionen stellen akute Gesundheitsrisiken dar, die nicht selten zum Tod führen. Überlebende leiden oft ein Leben lang unter der traumatisierenden Erfahrung sowie einer eingeschränkten Gebärfähigkeit, Komplikationen während der Menstruation, dem Geschlechtsverkehr und der Geburt.

Terre des Femmes e.V. leistet politische Lobbyarbeit, betreut betroffene Frauen, kooperiert in praktizierenden Regionen mit lokalen Organisationen und hat erfolgreich Projekte angestoßen, zum Beispiel in Burkina Faso, wo Dorfgemeinschaften umfassend aufgeklärt werden. Mit Erfolg: Bereits 32.000 Mädchen und Frauen konnten so nachweislich vor dem Eingriff bewahrt werden.

Doch sie sind noch lange nicht am Ziel, denn FGM ist ein zunehmend globales Phänomen: Durch die Migration aus verschiedenen afrikanischen Regionen gelangt die Praxis nach Europa und macht sie zu einer realen Bedrohung für derzeit schätzungsweise mehr als 13.000 Mädchen allein in Deutschland.

Dies stellt auch die Politik vor eine große Herausforderung. Seit 2013 ist FGM weltweit verboten und ihre Durchführung mit Freiheitsstrafe bedroht. Doch daraus ergibt sich eine neue Problematik. Die – übrigens ausschließlich – Frauen, die den Eingriff vornehmen, halten sich im Verborgenen und Opfer erstatten keine Anzeige, da in den meisten Fällen Familienmitglieder involviert sind. Seitdem das Gesetz in Deutschland in Kraft getreten ist, kam kein einziger Fall vor Gericht.

Die Botschaft von Juliane von Krause ist deutlich. ÄrztInnen, LehrerInnen und SozialarbeiterInnen benötigen mehr Fachwissen rund um das Thema, müssen behutsam das Vertrauen der Frauen und ihrer Familien gewinnen und auch in Europa sicherstellen, dass offen über die Genitalverstümmelung gesprochen wird. Zum Beispiel mit dem EU-geförderten Projekt „CHANGE“, das Mädchen durch Aufklärung in den Diaspora-Communities schützen will.

CIP-Vorstandsmitglied Tobias Grünfelder führte routiniert durch den Abend. Neele Abt, ebenfalls CIP-Vorstandsmitglied, moderierte die an den Vortrag anschließende Diskussion, die, dem Thema entsprechend, emotional aufgeladen war.

Die Gäste, unter denen sich auch erfreulich viele Männer befanden, zeigten sich schockiert ob der physischen und mentalen Folgen für die Mädchen und Frauen und hatten viele Fragen. Drängt ein gesetzliches Verbot der Beschneidung durch Ärzte die Praxis nicht nur weiter ins Illegale und verschlimmert letztlich die Situation der Frauen? Welche Rolle spielt die Religion?

Fragen, die nachdenklich stimmten und die Gemüter so bewegten, dass am Ende nicht genug Zeit blieb, um alles zu beantworten. Dem Angebot, bei einem Abendessen mit dem CIP weiter zu diskutieren, kamen daher im Anschluss einige Gäste nach. Vielleicht ein erster Schritt dahin, dass FGM die nötige Aufmerksamkeit erhält, um es zu enttabuisieren und Betroffenen Hilfe zu ermöglichen.

 

Ihr wollt mehr zum Thema erfahren?

Mehr Informationen zu Terre des Femmes, Juliane von Krause und die verschiedenen Projekte findet ihr hier: https://www.frauenrechte.de/online/index.php https://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/weibliche-genitalverstuemmelung2

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