Debatte ohne Lösung – Veggie Day, Healthy Life?

Bei der Frage nach vegetarischer Ernährung werden wir Deutschen politischer als in so mancher Grundsatzfrage. Wie lässt sich für, wie lässt sich gegen einen Veggie Day argumentieren?

2013 wurden die Grünen belächelt bis beschimpft für ihre Wahlkampfforderung, bundesweit einen „Veggie-Day“ einzuführen. Parteienlandschaft und Medien gaben das Thema der Lächerlichkeit preis. Mittlerweile hat sich die Partei selbst von der Forderung distanziert und die Diskussion ist vorbei – Schade eigentlich. Denn Für und Wider haben ihre Argumente bei diesem Thema um Umweltschutz, Gesundheit und staatliche Bevormundung.

Wir lassen ab jetzt Aspekte außen vor, sind blauäugig oder überkritisch und vertreten nicht unsere eigene Meinung, um uns der ideologischen Frage zu widmen:

Sollte bundesweit in Großküchen, also Firmen-, Schul-, und Universitätskantinen ein vegetarischer Wochentag eingeführt werden?

 

Für den Veggie-Day

Vegetarismus und der Tag der Toleranz

Auf der Suche nach dem ultimativen Schlüssel gegen Konzentrationsmangel, sinkende Energie oder Anti-Aging denkt kaum jemand an eine vegetarische Ernährung. Dabei wissen wir alle genug über die positive Wirkung von Obst und Gemüse, ziehen aber nicht die Konsequenzen. Ein staatlich verordneter vegetarischer Wochentag könnte hier die Lösung sein.

Wir fressen uns krank. Und nicht nur unser Körper sondern auch unsere Umwelt leidet unter den fleischhaltig gedeckten Tafeln. Smog und Klimaerwärmung durch Methanausstoß der Rinder. Abgeholzte Regenwälder, die Platz machen müssen für Futtermais und Mastsoja. Grundwasserverschmutzung durch Gülle. Antibiotika und Stresshormone in der Nahrung. Massentierhaltung und abgehackte Schnäbel und Schwänze. Die Probleme sind wohl allen bekannt.

Ein vegetarischer Tag in den Großkantinen wird all diese Missstände nicht von jetzt auf gleich lösen, aber er ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dabei geht es beim Veggie-Day keineswegs um eine Bevormundung von staatlicher Seite sondern um eine Horizonterweiterung und ein Eintreten für mehr Toleranz. Als leidenschaftliche Langzeitvegetarierin und freimütige Freizeitveganerin bin ich immer noch überrascht, mit wie vielen Vorurteile und Vorwürfe ich mich manchmal herumschlagen muss.

Der Satz „Nein danke, ich esse kein Fleisch“ schlägt in bestimmten Gruppen noch immer wie eine Bombe ein und teilt in den Köpfen der Menschen die Welt in zwei verfeindete Lager – die gewissenslosen Mörder und die penetranten Dogmatiker. Und solange das noch so ist, muss die PR-Abteilung für Obst und Gemüse eine Menge Arbeit leisten. Ein vegetarischer Tag in den Kantinen kann hier Brücken bauen.

Es geht beim Veggie-Day nicht darum, alle Fleischesser zu bekehren und Vegetarismus als einzig wahre Lebensform zu preisen. Weder soll das Steak verteufelt noch der Fleischgenuss verboten werden. Vielmehr geht es darum, den Menschen Alternativen aufzuzeigen. Erst wenn in den Köpfen der Leute angekommen ist, dass Gemüse mehr als eine Beilage sein kann, wenn meine Oma gefüllte Aubergine auch ohne Hackfleisch mag, wenn Fernsehköche merken, dass man Kartoffelauflauf auch prima ohne Speck zubereiten kann und Supermärkte begreifen, dass Sandwiches mit Käse, Salat, Avocado und sogar mit Falafel und Süßkartoffel fantastisch schmecken, dann ist das Ziel des Veggie-Days erreicht.

Mit ein wenig Recherche im Internet oder dem Kauf eines guten Kochbuchs ist der angehende Vegetarier innerhalb weniger Stunden gut informiert und vor jeder Mangelerscheinung geschützt. Weder ausschließlicher Fleischkonsum noch Veganismus beugen einer unausgewogenen Ernährung vor. Und wem sein Wurstbrot zum Frühstück und sein Hühnchen am Abend wirklich nicht genügt, wer einmal die Woche nicht auf sein Stück Fleisch zum Mittag verzichten kann, der darf sich gerne eine Bulette mitbringen und ganz demonstrativ in die vegetarische Suppe tauchen.

Ich wünsche allen Fraktionen einen guten Appetit!

