Die Flug-Häfler

In der Empfangshalle herrscht größtenteils Stille. Vereinzelt führen ein paar bepackte Passagiere leise Gespräche. Kaum zu überhören ist allerdings der Ruf der Sonne, der sie an diesem Tag an den Flughafen Friedrichhafen gelockt hat. Nach Gran Canaria soll es gehen, dem einbrechenden deutschen Winter noch einmal für ein paar Tage entkommen.

Dass hier heute etwas Betrieb herrscht, ist dieser Urlaubslust der Friedrichshafener, die sich gerne auch „Häfler“ nennen, zu verdanken. Denn normalerweise lässt sich der Regionalflughafen durch zwei Worte beschreiben: leise und leer. Vor allem die Coronapandemie hat dem Flughafen stark zugesetzt – im Jahr 2020 brach die Zahl der Passagiere um fast 80 Prozent auf rund 120.000 Gäste ein. Das sorgte zuletzt für eine Schuldenlast von 30 Millionen Euro, sodass der Bodensee-Airport im Juni 2021 Insolvenz in Eigenverantwortung beantragen musste. Doch an diesem kühlen Herbsttag fühlt es sich nicht so an, als ob der Flughafen in Schwierigkeiten stecken würde. Ganz im Gegenteil:

„Es ist eine positive Stimmung. Es geht wieder aufwärts“, erzählt Paul Kurz. Der 82-jährige trägt eine neongelbe Warnweste, ist mittelgroß, von fülliger Statur und somit kaum zu übersehen. Auf die Frage nach seinem Beruf antwortet er: „Rentner. Seit 2003.“. Vorher war er im Außendienst von Liebherr tätig gewesen. „Die machen Kühlgeräte.“, sagt er. Auf die Frage, welcher Tätigkeit er gerade am Flughafen nachgehe, antwortet er: „Ich betreue Personen mit reduzierter Mobilität. Behinderte zum Beispiel.“. Das mache er jetzt schon seit 13 Jahren. Aktuell kommt ihm aber noch eine weitere Aufgabe zu: Er erinnert Passagiere und Mitarbeiter des Flughafens daran, sich in der Halle an die Maskenpflicht zu halten. Ob das Angebot der Mobilitätsbetreuung denn gut angenommen werde, ist die nächste Frage: „Wenn ich was sage wegen der Maske? Eher ja wie nein“, antwortet Kurz. Nach dem etwas missverständlich geendeten Gespräch schreitet der berufstätige Rentner mit gemächlich-breitbeinigem Gang auf die andere Seite der Flughafenhalle. Über dem Haupteingang, vor dem Paul Kurz gerade noch stand, thront eine Werbefläche: „LIEBHERR. Mehr Freude an der Frische.“, steht dort geschrieben. 

Auf der anderen Seite der Halle befindet sich ein Schalter des Reisebüros alltours, in dem Natalia Bellic arbeitet. „Es wird viel genutzt“, antwortet sie auf die Frage, ob Reisebüros aufgrund des Online-Geschäftes überhaupt noch in Anspruch genommen werden. Tatsächlich wartete während des kurzen Gesprächs bereits ein Kunde darauf, an den Schalter treten zu können. Natalia arbeitet jeden Tag im Reisebüro, auch wenn keine Flüge anstehen. „Wir haben gerade auf den Winterflugplan umgestellt“, erzählt sie anschließend und listet einige Reiseziele auf, die von Friedrichshafen aus angeflogen werden: Fuerteventura, Gran Canaria, die Türkei und Ägypten. 

Von den übrigen Schaltern sind sonst nur wenige besetzt. Das gleichmäßige Klackern der Koffer, die über die quadratischen, glänzenden Fließen des Hallenbodens rollen, sorgt für eine harmonische Atmosphäre. Hoch oben in der Mitte der Halle hängt eine unspektakulär aussehende Uhr: Es ist 12:30 Uhr. Um 14:55 Uhr geht der Flug nach Gran Canaria. Darunter hängt eine weitere Werbefläche – diesmal von der Schwäbischen Zeitung: Es bildet fünf Flugzeugfenster von außen ab, hinter denen jeweils Passagiere sitzen und die Schwäbische lesen. Ein wahrer Regionalflughafen eben. 

Eine junge Familie betritt den Flughafen. Die Mutter stellt sich mit dem kleinen Mädchen – vielleicht vier Jahre alt – vor eine Vitrine, in der unter anderem Spielzeugautos ausgestellt sind. „Brrrrr“, macht das Mädchen, als es die Autos sieht. Dann ertönt eine Durchsage: „Schützen Sie sich selbst und halten 1,5 Meter Abstand zu anderen Personen und unseren Mitarbeitern.“. Das kleine Mädchen lacht. „Findest du das lustig – die Durchsage?“, fragt die Mutter. „Jaahaa“, lacht das Mädchen erneut.

