Das Wunder von Leicester

Dieses Duo hatte vor einem Jahr noch niemand auf dem Zettel: Jamie Vardy (v.) und Riyad Mahrez jubeln gemeinsam und stehen symbolisch für ein modernes Underdog-Märchen.

Was der Fußballclub Leicester City aus dem Herzen der englischen East Midlands in der Saison 2015/16 liefert, ist nichts anderes als eine Sensation. Auch wenn die Analogie zum deutschen WM-Titel 1954 – dem Wunder von Bern – als fußballerisches Evergreen viel zu oft verwendet wird, scheint sich dieses Jahr ein wahres Wunder von Leicester anzubahnen: Denn nach 29 Spieltagen steht das kleine Leicester an der Spitze der englischen Premier League.

 

Neujahrstag 2015 – Leicester City liegt mit 14 Punkte abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz der englischen Liga. Am Ende der Saison reicht es aufgrund einer ordentlichen Rückrunde zu Tabellenplatz 14 und damit zum Klassenerhalt. Dennoch steht Leicester City im Sommer bei vielen Experten als potenzieller Absteiger auf dem Zettel. Wenige glauben daran, dass sich Leicester im englischen Erstligafußball etablieren kann. Die Buchmacher bewerten Leicester City’s Chancen auf den Premier League Titel mit 1:5000 – wohl nur, weil noch höhere Quoten nicht vorgesehen sind.

Wer damals aufgrund eines sechsten Sinns oder auch nur aus Jux und Tollerei ein paar Pfund auf die Mannschaft um den italienischen Trainer Claudio Ranieri gesetzt hat, wird den letzten 9 Spieltagen der Premier League Saison 2015/16 mit Herzrasen entgegenblicken. Leicester City hat bewiesen, dass die Mannschaft zumindest in dieser Saison der englischen Fußballelite die Stirn bieten kann und steht wenige Wochen vor einem historischen Coup.

Es gibt so viele Bilder, die sinnbildlich für die einzigartige Saison der Foxes stehen. Gerne wird dabei das gallische Dorf aus den Asterix- Comics, das der Belagerung durch die übermächtigen Römer standhält, als Vergleich herangezogen. Doch es ist nicht nur ein einzelner Kontrahent, gegen den die Fußballgallier aus Leicester antreten – die Foxes müssen sich Woche für Woche gegen einen weiteren der 19 Kontrahenten beweisen und wer die englische Liga kennt, der weiß, dass jedes vermeintlich noch so einfache Spiel zu einer hart umkämpften Fußballschlacht werden kann. Es gibt keine geschenkten drei Punkte im englischen Fußball und womöglich spielt gerade das dem Team aus Leicester in die Karten. Obwohl bereits seit den ersten Spieltagen nahezu wöchentlich das Ende der Erfolgsserie Leicester City’s prognostiziert wird, steht der Verein noch immer „on top of the table“. Das ist vor allem auf ein enorm starkes Mannschaftsgefüge, ein funktionierendes Spielsystem und den Kampfgeist der Mannschaft zurückzuführen.

Symptomatisch dafür ist beispielsweise der fünfte Spieltag der diesjährigen Premier League. Nach einem überaus positiven Saisonbeginn mit acht Punkten aus vier Spielen liegt Leicester City gegen den direkten Konkurrenten im vermeintlichen Abstiegskampf Aston Villa nach 70 Minuten mit 0:2 zurück. Viele Mannschaften hätten sich in dieser Situation wohl aufgegeben und bereits für den nächsten Spieltag geplant. Nicht so Leicester City – die Foxes drehen das Spiel und holen sich die drei Punkte. Mit dieser Kraftprobe scheint endgültig ein Knoten geplatzt zu sein: Die Mannschaft beginnt daran zu glauben, dass mehr als nur der Klassenerhalt möglich ist und straft seitdem Woche für Woche all diejenigen Lügen, die mit einem unausweichlichen Leistungseinbruch rechnen.

Es ist nicht der ganz große Fußball im Stile eines FC Barcelona, der von Leicester geboten wird. Claudio Ranieri stellt ein kompaktes, stabiles Spielsystem auf den Platz, das wohl am ehesten als eine Art defensives 4-4-2 beschrieben werden kann. Die schlechteste Passquote der Liga und der drittschlechteste Wert was durchschnittlichen Ballbesitz pro Spiel angeht, zeigen, dass es sich nicht um Ballbesitzfußball im van Gaal’schen oder Guardiola’schen Sinne handelt. Aber diese Werte zeigen eben auch, dass die alte Fußballerweisheit „Ballbesitz schießt keine Tore“ so falsch nicht sein kann. Leicester City’s Fußball macht trotz der relativ defensiven Gesamtausrichtung Spaß: Jeder wahre Fußballfan kann sich auch an einer stabilen Defensive erfreuen und bei eigenem Ballbesitz geht es so schnell nach vorne, dass sich Einige wohl an die überfallartigen Konter von Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp erinnert fühlen.