Von Hannah Grunewald

Gegen den Veggie-Day

Gemäßigte Fleischeslust – aber ohne Zwang!

Zu dem Zeitpunkt, da ich diesen Beitrag verfasse, habe ich etwa vier Wochen lang kein Fleisch gegessen – einfach so, weil ich es für mich für richtig halte. Und ich kenne die Zahlen: Pro Jahr futtert jeder Deutsche etwa 60 kg Fleisch – und arbeitet dabei aktiv an den eigenen Krebs- und Kreislauferkrankungen mit. Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 750 Millionen Tiere geschlachtet, alleine 630 Millionen Hühner mussten für Chicken Wings, Nuggets und Filet dran glauben. Solche Zahlen bedeuten vor allem eines: Massentierhaltung. Und dass die nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch ökologisch höchst problematisch ist, sollte uns allen mittlerweile klar sein. Warum also habe ich so ein großes Problem mit einem staatlich verordneten Veggie Day?

Weil er auf eine inakzeptable Art in die Freiheit der Menschen eingreift und dabei sowohl am Kern, als auch am Ursprung der oben genannten Probleme vorbei geht. Ihr Kern ist die Massentierhaltung und deren Ursprung ist das Konsumverhalten der Deutschen. Und beidem wird man mit einem Tag in der Woche, an dem den Menschen das Schnitzel auf dem Teller verboten wird, nicht beikommen können. Wie die Grünen lernen mussten, rettet man mit solchen Vorschlägen nicht die Welt, sondern ruft lediglich heftigen Widerstand hervor. Würde dieser Vorschlag zum Gesetz würde sich daran wenig ändern. Ja, mit einem vegetarischen Tag in Großküchen müssten ein paar tausend Tiere weniger verwurstet werden und es könnten mehrere Millionen Treibhausgase pro Jahr eingespart werden. Aber mehr nicht.

Denn solange die Mehrzahl der Deutschen die restlichen sechs Tage der Woche weiter das Billigfleisch in sich hineinschaufelt, wird die Mastindustrie (mindestens) 6/7 der Tiere unter mehr als fragwürdigen Bedingungen hochzüchten und (mindestens) 6/7 der ökologischen und klimatischen Schäden anrichten. Erst wenn die Verbraucher anfangen, ihren Konsum zu überdenken und wirklich einzuschränken – und zwar an allen Wochentagen – kann sich daran etwas ändern.

Ein Veggie Day versucht den Menschen die Entscheidung für oder gegen das Fleisch abzunehmen, ihnen ein Verhalten aufzuzwingen, und kann dabei nicht einmal das so dringend notwendige Umdenken bei ihnen erreichen. Es müssen also andere Mittel und Wege her. Die nachhaltige Landwirtschaft muss gefördert werden und den Menschen der Wert des Lebensmittels Fleisch bewusst gemacht werden.

Warum also nicht einfach die Fleischgerichte in Kantinen teurer machen als die vegetarischen Versionen? Wieso sollte es auch genau so viel kosten, wenn dafür ein Tier über Monate gelebt und gefressen hat bevor es am Ende getötet und weiterverarbeitet wurde? Und die Konsequenz aus dieser Maßnahme müsste es sein, kein billiges Massenfleisch mehr anzubieten, sondern auf regionale und möglichst artgerecht produzierte Lebensmittel umzusatteln – eine Forderung übrigens, die die Grünen auch in ihrem Wahlprogramm stehen hatten. Der Schlüssel zur Lösung der Probleme hat einen Namen: Preisregulation. Und auch in der Produktion könnte man ganz konkret ansetzen. Man muss nicht einmal die Richtlinien in der Fleischproduktion verschärfen. Es würde genügen, wenn auf die Einhaltung der bereits festgeschriebenen Standards gepocht würde – was bisher nicht der Fall ist. Bisher werden selbst homöopathisch verabreichte Regulierungen umgangen, um die Kosten für Fleisch, und damit auch den Preis, weiter drücken zu können. Das zu unterbinden, würde nicht nur bestehendes Recht durchsetzen, sondern als netten Nebeneffekt auf der Angebotsseite der Fleischindustrie ansetzen, um den Konsum der Deutschen nachhaltig zu beeinflussen. Und das, ohne die Fleischesser dabei zu stigmatisieren.

Von David Mairle

Rubrik 'Debatte ohne Lösung'

Die Debattenkultur lebt! Es gibt Fragen, die sich nicht beantworten lassen - ob ihrer ideologischen Aufladung oder der komplizierten Lage wegen. Futur drei lässt trotzdem zwei konkurrierende Seiten aufeinander los und präsentiert Debatten ohne Unterbrechungen, Geschrei und ohne Ergebnis.

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