In der Mitte der Flughafenhalle steht eine Palme in einem Topf. Sie ist oben abgebrochen, sodass sie keine Krone besitzt. Nur ein einziges Palmblatt sprießt aus der Mitte des Stamms hervor, das halb erschlafft in Richtung Bodenhängt. Wirkliches Urlaubsfeeling kommt da nicht auf. Vielleicht ist das auch der Grund, warum kaum einer der Passagiere für ein kurzes Gespräch zu gewinnen ist. „Ich bin kein Interviewer“, sagt ein älterer Mann – ein anderer lehnt mit einem simplen „Nein“ ab. Eine ältere Dame erklärt, sie könne gerade nicht. „Wir wissen gar nicht, ob wir hier richtig sind“, sagt sie sichtlich nervös. Ihr Mann sei gerade zum alltours-Schalter von Natalia gegangen. 

Dann nähert sich – in nicht mehr ganz so gemächlichem Schritt – eine neongelbe Weste. Paul Kurz bleibt ungefähr einen Meter vor einer der Bänke stehen, die in der Halle verteilt stehen, und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf einen – anscheinend maskenlosen – Passagier. Dann deutet der 82-Jährige auf seinen FFP2-Atemschutz. „Maske!“, sagt er laut. Der Passagier gehorcht und Langzieht weiter. 

Auf einer anderen dieser Bänke sitzen zwei Brüdern: Jens und Helmut L.. Beide tragen funktional-legere Klamotten mit leicht-rockig anmutenden Elementen und Baseballkappen. Jens ist der ältere von beiden, 41 Jahre alt und von Beruf Fräser. Helmut ist 33 Jahre alt und Lagerist. Beide kommen aus Markdorf und fliegen für eine Woche nach Gran Canaria, um dort dem deutschen Winter zu entkommen. „Wir sind lange nicht mehr weggewesen“, sagt Helmut – aufgrund der Pandemielage. Auch dieses Jahr haben sie lange gezögert, bevor sie ihren Urlaub gebucht haben und „auf eine ruhigere Situation“ gewartet, wie Helmut erklärt. „Strand und Meer muss schon sein bei uns“, antwortet Helmut auf die Frage nach ihren Urlaubspräferenzen. Das spiegelt sich bei der Wahl ihrer bisherigen Reiseziele wider: Vor drei Jahren waren die Brüder zusammen auf Teneriffa und Helmut war vor ungefähr 15 Jahren schon mal mit einem Freund auf Gran Canaria. Hoffentlich sind die Palmen dort schöner. 

Am Informationsschalter des Flughafens fragt ein älteres Pärchen nach Einreiseinformationen – wahrscheinlich für Gran Canaria. „Da müssen Sie auf die Seite des Auswärtigen Amts“, weist die Dame am Schalter das Paar hin. Dieses gibt sich mit der Antwort allerdings nicht zufrieden und bleibt hartnäckig. Auch nach mehreren Minuten scheinen sie keine Lösung gefunden zu haben. Wenig später ertönt eine weitere Durchsage: „Herr Kurz, kommen Sie bitte zur Flughafeninformation. Herr Kurz bitte zur Flughafeninformation.“ – es ist die Stimme der Dame am Infoschalter. Als Paul Kurz dort eintrifft, wendet er sich an das ältere Pärchen und sagt lachend: „Fragen Sie mich nichts, ich weiß nichts!“. 

Wer beim Thema Einreise dagegen besser weiterhelfen kann, ist der deutsche Zoll. Martin Scheidegger, 20 Jahre alt, und Laura-Maria Brand, 18 Jahre alt, laufen schnellen Schrittes durch die Halle, denn gleich startet ihre Schicht. Sie arbeiten als Zollbeamte bei der Bundespolizei und führen die Ein- und Ausreisekontrollen am Flughafen durch. Gerade bei der Einreise komme es aufgrund der Notwendigkeit eines digitalen Einreiszertifikats häufig zu Komplikationen, sagt Martin. Eine weitere Aufgabe der beiden ist das Kontrollieren von Waren- und Gepäckstücken, in denen sie öfters schon größere Mengen an Zigaretten und Arzneimitteln gefunden haben – eben „das Übliche“, wie Martin erzählt. Alles in Allem sei aber „nicht so viel los“, da der Bodensee-Airport einfach ein „kleiner Flughafen“ ist. 

Dass diese Aussage von Martin den Flughafen Friedrichshafen gut beschreiben, wird wenig später deutlich. Denn mittlerweile hat der Check-In geschlossen und die urlaubsfreudigen Passagiere haben sich in Richtung Gate begeben. Nun ist es gleich so weit: Es geht nach Gran Canaria, dem einbrechenden deutschen Winter noch einmal für ein paar Tage entkommen. Wenig später erfüllt das tiefe Donnern der Flugzeugturbinen die Halle, die kurz danach wieder eines ist: leise und leer.