Es wäre aber falsch das Überraschungsteam aus Leicester ausschließlich auf Eigenschaften wie eine stabile Defensive und Kampfgeist zu reduzieren. Dass die Truppe durchaus auch guten Offensivfußball zeigen kann, hat sie zum Beispiel Anfang Februar gegen den Titelfavoriten Manchester City mit einem eindrucksvollen 3:1 Auswärtssieg unter Beweis gestellt.

Obwohl bei Leicester mit Sicherheit das Mannschaftsgefüge der ausschlaggebende Faktor ist, gibt es Gesichter dieser Erfolgsgeschichte. Das bekannteste davon ist inzwischen wohl Jamie Vardy. Der englische Angreifer, der erst mit Ende 20 den Durchbruch im Profifußball schaffte und bis vor wenigen Jahren nebenerwerblich tätig sein musste, um sich über Wasser zu halten, steht für vieles, was den Underdog Leicester City ausmacht. Nach einer bisher wenig überzeugenden Karriere dreht Vardy in dieser Saison so richtig auf, hat mit Treffern in zwölf aufeinanderfolgenden Spielen einen Rekord von Ruud van Nistelrooy pulverisiert, steht an der Spitze der Torjägerliste und spielt seither auch für die englische Nationalmannschaft.

Ebenso steil nach oben ging die Kurve von Riyad Mahrez. Der 25 Jährige Algerier wechselte im Winter 2014 vom französischen Zweitligisten Le Havre zum damaligen Zweitligisten Leicester City und verhalf der Mannschaft gleich in seinem ersten Halbjahr zum Aufstieg in die Premier League. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der anfänglichen Skepsis der Fans ihm gegenüber, spielt sich Mahrez inzwischen in die Herzen der Foxes-Anhänger und hat mit aktuell 15 Liga-Toren und 11 Assists großen Anteil an Tabellenplatz eins. Dass Mahrez technisch ein herausragender Spieler ist, hat er unter anderem in der Hinrunde gegen den Champions League-Sieger von 2012 Chelsea oder in der Rückrunde gegen Machester City bewiesen.

Schließlich sind auch der bisher mäßig erfolgreiche Trainer Claudio Ranieri, der von den Leicester Fans als „The Godfather“ gepriesen wird, oder alte Bekannte des deutschen Fußballs, wie Christian Fuchs oder der torgefährliche Innenverteidiger Robert Huth in dieser Saison über sich hinaus gewachsen. Zusammen mit Spielern wie dem Kapitän und Abwehrhünen Wes Morgan oder Danny Drinkwater sind diese ehemals mittelmäßigen Sportler zu Ikonen geworden. Was viele der Gesichter Erfolgs eint, ist dass sie eben nicht die typischen Sportstar-Fußballer unserer Zeit sind. Es gibt unter den Leicester-Spielern keinen Messi, der das Talent in die Wiege gelegt bekommen hat, dann die wohl beste Fußballakademie der Welt durchlief und mit 24 Jahren zum dritten Mal zum Weltfußballer gekürt wurde. Die Geschichten der Spieler von Leicester City sind andere – es sind oft Geschichten von Spielern, die bereits auf dem absteigenden Ast ihrer Karriere zu sein schienen. Dass es nun bei den Foxes so gut klappt, ist diesen Akteuren zu verdanken, die bereit sind, alles in die Waagschale zu werfen.

Diese Emotion führt dazu, dass im Moment ganz Fußballeuropa gespannt auf England blickt und jeder neutrale Fußballfan zumindest für diese Spielzeit ein wenig zum Foxes-Fan geworden ist. Wenn am 15. Mai das letzte Premier League-Spiel der Saison 2015/16 abgepfiffen wird, werden wir wissen, ob es zum ganz großen Wurf gereicht hat. Unabhängig davon ist, ob es zum ersten Meistertitel der Geschichte reicht, ist diese Saison bereits jetzt eine Sensation. In Zeiten der Fußballmillionäre in Manchester, London, Madrid und Paris, sind es gerade diese Art von Geschichten, die den Sport noch attraktiv machen und die jeden Fußballfan mitreißen.

 

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