Die Blaue Blume im Kampf mit den Eisheiligen

Ende November ist die Blaue Blume von der Apfelwiese auf  die Wiese neben dem Kindergarten in der Windhager Straße umgezogen. Hier besteht sie bislang in einer rechtlichen Grauzone. Dies soll sich jetzt ändern.

Wer in den letzten Tagen den Weg aus dem gemütlichen Wohnzimmer oder der muffigen Bibliothek in die freie Natur gewagt hat, wird es in jeder Faser seines Körpers gespürt haben: Der Frühling ist da, und mit ihm auch die erste Blütenpracht. Hyazinthen, Krokusse, Narzissen und Veilchen brechen die kalte, schwere Wintererde auf, strecken ihre Köpfe ans Licht und überziehen Wiesen und Felder mit leuchtenden Farben. Bis zu den „Eisheiligen“ im Mai sollten sich Hobbygärtner über die Pracht vor der eigenen Haustür jedoch nicht zu früh freuen. Vor allem nachts kann es zu plötzlichen Kälteeinbrüchen kommen und die Blumen gehen ein oder verlieren einen Teil ihrer Blüten.
Auch die „Blaue Blume e.V.“, ein von Studenten gegründetes Kultur- und Wohnprojekt, ist aus ihrem Winterschlaf erwacht. Womit sie zu kämpfen hat, ist jedoch nicht der Frost, den ihre Bewohner dank der wohlig-warmen Kachelöfen in den Wohnwägen locker wegstecken. Es ist die Stadt Friedrichshafen, die der Blauen Blume das Leben schwer macht.

Das Wohnprojekt „Blaue Blume“ besteht nun seit über zwei Jahren und ist zu einem geliebten Kleinod geworden, das nicht nur die ZU, sondern auch die Stadt Friedrichshafen zu etwas Besonderem macht. Inmitten der sonst oft reaktionär und spießig anmutenden Kleinstadt hat die Blaue Blume gezeigt, dass es alternative, grüne, nachhaltige und abenteuerliche Arten zu wohnen gibt. Auf der Website der Blauen Blume heißt es: „Das Wohnprojekt ist ein Experiment. In nachhaltig ausgebauten Bau- und Zirkuswagen, fliegenden Bauten, wird hier versucht, in und mit der Natur zu leben. Was bedeutet ein Leben so nahe am Draußen? Wie lässt sich in der Stadtgestaltung nachhaltig mit Wohnungs- und Platzmangel, Bodenversiegelung und Brachflächen umgehen? Vor allem aber: Wie gestaltet sich ein achtsamer Umgang mit Umwelt und (Mit-) Menschen? Das Wohnprojekt fungiert auch als Platzwart der Blauen Blume und sorgt so für eine ständige Belebung des Ortes“.

Auch Nicht-Mitglieder des Wohnprojektes verbringen gern ihre Zeit auf der Wiese der Blauen Blume, sei es zum Kochen oder Lernen, um allein oder in Gesellschaft zu sein, alle sind jederzeit herzlich willkommen. Dieser Raum der Begegnung wird erst dadurch ermöglicht, dass die Wiese der Blauen Blume so zentral und nach allen Seiten offen gelegen ist. Doch nun steht dieser Standort auf der Kippe.
Die Wiese, die die Blaue Blume Ende November bezogen hat, gehört der Stadt Friedrichshafen. Diese hat sie an einen Bauern unter der Voraussetzung verpachtet, dass sie ausschließlich für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Da also zum Beispiel für die Wiese keine Abwasserregelungen vorgesehen sind, ist der momentane Zustand der Blauen Blume semilegal. Die Reaktion der Stadt auf die Besetzung der Wiese: Zweimonatiges Schweigen. Erst dann wurde von den Fraktionen von SPD und Grünen ein Antrag eingereicht, die Stadtverwaltung solle Lösungsvorschläge ausarbeiten, wie man die rechtliche Situation der Blauen Blume lösen könne.

