Die etwas andere Art „links“ zu denken

Quelle: Google

Welche Unterschiede bestehen zwischen Links und Rechtshändigkeit? Sandra berichtet als Linkshänderin über die vielen Situationen des Umdenkens und der Neuorientierung, die sie in ihrem bisherigen Werdegang zu bewältigen hatte.

Als mir meine Mutter vor 21 Jahren einen Stift entgegenstreckte, nahm ich ihn entschlossen mit der linken Hand entgegen, um ihn anschließend zum Malen zu verwenden. Den Nächsten bekam ich ganz bewusst in meine rechte Hand gelegt, doch bevor ich ihn benutzen konnte, musste der Stift von der rechten in die linke Hand wandern. So verhielt es sich bei mir mit allen Dingen, weshalb früh und eindeutig erkannt wurde, dass ich eine Linkshänderin bin. Mit einer Mutter als geschulter Ergotherapeutin war unser Haushalt immer bestens mit allem ausgestattet, was für einen Menschen mit Linkshändigkeit essentiell ist, um sich nicht unnötig zu verletzen: Linkshänderscheren und Kartoffelschäler, beidseitig geschliffene Messer sowie einen Schlitten und Rollschuhe, die ihre Bremsen mittig oder beidseitig hatten, sodass beim intuitiven Griff bzw. Tritt nach der Bremse mit der linken Hand oder dem linken Fuß auch eine erreicht werden konnte.

Mit meiner Einschulung wurde mir jedoch plötzlich sehr bewusst, dass ich viele Dinge und Tätigkeiten instinktiv anders wahrnahm oder ausübte als meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Also musste ich beginnen, mich anzupassen, umzudenken und selbst zu organisieren. Ich war beispielsweise gezwungen immer am linken Rand einer Tischreihe zu sitzen, damit sich beim Schreiben die Ellenbogen mit meinem Sitznachbar oder meiner Sitznachbarin nicht im Weg waren. Unser damaliger Schularzt riet meiner Mutter sogar, mich „umzutrainieren“ – zur Erinnerung: ich bin Jahrgang 96 – was sie aber zum Glück nicht zuließ. Früher war das jedoch vollkommen normal. Wissenschaftliche Studien beweisen heute, dass diese Eingriffe für die Betroffenen neurologische und z.T. sogar seelische Störungen zur Folge hatten.

Da ich meine ersten Schuljahre auf einer Waldorfschule verbrachte, musste ich auch beim Handarbeits- oder Werkunterricht immer selbst schauen, wo ich bleib‘. Wie etwa Stricken und Häkeln anders herum funktioniert oder ich bestimmte Werkzeuge – die natürlich nicht beidseitig geschliffen waren – halten muss, damit ich das Holz und nicht das Fleisch an meiner Hand bearbeite – dieses Umdenken musste ich mir stets selbst beibringen. Hinzu kamen viele Zahlendreher in Mathe, Schwierigkeiten die Uhrzeit zu lesen und später die Schwierigkeit mich allein im Straßenverkehr zurechtzufinden, da der Blick intuitiv immer erst in die „falsche“ Richtung geht. Das führte dazu, dass ich teilweise etwas länger brauchte als die Anderen, was einerseits zu Frust, andererseits zu Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und mehr Selbstständigkeit führte. Als wirklich große Erleichterung empfand ich damals den Moment, ab dem wir in der Schule nicht mehr dazu verpflichtet waren mit dem Füller zu schreiben und so das ständige Verschmieren – trotz Spezialfüller und bestimmter Haltung des Schreibgeräts – endlich ein Ende hatte!

Es ist teilweise auch kostspielig linkshändig zu sein. Das reicht vom einfachen Collegeblock, der einfach nur die Bindung auf der anderen Seite hat und hierfür das Vierfache kostet über Schreibutensilien allgemein bis hin zu sämtlichen Haushaltsgeräten, die in der Regel rechtsnormiert sind. Aber auch in anderen Bereichen sind Linkshänder im Nachteil: Im Straßenverkehr etwa liegt die Quote von Blessuren bei Linkshändern im Schnitt mehr als doppelt so hoch. Linkshänder leben schlicht riskanter und bezahlten in der Vergangenheit schon häufiger für ihre Präferenz. Im Sport, beim Fechten und Tischtennis war mir meine Linkshändigkeit jedoch von großem Vorteil: Ich war es schließlich gewohnt, gegen Rechtshänder zu spielen bzw. zu kämpfen, diese waren aber andersherum nicht auf meine Spielweise eingestellt und so gewann ich im ersten Jahr bereits beide Vereinsmeisterschaften.

Ich bin mir sicher, dass vielen Rechtshändern überhaupt nicht bewusst ist, wie stark und tief verankert Mechanismen unserer Gesellschaft auf das „Rechtshänderdenken“ ausgelegt sind. Kleinigkeiten des Alltags können zur Herausforderung werden: Das Smartphone einhändig bedienen, eine Dose öffnen auf Festivals, den Korken aus der Weinflasche holen, beim Küssen den Kopf zur intuitiv entgegengesetzten Seite neigen und selbst das Drehen einer Zigarette will anders gelernt und geübt werden.

Dass Linkshändigkeit früher als etwas Negatives galt und teilweise immer noch gilt findet sich auch in unserem Sprachgebrauch wieder: „link sein“, „zwei linke Hände oder Füße haben“, „gelinkt werden“ – alles Ausdrücke mit negativen Konnotationen. Demgegenüber steht, wenn etwas mit „rechten Dingen zugeht“ oder man das Herz am „rechten Fleck“ trägt; „right“ bedeutet übersetzt „rechts“ bzw. „richtig“ und von jemandem „die rechte Hand zu sein“ ist mit das größte Lob, welches man von seinem Vorgesetzten erhalten kann.

Linkshändigkeit schafft aber auch Verbundenheit und Sympathie zwischen Zugehörigen, da es mit ca. 20% der Gesellschaft nach wie vor eine Minderheitsgruppierung ist. Ich fiel damals beispielsweise meinem VWL Professor in der Uni auf, da er ebenfalls mit Links schreibt und wir hatten darüber direkt einen kleinen Draht zueinander. Daraus entstand ein mehrjähriges Arbeitsverhältnis an seinem Lehrstuhl.

Dennoch sind Linkshänder immer wieder Klischees ausgesetzt: Nach mehr als fragwürdigen Studien und hartnäckigen Gerüchten sind wir Linkshänder angeblich intelligenter, erfolgreicher, kreativer aber auch Sucht- und Suizidgefährdeter. Meiner Meinung nach sollte man all das nicht überbewerten, nur weil in irgendeinem Statistikprogramm oder in einer Fokusgruppe eine kleine Korrelation festgestellt wurde. Ich würde jedoch vermuten, dass Linkshänder durch die gesellschaftlichen Umstände flexibler und geübter darin sind, anders im Sinne von der Norm zu denken. Auch die Fähigkeit in bestimmten Bereichen eine höhere Frustrationstoleranz zu beweisen ist darin enthalten, auch wenn der Weg dahin mit mehr Schrammen und Narben versehen war – Linkshänder sind auch nur Menschen.

Dennoch: Es ist ein Leben der Anpassung in einer heutzutage auch im politischen Sinne leider zu rechts gewandten Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.