Die Gesellschaft & Wir: “Ohnmacht”

Pegida-Demonstranten im letzten Jahr: Was tun, wenn eine radikale Minderheit die Setzung kollektiver Werte beansprucht? Inzwischen hat die AfD den Kampfspruch der Rechten gekapert.

Bedrückende Unruhe, wie eisiger Wind im Gesicht. Wir können nichts daran ändern. Alles wird kalt. Um das Wetter geht es hierbei nicht. Nein, es ist ein Gefühl von Hilfslosigkeit, das der momentanen Schieflage des Menschenverstandes, der Irrationalität und der fehlenden Solidarität in unserer Gesellschaft entspringt. Es ist ein Gemisch aus Ratlosigkeit, mangelnder Einflussmöglichkeit und fehlender Gegenwehr, das nach und nach Angst aufkommen lässt. Die Angst, dass unsere Gesellschaft an einer Frage auseinanderbricht. Oder um es anders zu sagen: erst jetzt ein lang verborgendes, aber wiederkehrendes Gesicht zeigt. Ein Gesicht, das seit Jahrzehnten vehement verneint, nahezu verleugnet wurde.

Während bis vor ein paar Monaten wenige darüber nachgedacht hätten, so offen ihre politische Gesinnung und ihren Fremdenhass nach außen zu tragen, sind Rassismus und unbegründete Besorgtheit mittlerweile wieder salonfähig geworden. Warum denn auch nicht, wenn sogar Politiker großer Parteien festhalten, dass kulturelle und religiöse Differenzen nicht integrierbar sind, wenn „Wir schaffen das“ auf einmal eine Obergrenze besitzt? Warum nicht, wenn die CSU mit skurrilen Vergleichen und Vorschlägen auf Stimmfang geht, und De Maizière nach den Übergriffen in Köln rechtsstaatliche Prinzipien für Asylbewerber*innen und die Genfer Konventionen auf einen Schlag aushöhlen will?  Warum nicht?

Wie kann man eine Person von Argumenten überzeugen, wenn diese einem Blogeintrag mehr Glauben schenkt, als übereinstimmenden Daten von Ministerien und Studien?  Während ich darüber vor kurzem nur schmunzeln konnte, scheint die Anzahl derer Überhand zu gewinnen, die sich der „einfachen Lösung“ bedienen und dem jungen, männlichen Flüchtling die Schuld für ihre selbstverschuldeten Probleme geben (Kinder und Frauen werden in der Argumentation oft ausgenommen): im Netz, auf der Straße, im Bekanntenkreis. Das Produkt von Unwahrheit und emotional aufgeladener Argumentation lässt sich nicht widerlegen – zumindest nicht aus Sicht des Absenders. Ich kann nicht durch das Aufzeigen von Fakten vom Gegenteil überzeugen; die Resistenz ist zu groß. Außerdem ist ohnehin alles nur ein Produkt der Lügenpresse. Ungeachtet dessen, dass Medien und Politiker momentan verdammt viel dafür tun, diese Diskussionen zu erhitzen, sie zu instrumentalisieren und daraus Kapital zu schlagen, ruht mein Gefühl der Ohnmacht auf dem fehlenden Zugang zu genau diesen Menschen.

Gleichzeitig ist es ein blinder Aktionismus, der sich vermehrt in mir aufbaut und nur darauf wartet, herausgelassen zu werden. Irgendwas vermeintlich „Gutes“ tun, ein positives Zeichen setzen. Der Wunsch, dem Zustand entgegenzutreten und zu sagen: Wehret den Anfängen! Leider sind wir schon weit den Anfängen entfernt und befinden uns im Ungewissen. Was kann ich, was kann, und dessen muss man sich immer wieder vor Augen führen, der Großteil dem noch entgegensetzen. Die Ohnmacht entspringt aus Ratlosigkeit darüber. Die Gefahr zu erkennen und kein Mittel dagegen zu finden. Ironische Antworten auf Kommentare, um deren Lächerlichkeit herauszuheben. Demonstrationen für eine weltoffene Gemeinschaft. Alle bisher bekannten Instrumente wirken nutzlos gegen schwelende, tief verwurzelte, rassistische Ressentiments. Dabei kann es vorerst nur eine Lösung geben: Wir müssen aufhören, mit der Angst zu spielen. Nicht versuchen, bei uns nach Verständnis für die rechte Gesinnung zu suchen, sondern für Weltoffenheit und Toleranz einstehen. Bei jeder noch so kleinen Möglichkeit Grenzen aufzeigen und Aufklärung betreiben. Sich auch mal eine Stunde vor den Rechner setzen und den Internet-Trollen etwas entgegensetzen. Schmierereien in den Straßen und von Bahnen entfernen. Sich einmischen, wenn die besorgten Bürger all-montäglich ihr wahres Gesicht zeigen. Erst, wenn jeder Einzelne das momentane Gefühl der Hilfslosigkeit ablegt und aktiv wird, kann die kollektive Ohnmacht überwunden werden. Neuerdings schreibe auch ich wieder ironische Antworten auf Hass-Kommentare…

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