Eine Möglichkeit hierfür besteht in einer Duldung seitens der Stadt. Das würde bedeuten, dass die Blaue Blume vorerst auf ihrer Wiese bleiben, aber auch jederzeit wieder geräumt werden kann. Mit dieser Lösung stünde die Blaue Blume nicht alleine da: In Deutschland gibt es etwa 70 Wagenburgen, die seit Jahrzehnten in dieser rechtlichen Grauzone existieren. Dennoch wird sie weder von der Stadt, noch von der Blauen Blume favorisiert. Oberbürgermeister Stefan Köhler, der unter anderem für das Bauordnungsamt zuständig ist, argumentiert mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz: Wenn die Stadt für die Blaue Blume einen rechtsfreien Raum eröffnen würde, könnte dies von anderen Projekten oder Einzelpersonen ebenfalls eingefordert werden. Des Weiteren würde nur eine einzige Klage gegen den Zustand das Projekt zum Scheitern verurteilen. Dies nähme der Blauen Blume jegliche Möglichkeit, ihr Kulturprojekt zu etablieren und langfristig zu planen.

Denn gerade seit dem Umzug der Blauen Blume Ende November letzten Jahres, über den Thomas Kuhn für Futur drei berichtete, sprudelt die Wiese der Blauen Blume auf dem Weg zu Fallenbrunnen nur so vor Leben. Veranstaltungen wie das Nachbarschaftscafé, die Eck-Kneipe oder der Freigeistfreitag ziehen viele Leute an, unter denen sich nicht nur Studenten, sondern auch Häfler tummeln. In Zukunft soll die von den Mitgliedern der Blauen Blume geschaffene Kulturplattform für noch mehr Leute nutzbar gemacht werden. Inmitten dieses einzigartigen Flairs soll jeder den Freiraum haben, sich selbst zu verwirklichen und Veranstaltungen ins Leben zu rufen. Dabei sollen der persönlichen Entfaltung und der Gemeinschaft keine Dogmen oder politischen Leitlinien im Wege stehen.
Durch diese Pläne wird die Blauen Blume zu einer wichtigen und langersehnten Erweiterung des Friedrichshafener Kulturangebots. Dies hat auch die Stadt Friedrichshafen erkannt: In der Sitzung des technischen Ausschusses vergangene Woche signalisierten nicht nur Grüne und SPD, sondern auch FDP und Freie Wähler, den starken politischen Willen, der Blauen Blume ihr Kultur- und Wohnprojekt zu ermöglichen. Allgemeiner Konsens war hierbei, dass die Politiker Friedrichshafen nicht nur als Industrie-, sondern auch als Kultur- und Studentenstadt mit Leben füllen wollen. Folge dessen wurde die Beschlussempfehlung der Stadtverwaltung, die angesichts der rechtlichen Problematik eher kritisch verfasst war, nicht vom technischen Ausschluss an den Gemeinderat weitergegeben. So kann die Thematik „Blaue Blume“ in der kommenden Stadtratssitzung am 21. März offen diskutiert werden. Es bleibt spannend…

Die Blaue Blume hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit mit der Stadt proaktiv zu beeinflussen, indem sie das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht und Unterstützung seitens Bürgerschaft, Uni und Politik generiert. So sprach sie beispielsweise eine offene Einladung an alle Gemeinderatsmitglieder aus und konnte positiv überzeugen. Der Repräsentant der Freien Wähler beispielsweise sagte begeistert, er habe die ZU und ihre Studenten durch seinen Besuch in der Blauen Blume von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Damit bringt er auf den Punkt, was den Verein so besonders und wichtig für unsere Universität und das Stadtbild Friedrichshafen macht.

In Eichendorffs Gedicht verkörpert die Blaue Blume das Sinnbild einer bittersüßen Utopie. Hoffen wir, dass der Verein seine eigene Utopie auch in Zukunft verwirklichen kann.

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